Der Osten war beim Impfen um Längen vorn. Deutsches Hygiene Museum

Wo wurde eigentlich besser und nachhaltiger geimpft, in Ost-Berlin oder in West-Berlin, in der Bundesrepublik oder in der DDR? Der Medizinhistoriker Malte Thiessen hat das erforscht und kam zu dem Ergebnis: Der Osten war um Längen vorn.

In einem Interview mit dem RBB sagte der Wissenschaftler: „Auf den ersten Blick ist der Wettbewerb zwischen Ost und West ganz eindeutig entschieden: Da gewinnt die DDR. Die DDR führte schon relativ früh, in den 1960er-Jahren, Impfpflichten ein, und zwar für fast alle Impfprogramme, die es in Ostdeutschland gab – außer für die Grippeschutzimpfung, die blieb freiwillig. Das führte dazu, dass tatsächlich die Impfquote im Osten sehr viel höher war als im Westen.“

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Wie wurde das Impfen im Osten durchgesetzt, mit Zwang? „Man realisierte auch in der DDR, dass eine forcierte Durchsetzung des Zwangs nicht unbedingt der goldene Weg ist“, so Thiessen. „Es gab immer wieder Repressionen, beispielsweise beim Studium, wo der Impfnachweis nachgefragt wurde, oder bei bestimmten Berufsgruppen. Da gab es auch ganz klare Vorgaben: ohne Impfung kein Zutritt. Aber im Alltag war man nicht gewillt oder auch nicht fähig, die 98-prozentige Impfquote, die immer wieder gefordert wurde, wirklich durchzusetzen, weil man sich nicht mit den Skeptikern rumschlagen wollte – auch weil dann Fragen aufkommen konnten, wie der sozialistische Staat mit seinen Bürgern umgeht.“ Deshalb, so Thiessen, war ein gewisser Impf-Pragmatismus auch in der DDR festzustellen.

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Wir impfen uns nicht für uns, sondern für andere

Lernen können wir nach Thiessen heute vor allem eins aus der Impfgeschichte in Ost und West: „Heute wird oft die Impfpflicht als Vorbild der DDR genommen. Da bin ich skeptisch. Was tatsächlich eine Lehre ist, ist die niedrigschwellige Verankerung des Impfens im Alltag. Und eine intensive Aufklärungs- und Werbearbeit.“ Da sei der Westen vielleicht sogar das bessere Beispiel, weil man dort auf Freiwilligkeit gesetzt habe. „Umso stärker musste man eben die Menschen auch überzeugen, warum es sich lohnt, zu impfen. Dass wir uns nicht nur für uns impfen, sondern für andere.“

Das habe, so Thiessen, die DDR aber auch gemacht und Überzeugungsarbeit geleistet, obwohl sie eigentlich auf die Impfpflicht setzen konnte. „Das tat sie aber nicht, sondern sie versuchte, die Menschen mitzunehmen. Das ist eigentlich immer der erfolgreichere Weg als Druck und Zwang.“

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