Der Angeklagte Bayarsaikhan H. beim ersten Prozess vor dem Berliner Landgericht. Er wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt. Nun geht es um die Sicherungsverwahrung. Foto: Pressefoto Wagner

Die Bestellungen wurden prompt ausgeführt: Bayarsaikhan H. musste nur bei seiner Adoptivschwester, die mit ihrer Familie ein paar Etagen über ihm wohnte, anrufen. Und sie brachte ihm – wie geheißen – eine ihrer drei Töchter, erzählte ihren Söhnen, sie würden bei dem Onkel das Wissenschaftsmagazin „Galileo“ schauen. Dabei wusste Gabriele K. sehr genau, was mit ihren Mädchen im Schlafzimmer von Bayarsaikhan H. geschehen würde. Doch die Mutter ließ es zu, sie war oft selbst dabei, filmte den viel hundertfachen Missbrauch sogar einige Male und sorgte dafür, dass H. nicht gestört wurde.

Bayarsaikhan H. sitzt am Mittwochmorgen auf der Anklagebank des Berliner Landgerichts. Es ist das zweite Mal in diesem Verfahren wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern. Ab und an schaut der gelernte Industriemechantroniker nach hinten in den Saal, dorthin, wo die Zuhörer sitzen, dorthin, wo drei junge Frauen Platz genommen haben – 15, 17 und 18 Jahre alt. Es sind die Mädchen von einst, die sich Bayarsaikhan H. damals kommen ließ und die heute in psychologischer Betreuung sind. Sie waren Kinder, als der Mann sie das erste Mal vergewaltigte.

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Der 52-jährige Mann, der seine Haare zu einem Zopf zusammengebunden hat, hat selbst zwei Söhne, seine Frau hat ihn 2013 verlassen. Im Juni vorigen Jahres wurde Bayarsaikhan H. für seine Taten verurteilt. 13 Jahre Haft, lautete die Entscheidung des Gerichts. Für die Richter war es bewiesen, dass der Mann zwischen 2006 und 2017 die drei Kinder seiner Adoptivschwester 548-mal missbrauchte und von den schweren sexuellen Übergriffen mehrfach auch Videoaufnahmen und Fotos fertigte.

Gabriele K. wurde wegen schweren sexuellen Missbrauch von Kindern in 547 Fällen zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und zehn Monaten verurteilt. Der Bundesgerichtshof verwarf im August vorigen Jahres die Revisionen der Angeklagten, womit das Urteil gegen Gabriele K. rechtskräftig wurde. Auch an dem Strafmaß für Bayarsaikhan H. kann die jetzige Verhandlung nichts ändern. Es geht darum, ob gegen den Angeklagten noch eine Sicherungsverwahrung angeordnet werden muss. Das erste Gericht hatte die Voraussetzungen dafür verneint – rechtsfehlerhaft, wie der Bundesgerichtshof befand.

Die Mutter sprach von Seelenverwandschaft

Nun muss eine neue Kammer darüber entscheiden – die 18. Jugendkammer. Als der Vorsitzende Richter an diesem ersten Verhandlungstag das erstinstanzliche Urteil verliest, wird es sehr ruhig im Saal. Der erste Prozess wurde zehn Wochen lang bis zum Urteil hinter verschlossenen Türen geführt, um die Opfer zu schützen. Die Begründung des Urteils, die nun zu hören ist, macht klar, warum. Jede Tat wird geschildert. Zweimal, manchmal dreimal in der Woche ließ sich Bayarsaikhan H. demnach eine der Töchter bringen. Gabriele K. soll dem aus der Mongolei stammenden Mann hörig und von ihm abhängig gewesen sein. Sie sprach von einer Seelenverwandtschaft.

Erstmals trat Bayarsaikhan H. vor 15 Jahren in das Leben der Familie von Gabriele K. Damals sei ein Handwerker gesucht worden, der die Schöneberger Eigentumswohnung ausbauen konnte, heißt es im Urteil. Bayarsaikhan H. meldete sich. Er war zu jener Zeit Mitglied einer aus Korea stammenden Glaubensgemeinschaft, stellte sich als Jakob vor und zeigte schnell seine manipulative Persönlichkeit. Wenn er anrief, ließ Gabriele K. schon bald alles stehen und liegen. Sie vernachlässigte ihre Familie, ging mit Bayarsaikhan H. ins Bett und kochte für ihn. Nach dem Essen verschwand er mit einem der Mädchen im Schlafzimmer. 2009 zog der Mann von Gabriele K. aus der gemeinsamen Wohnung aus. Im ersten Prozess erklärte er, er habe das Gefühl gehabt, aus der Familie gedrängt worden zu sein. 2011 ging er „aus Sorge um die Kinder“ zum Jugendamt, heißt es. Ohne Erfolg.

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Bayarsaikhan H. habe die kindliche Abhängigkeit ausgenutzt, so steht es im Urteil. Die Erstgeborene von Gabriele K. war drei Jahre alt, als sie das erste Mal zu dem Angeklagten gebracht wurde. Die Missbrauchsfälle kamen ans Licht, als sie sich zwölf Jahre später einem Freund anvertraute. Im September 2018 ging sie zur Polizei und zeigte Bayarsaikhan H. an. Einen Tag später wurde er festgenommen.

Der Angeklagte legte im ersten Verfahren, in dem zunächst sogar mehr als 1000 Taten angeklagt waren, ein Teilgeständnis ab. In Briefen, die er aus der Untersuchungshaft schrieb, erklärte er unter anderem, die älteste Tochter von Gabriele K. habe „das unbedingt gewollt“. Er nannte das Mädchen darin seine Ex-Verlobte.

Nicht nur das Strafmaß von 13 Jahren Haft steht für Bayarsaikhan H. fest. Außer Frage steht auch, dass er für seine Taten voll schuldfähig ist. Ebenfalls unstrittig ist das Schmerzensgeld in Höhe von insgesamt 140.000 Euro, dass das Gericht den drei Opfern zugesprochen hat. Geklärt werden muss nun, ob der Angeklagte eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt. Dafür soll eine psychiatrische Sachverständige gehört werden. Schon am dritten Verhandlungstag könnten die Richter dann entscheiden, ob sie eine Sicherungsverwahrung verhängen.