08.06.2020, Berlin - Deutschland. Wolfgang Knie (56) war Dozent in Spanien und ist trotz der Corona-Wirren endlich wieder in Berlin, wo er im Obdachlosenheim in der Stadtmission wohnt. Foto:  Gudath

Wolfgang Knie sitzt ganz unten. Auf einem Doppelstockbett in der Notunterkunft der Berliner Stadtmission an der Lehrter-Straße. Er ist mit 56 Jahren in der Corona-Krise in die Obdachlosigkeit geschlittert. Der KURIER berichtete bereits über sein plötzliches Armutsschicksal, als er in Galicien in einem spanischen Obdachlosenheim festsaß. Seit sechs Tagen ist er wieder zurück in Berlin und hat auch hier keine Wohnung mehr.

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„Heute weiß ich, wie schnell man alles verlieren kann und dass nichts im Leben wirklich sicher ist“, sagt Wolfgang Knie. Er schwitzt sehr stark unter seiner Maske, die er zwingend in der Unterkunft tragen muss. Schweißperlen rinnen über sein Gesicht. Er hat nicht viel mit zurückgebracht, als er am Freitagabend am Berliner Hauptbahnhof ankam. Eigentlich wollte er bei einem Bekannten vorübergehend wohnen, doch der habe ihn sitzen gelassen, und nun ist er hier untergekommen. Die wenigen Sachen hat er in dem roten Schrank in seinem 15 Quadratmeter großen Zimmer einsortiert, das er mit zwei anderen Männern teilt. Alle 100 Bewohner des Heimes  verbindet ein gemeinsames Schicksal: Sie sind in der Corona-Krise obdachlos geworden und konnten hier unterkommen. Sie erhalten Vollverpflegung und können ihr Zimmer, anders als in anderen Obdachloseneinrichtungen, rund um die Uhr bewohnen. Deshalb heißt das Wohnheim „24/7“. 

Als Wolfgang Knie im September 2019 sein vertrautes Leben verließ, war er frisch verliebt. Carlos, einen Spanier, hatte er auf einer Dating-Plattform im Internet kennengelernt. Die Männer führten eine Fernbeziehung, bis Wolfgang Knie sich entschloss, in Berlin alles aufzugeben. Er kündigte seinen Job im Callcenter einer Bank und sein Zimmer in einer Wohngemeinschaft, um einen Neuanfang in Spanien zu wagen. Er hatte ziemlich schnell einen Job als freiberuflicher Dozent in einer Erwachsenenbildung gefunden.

Wolfgang Knie will jetzt von ganz unten neu beginnen

Doch das Glück zerbrach schnell, als das homosexuelle Paar fest stellte, dass sie nicht zueinander passten. „Wir hatten zu unterschiedliche Auffassungen vom Leben“, so sagt Wolfgang Knie. Er zog aus der gemeinsamen Wohnung aus in ein kleines Zimmer für schmales Geld am Rande der Stadt. Zum Liebeskummer kam dann noch die Corona-Krise hinzu.

„Schon im Februar brachen mir Aufträge weg“, sagt Knie. Rücklagen hatte er kaum angespart. „Ich habe die letzten Jahre nie mehr als 1200 Euro netto monatlich verdient, da bleibt nicht viel übrig“, sagt er. Er konnte seine Miete nicht mehr zahlen und rettete sich ins Obdachlosenheim. Dort habe man ihn nach acht Wochen wieder los werden wollen, weil er noch nicht so lange ins hiesige Sozialsystem eingezahlt habe.

Nun kehrte er notgedrungen nach Berlin zurück. Das Flugticket und die Bahnfahrt nach Hause habe ihm die spanische Friedenskirche Madrid aus Nächstenliebe gezahlt, „weil er keinen Cent mehr hatte“. Wolfgang Knie will jetzt von ganz unten neu beginnen. Mitte Juni könne er zurück in seinen alten Job im Callcenter. Er braucht nur schnellstmöglich ein Zimmer zur Miete. In der Notunterkunft kann er höchstens noch zwei Monate bleiben, weil sie dann schließt. „Das Schlimmste ist, wenn man sein positives Denken verliert“, findet Wolfgang Knie. Er will nicht länger in seinem Schicksal gefangen und obdachlos sein. Er will zurück in sein altes Leben.