Norbert Raeder vor seinem „Kastanienwäldchen“. Er ist im Kiez bekannt für sein soziales Engagement und kümmert sich vor allem um bedürftige Menschen. Im Winter ließ er Obdachlose vier Woche in seiner Kneipe übernachten. Nun braucht der Gastwirt selbst Hilfe.  Volkmar Otto

Der Reinickendorfer Norbert Raeder darf sein Tanzlolkal „Kastanienwäldchen“ seit 17 Monaten nicht öffnen, weil die Behörden ihm das untersagen. Doch trotzdem erhielt er in dieser Zeit saftige Rechnungen von der Gema. Mitten in der Pandemie flatterten ihm Zahlungsaufforderungen für „Disco-Nächte“ in Höhe von insgesamt 1008 Euro ins Haus, obwohl bei ihm gar keine Musikveranstaltungen stattfinden dürfen.

„Ich weiß nicht mehr, was ich noch dazu sagen soll. Ich fühle mich vom Staat total allein gelassen“, sagt Norbert Raeder. Der KURIER berichtete bereits über das Schicksal des Berliners, der seine Kneipe nicht wie andere Gastronomen öffnen durfte, da sie sich von Tanzveranstaltungen finanziert und die wegen der Kontaktbeschränkungen noch immer nicht gestattet sind. Seit 13. März 2020 hat Norbert Raeder sein Kastanienwäldchen an der Residenzstraße nun schon geschlossen und kämpft seitdem verzweifelt um seine Existenz.

Insgesamt 9512 Euro soll Norbert Raeder an die Gema zahlen

Doch mit den neuesten Gema-Bescheiden in Höhe von 1008 Euro in diesem Halbjahr 2021 schwindet allmählich auch Raeders Optimismus. Und damit nicht genug: Insgesamt 9512 Euro will die Gema noch von ihm haben, so ist es im Online-Portal der Verwertungsgesellschaft ersichtlich. Darin enthalten sind auch Beträge, die ihm bereits vor seiner Schließung zugestellt worden sind, als noch Musikveranstaltungen in seiner Kneipe stattfinden durften. „Ich verstehe überhaupt gar nicht, wie dieser riesige Betrag zustanden gekommen ist“, so der Gastronom. Der Schriftverkehr mit der Gema sei ein einziges Wirrwarr. Als er noch geöffnet hatte, habe man ihm sogar Beträge für Veranstaltungen berechnet, die gar nicht stattgefunden haben sollen und die er unmittelbar nach der Schließung am 13. März 2020 abgemeldet habe, betont er.

Er hat sogar schon einen Juristen beauftragt, der die Angelegenheit für ihn klären soll, da ihm das bei der Gema niemand erläutern könne. Einen ganzen Ordner mit Schreiben habe er schon gesammelt, die noch nicht einmal sein Anwalt verstehe. „Sie reagieren nicht auf meine Mails und eine Mitarbeiterin hat mir am Telefon erzählt, dass der Betrag falsch ist und ich noch einmal 3000 Euro davon abziehen soll. Schriftlich bekomme ich diese Aussage aber nicht“, sagt Raeder.

Seit fast eineinhalb Jahren stehen im Reinickendorfer Tanzlokal die Stühle hoch und die Musik still. Dennoch flatterten Norbert Raeder Rechnungen für „Disco-Nächte“ von der Gema ins Haus.

Auf seine letzte Anfrage vom 11. Juni 2021 per Mail an die Gema, erhielt Norbert Raeder knapp einen Monat später, am 9. Juli 2021 folgende Antwort: „Die bisher geltende Kulanzregelung der Gutschriften für Zeiträume behördlich angeordneten Betriebsschließungen  im Jahr 2021 ist beendet.“ In der Zwischenzeit hat der Kneipenwirt sogar schon einen Mahnbescheid in Höhe von 804  Euro und anschließend eine Vollstreckungsandrohung zugeschickt bekommen und rechnet mit dem Schlimmsten: „Wovon soll ich denn das Geld zahlen, wenn ich keine Einnahmen habe“, fragt er sich. Seine letzte Rechnung von der Gema über 504 Euro, die dem KURIER vorliegt, erhielt Norbert Raeder am 5. Juli. Sie betrifft den Zeitraum vom 1. April bis 30. Juni „für die Disco-Nacht freitags und samstags“, die momentan bei ihm gar nicht stattfinden darf. 

Bei der Clubcommission Berlin, die Clubs und Veranstalter der Stadt vertreten, ist der Ärger mit der Gema nicht unbekannt: „Davon hören wir häufiger, dass Clubs und Veranstalter während der Schließung Rechnungen von der Gema erhalten. Wir unterstützen die verschiedenen Betreiber und helfen ihnen auch bei den Widersprüchen.“ Bei der Gema habe es eine Kulanzregelung mit engen Fristen gegeben, die nicht jeder Unternehmer mitbekommen habe. „Die Gema ist sehr rigoros und bekannt dafür in der Szene.“

Gema: Rechnungsversand sei automatisierter Prozess

Der KURIER hat auch bei der Gema nachgefragt: Warum soll Norbert Raeder während der pandemisch bedingten Schließung Gebühren entrichten? „Dem Kunden sind wir bereits entgegen gekommen. Ein Großteil der offenen Forderungen stammt aus Musiknutzungen vor Corona. Hier haben wir über unsere Kanzlei dem Kunden bereits ein Vergleichsangebot unterbreiten lassen, um die Altlasten, welche meist auf nicht lizenzierte Musiknutzungen der Vergangenheit beruhen, abzubauen. Für die bestehenden Verträge wurden bereits Teilstornierungen für behördlich angeordnete Schließzeiten (16.03.2020-08.03.2021) gewährt“, teilte eine Sprecherin der Gema mit. Warum der Reinickendorfer Gastronom am 7. Juli erneut eine Rechnung für Veranstaltungen von April bis Ende Juni erhielt darauf ging die Sprecherin aber nicht ein.

Deshalb fragte der KURIER abermals bei der Gema nach: Warum sendete die Gema eine Rechnung an ein geschlossenes Tanzlokal? Es sei zwar dass ein Rechnungsversand gemäß bestehendem Vertrag erfolgt, da dies automatisierte Prozesse seien, die sie aber durch die parallel versandte Information an Herrn Raeder entkräftet hätten, wie die weiteren Schließzeiten bei der GEMA gemeldet werden könnten und Berücksichtigung fänden, teilte die Sprecherin ergänzend mit. Norbert Raeder schildert das anders: „Meine Hilferufe an die Mails bezüglich der letzten Bescheide während der Schließung blieben seitens der Gema alle unbeantwortet.“