Die Kinder der Mierendorff-Grundschule singen das Lied von der Friedenstaube. Sabine Gudath

"Kleine weiße Friedenstaube" - das fast vergessene Lied erlebt derzeit in vielen Schulen und Kitas in Berlin ein Revival.  73 Jahre alt, hat das Kinderlied in seiner Einfachheit und Direktheit nichts von seiner Aussagekraft verloren. Wir wollen Frieden, für alle Kinder, überall auf der Welt, so lautet die Botschaft. An der Mierendorff-Grundschule in Charlottenburg hat das Lied, das unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs entstand,  eine ganz besondere Bedeutung. Viele der Kinder, die es hier aus vollem Herzen singen, sind selber vor Krieg und Elend geflüchtet.

Kinder kennen den Krieg aus Erzählungen

Musiklehrerin Doreen Giese bekommt jedes Mal eine Gänsehaut, wenn ihre Kinder anfangen zu singen. Die 49-Jährige ist in der DDR groß geworden, sie kennt das Lied von der kleinen weißen Taube aus ihrer Schulzeit. Mit Beginn des Krieges in der Ukraine sucht sie nach einem Ventil, nach einer Ausdruckform, die es den Kindern ermöglicht, über das Schreckliche zu sprechen - oder zu singen.

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Die Kinder an der Mierendorff-Grundschule kommen aus vielen verschiedenen Ländern: Sie kommen aus Serbien, aus Syrien, aus Pakistan und aus Kambodscha. Manche von ihnen gehen in eine Willkommensklasse. Die Kinder wissen aus den Erzählungen der Großen, was es heißt, wenn in der Heimat Unruhe oder gar Krieg herrscht. Da ist ein Vater, der aus Syrien fliehen musste und nun in Berlin ukrainischen Geflüchteten hilft. Da sind die Großeltern, deren Dorf zerstört wurde. Der Krieg ist auf einmal ganz nah, mitten im friedlichen Berlin.

Musiklehrerin Doreen Giese Stefanie Hildebrandt

Damit er nicht die Oberhand gewinnt, und um dem Schrecken etwas entgegen zusetzen, haben die Kinder mit ihrer Lehrerin weiße Friedenstauben gebastelt, heute sollen sie in die Luft, in den Himmel über Berlin fliegen. An roten Ballons baumeln die Wünsche von Dila, Anna, Hazal, Karl und all den anderen: „Frieden für die ganze Welt“, steht da. Oder„ Kleine Friedenstaube, mach dass der Krieg in der Ukraine aufhört. “ „Komm uns mal besuchen und bleib gesund, kleine Friedenstaube.“

Stefanie Hildebrandt
Der Wunsch nach Frieden ist unüberhörbar. Auf weiße Tauben an Ballons haben die Kinder ihre Gedanken geschrieben.

Voller Vorfreude haben sich die Schüler der ersten, zweiten und dritten Klassen nach der Hofpause auf dem Sportplatz versammelt, um ihre Friedenstauben endlich fliegen zulassen. Als der Schulleiter eine kurze Ansprache hält, sind die 150 Kinder mucksmäuschenstill. Und dann klingen ihre Stimmen klar und unmissverständlich. „Du sollst fliegen, Friedenstaube, allen sag es hier, dass nie wieder Krieg wir wollen, Frieden wollen wir.“

Stefanie Hildebrandt
Kinder der Mierendorff-Grundschule haben das Lied „Kleine weiße Friedenstaube“ geübt:  Adem, Zoe, Jolien, und Milene (v.l.)

Doreen Giese hat extra ein musikalisches Arrangement schreiben lassen, zu dem die Kinder heute singen, später will sie eine CD aufnehmen und sie an die Komponistin des Lieds schicken. An Erika Schirmer, die mit über 90 Jahren erlebt, wie ihr Lied wieder aktuell wird.

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„Nicht wir Erwachsenen führen das Gespräch über Krieg, sondern die Kinder sprechen über dieses Projekt mit uns“, sagt Doreen Giese.

Das Gefühl, zusammen etwas auf die Beine zu stellen, sichtbar und hörbar zu werden, das schweißt die Kinder zusammen und bleibt in Erinnerung. „Frieden ist gut, weil da nichts brennt“, sagt einer der Erstklässler.  Und: „Weil dann niemand stirbt. “ Man müsste ihnen doch einfach nur zuhören, den Kinder überall auf der Welt.

Doreen Giese will das Lied mit ihren Kindern auf einer CD aufnehmen.