Der Immunologe Dr. Sebastian Pfeiffer (56) hat ein Corona-Testzentrum eröffnet. Foto: Gudath 

„Corona-Test Station“ steht es schwarz auf weiß auf einem Plakat am Parkplatz in der Straße In den Ministergärten. Ein Einweiser mit Gürteltasche langweilt sich, den Mundschutz trägt er lässig unterm Kinn. Wenig los heute. Ende April hatte das MVZ Ärztehaus Mitte für Schlagzeilen gesorgt, als es als erste private Einrichtung in Berlin Corona-Antikörpertests anbot. Für 60 Euro gibt es hier seitdem eine Blutabnahme per Fingerpiks. Nach zehn bis fünfzehn Minuten dann ein Ergebnis, über dessen Aussagekraft es noch immer Diskussionen gibt. Weil auch die Nachfrage nach eigentlichen Corona-Tests da ist, bietet Dr. Sebastian Pfeiffer, Immunologe und Labormediziner am Ärztehaus, auch Rachenabstriche zu 76 Euro an. Die Proben schickt er dann in das Labor Krone in Nordrhein-Westfalen, wo sie wegen der Tönnies-Mitarbeiter gerade viel zu tun haben. Dennoch gibt es nach 48 Stunden ein Ergebnis.

Mit der bisherigen Bilanz seines labordiagnostischen Angebots ist Sebastian Pfeiffer zufrieden: In den vergangenen zwei Monaten haben sich rund 1100 Menschen testen lassen. Etwa jeder zehnte nahm auch das Angebot, einen Rachenabstrich durchführen zu lassen, in Anspruch. Bei den insgesamt 104 Abstrich-Kunden fiel keiner der PCR-Tests auf das Corona-Virus positiv aus. Immerhin 32 von 1106 Kunden hatten IgG-Antikörper im Blut, sogenannte Spätantikörper, die auf eine durchgemachte Covid-Erkrankung hinweisen. Soweit die Statistik. Beim Gesundheitsamt Mitte hat man bisher kein Interesse an den privat erhobenen anonymisierten Daten. Pfeiffer hatte den Beamten angeboten, sie zur Verfügung zu stellen.

Doch wie belastbar die per Schnelltest erhobenen Daten sind, steht ohnehin auf einem anderen Blatt. Antikörpertests an sich sind schon eine umstrittene Sache, Kritiker befürchten eine teuer erkaufte Scheinsicherheit. „So ein Test sagt lediglich etwas darüber aus, ob jemand bereits Kontakt mit Corona-Viren hatte“, bestätigt auch Sebastian Pfeiffer. Viele kämen einfach aus Interesse. Ein Husten im Januar oder Februar nach dem Skifahren, das kann doch rückblickend nur Corona gewesen sein? Der Test hat etwas von einer psychohygienischen Zusatz-Leistung, die man sich gönnt. Denn seine Aussagekraft ist begrenzt.

Schützen die IgG-Antikörper vor einer neuen Ansteckung, bin ich wirklich immun wenn ich sie habe? Und wenn ja, wie lange? Diese Fragen könnten einfach noch nicht abschließend beantwortet werden, so Pfeiffer. Auch die Anfälligkeit für falsche Testergebnisse ist bei vielen Tests auf dem Markt noch immer groß, sogar Betrug und falsche Deklarierungen kommen vor.

Antikörper-Tests aus Holland falsch deklariert 

Pfeiffer etwa verwendet Antikörpertest der holländischen Firma Inzek. Unter dem Namen Biozek geriet ein Produkt  der Firma in Holland Anfang Mai unter scharfe Kritik. Investigative Journalisten der Plattform OCCRP hatten herausgefunden, dass die Tests entgegen der Angabe  „Dutch made“ in China produziert wurden. Auch die Sensitivität der Tests von 98 % auf IgG Antikörper und 96 % für IgM Antikörper wurde laut der Zeitung Trouw, die sich auf zwei Studien bezog, bezweifelt. Biozek nahm laut der Zeitungsberichte daraufhin die Herkunftsangaben von seiner Webseite, will rechtliche Schritte gegen die Zeitung unternehmen.

