Die Wiener Krankenschwestern Jenifer Damith und Jessica Wallner appellieren an uns alle. Foto: Facebook

Im Netz geht ein Foto von zwei Krankenschwestern um die Welt. In OP-Montur halten sie ein Schild in die Kamera: Wir bleiben für euch da. Bleibt Ihr bitte für uns daheim, steht darauf. Eine Berliner Anästhesistin und Notärztin appelliert im KURIER: „Ihr habt es jetzt in der Hand, uns die nötige Zeit zu verschaffen!“

Seit Wochen bereiten sich Kliniken auch in Berlin auf eine Zunahme der Corona-Fälle, die intensive medizinische
Betreuung brauchen, vor. Doch was heißt vorbereiten konkret? Julia Schrader (Name geändert) ist Anästhesistin in einer Berliner Klinik: „Wir schulen derzeit zum Beispiel Chirurgen in Beatmung. Ab der nächsten Woche richten wir uns auf mehr Personalbedarf ein. Wir sind angehalten, Berlin nicht mehr zu verlassen.“ Julia Schrader arbeitet in einem der großen Berliner Krankenhäuser als Anästhesistin und fährt als Notärztin Einsätze im Rettungswagen. „Bleibt zu Hause!“, sagt sie. „Ich möchte nicht mit einem jungen Schwerverletzten im Rettungswagen unterwegs sein und kein freies Intensivbett finden.“

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Denn wenn die Kapazitäten von derzeit etwa 1000 Intensivbetten in Berlin nicht ausreichen, sind nicht nur Corona-Patienten, sondern auch die mit Herzinfarkt, Schlaganfall oder Verkehrsunfall betroffen. Die kommenden Wochen
werden unser Gesundheitssystem insbesondere im Bereich der Akut und Intensivmedizin vor besondere Herausforderungen stellen. „Auch wenn sich viele Krankenhäuser seit einigen Wochen vorbereiten, kann es an der einen oder anderen Stelle auch im ärztlichen Bereich und hier konkret im Bereich der Intensivmedizin zu
Engpässen kommen.“, schreibt der Hauptgeschäftsführer des Berufsverbands Deutscher Anästhesisten, Alexander Schleppers in einer Rundmail und appelliert an niedergelassene Kollegen, Freiberufler und Rentner, den Kampf gegen das Virus zu unterstützen. „Was man den Menschen klar machen muss, ist dass die vorhandenen Betten auf Intensivstationen auch derzeit häufig schon belegt sind. Krankenhäuser werden nicht dafür bezahlt, freie Betten vorzuhalten“, sagt Schrader. Bei Corona-Infizierten, die auf intensivmedizinische Betreuung angewiesen sind, würden die die Betten außerdem häufig längerfristig benötigt, ein, zwei, drei Wochen. Das bringt das System unter Druck.

Eine Maßnahme, um die Kapazitäten zu verdoppeln, ist,  geplante Operationen zu verschieben. „Aber auch eine Tumor-OP ist so eine geplante Operation“, gibt Schrader zu bedenken. Diese würden im Moment noch durchgeführt. Eine große Intensivstation in Berlin hat etwa 25 Betten. Die Patienten müssen dort mit unheimlichem Personalaufwand, der kaum zu stemmen ist, betreut werden. Schon im letzten Jahr konnten in vielen deutschen Kliniken Betten nicht belegt werden, weil schlicht das Personal fehlte. Der Markt ist leergefegt.  „Wir fühlen uns im Stich gelassen, wenn etwa niedergelassene Ärzte jetzt einfach ihre Praxen dicht machen“, so Schrader. Die ohnehin gut ausgelasteten Krankenhäuser geraten so noch weiter unter Druck.

Triage ist die größte Angst für einen Arzt

Derzeit steckten bei den laufenden Vorbereitungen die Probleme im Detail. Wo bekomme ich Anschlüsse für Beatmungsgeräte her? Soll man OP-Säle umfunktionieren, wo solche Anschlüsse vorhanden sind? „Das Ziel ist, Intensivkapazitäten zu schaffen, wo eigentlich keine sind“, so Schrader.  Es sei daher schwer verständlich, dass die Menschen nun einerseits alles leer kaufen und dennoch draußen herumlaufen, als wenn nichts wäre. „Die Zeit, die wir jetzt brauchen, um Patienten nach und nach gut zu versorgen, muss uns jetzt die Bevölkerung verschaffen!“

Dann kommt es auch nicht zum Äußersten: Triage (französisch für „Aussuchen“), die Einteilung von Verletzen bei einer Katastrophe. „Das ist die größte Angst für einen Arzt“, so Schrader. Leitende Ärzte müssten die Einteilung anhand Alter, Vorerkrankung und Prognose, vornehmen, wenn nicht mehr alle behandelt werden können. Deshalb sei es jetzt wichtig, alle unnötigen Kontakte zu vermeiden. „Dann kriegen wir das auch hin.“