Pfeiffer betont, dass es sich bei seinen Tests um eine CE-zertifizierte Charge handelt. „Auch sind die zitierten Studien selbst mit handwerklichen Fehlern behaftet“, so Pfeiffer. „Die von uns verwendete Charge ist CE-zertifiziert und hat sich nach den vorliegen Unterlagen gegen die PCR-kalibriert.“

Pfeiffer ist sicher, dass Antikörper, auch solche gegen andere Viren aus der Corona-Familie, einen gewissen Schutz bieten. Nicht umsonst hätte es in Italien erfolgreiche Therapieversuche mit Antikörperserum Gesundeter gegeben. Früherer Kontakt mit Viren aus der Corona-Familie hätte zumindest eine Teilimmunität zur Folge, das ließen erste Studien vermuten.

Die Schlüsselstelle im Kampf gegen jegliche Viren sei jedoch, so Immunologe Pfeiffer das Immunsystem. Schließlich hält das Immunsystem nonstop Viren, die sich im Körper befinden in Schach. Das Herpes Virus etwa, oder das Epstein-Barr-Virus, verantwortlich für das Pfeiffersche Drüsenfieber, das etwa 98 Prozent der Bevölkerung weitgehend unbemerkt in sich tragen. Neure Erkenntnisse legen auch für Corona-Erkrankungen nahe, dass es unter anderem eine überschießende Reaktion des Immunsystems ist, die schwere Fälle so schwer behandelbar werden lässt. Zytokinstürme – die massenhafte Ausschüttung von entzündungsfördernden Botenstoffen machen sich bei einer solchen Überreaktion im ganzen Körper bemerkbar. Vorgeschädigte Organe wie Herz, Leber oder Niere sind dem dann nur schwer gewachsen.

Testen wird normales Tagesgeschäft 

Die Ankündigung, auch in Berlin mittelfristig jeden der das möchte, kostenlos zu testen, findet Pfeiffers Zuspruch. „Man muss die Werkzeuge nutzen, die einem zur Verfügung stehen. „Wir werden das Testen als Tagesgeschäft erleben“, glaubt er. Um an Schulen den Präsenzunterricht zu gewährleisten sei etwa eine zunächst wöchentliche Testung aller sinnvoll. Einzelne Länder wie etwa Tschechien verlangten bei Einreise bereits jetzt eine Negativbescheinigung, bei ihm in der Praxis hätten Schwedenhaus-Besitzer bereits jetzt Termine für die Zeit nach ihrer Rückkehr gemacht. Sie wollen sich Virenfreiheit bescheinigen lassen um einer Quarantäne zu entgehen.

„Labordiagnostisch werden wir schneller mit validen Tests sein als die Impfstoffentwicklung“, glaubt Sebastian Pfeiffer. An den Kapazitäten der Laboratorien in Deutschland sollte es dabei nicht scheitern. Das Standard-Testverfahren mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR-Test) läuft dort weitgehend automatisiert. Maschinell werden für den Corona-Nachweis RNA-Teilchen des Virus im Blut so oft vermehrt, bis die Sequenz messbar ist.

Pfeiffer lässt die Rachen- und Nasen-Abstriche aus dem Zelt nicht in seinem eigenen Berliner Labor untersuchen, dazu sind es bisher zu wenige Aufträge, sondern schickt die Proben an das Labor Krone in Bad Salzuflen. Das Labor ist derzeit mit den Tests der Tönnies-Mitarbeiter gut ausgelastet und wertet bis zu 1000 Tests am Tag aus. Normalerweise aber würden die Kapazitäten dort bisher nur etwa zur Hälfte abgefragt, so Pfeiffer.

Vielmehr als fehlende Reagenzien und Laborplätze zeichne sich derzeit ein ganz anderes Problem ab: ein Run auf Spritzgusshersteller, so Pfeiffer. Hersteller von Plastikröhrchen und Trägerpaletten ohne die in Laboren nichts geht, gerieten derzeit ins Visier amerikanischer und chinesischer Firmen.

Sebastian Pfeiffer, das spürt man, ist als Mediziner fasziniert vom Echtzeit-Lernen, welches der neue Erreger möglich macht. „Vor hundert Jahren gab es das zuletzt mit der Spanischen Grippe“, sagt er. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch einmal so hautnah miterleben kann.“