Die Jagd nach Impfstoffen hat in fast allen Laboren weltweit oberste Priorität. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Zahlreiche Forschungsgruppen weltweit arbeiten an einem Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2. Doch es werden noch viele Monate vergehen, bis ein solcher Impfstoff zur Verfügung steht. Das Robert-Koch-Institut (RKI) rechnet nicht vor Frühjahr 2021 mit der Zulassung. Nun wird eine Art Übergangslösung geprüft. Am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin hat eine Gruppe um den Immunologen Stefan Kaufmann bereits vor Jahren einen Tuberkulose-Impfstoff entwickelt. Dieser bietet nun die Chance, die Zeit zu überbrücken, bis ein Corona-Impfstoff vorliegt. Es geht darum, die Menschen schützen, für die eine Infektion besonders gefährlich werden kann.

Herr Professor Kaufmann, für Laien klingt es überraschend, dass ein Impfstoff gegen Tuberkulose, eine bakterielle Infektionskrankheit, nun gegen ein Virus helfen soll.

Das ist sicher erklärungsbedürftig. Wir haben uns mit einer anderen Lungenkrankheit, mit der Tuberkulose beschäftigt. Der Tuberkulose-Erreger ist nach wie vor der tödlichste Erreger, den es gibt. 1,5 Millionen Menschen sterben jedes Jahr daran. Wir haben seit den Neunzigerjahren an einem Impfstoff geforscht, der auf der klassischen BCG-Impfung beruht. Die Abkürzung steht für Bacille-Calmette-Guérin und erinnert an die Entdecker Albert Calmette und Camille Guérin. Den BCG-Impfstoff gibt es schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Wir haben diesen Impfstoff weiterentwickelt, und er hat sich inzwischen in verschiedenen Studien als deutlich sicherer erwiesen als der ursprüngliche.

Beide, der neue und der alte Tuberkulose-Impfstoff, basieren auf einem abgeschwächten Tuberkulose-Erreger.

Ja, und mittlerweile ist ziemlich klar, dass solche Lebendimpfstoffe, und insbesondere die BCG-Impfstoffe, die Grundimmunabwehr erhöhen. Das heißt, es geht hier nicht um eine klassische Immunisierung, bei der Antikörper und andere Immunzellen gezielt diesen Erreger angreifen. Der Impfstoff ruft eine unspezifische Immunantwort des angeborenen Immunsystems hervor.

Eine Gruppe um den Immunologen Stefan Kaufmann entwickelte den Impfstoff. Foto: mpiib/David Asserhofer

Und das kann gegen das neuartige Coronavirus helfen?

Wir denken, dass dieser Impfstoff geeignet ist, die Abwehrkräfte zu stärken. Das soll nicht die endgültige Lösung sein. Aber wir wissen, es wird sich hinziehen bis zur ersten Zulassung eines erregerspezifischen Impfstoffs, wenn wir bei den Zulassungsverfahren weiterhin die nötigen strengen Kriterien anwenden. Das ist ein aufwendiges Unterfangen, und wir sollten jetzt nicht irgendwelche Schritte auslassen. Ich möchte es noch einmal betonen: Wir bieten nicht einen Impfstoff im klassischen Sinne an. Wir wollen helfen, die Zwischenphase zu überbrücken – und zwar dadurch, dass wir wissen, dass BCG-basierte Impfstoffe eine Grundresistenz aufbauen. Also eine verbesserte allgemeine Körperabwehr.

Für wen käme eine solche Impfung in Frage?

Für Hochrisikogruppen, sei es medizinisches Personal oder auch ältere Personen ab 60 Jahren. In Holland ist bereits der Antrag für eine Studie gestellt worden, um BCG zu testen. Die Studie ist aber auf medizinisches Personal beschränkt.

Wie ist der Stand in Deutschland?

Der Antrag in Deutschland muss noch eingereicht werden. Daran wird jetzt mit voller Kraft gearbeitet. Wird er genehmigt, könnte man eine Studie der Phase III mit Klinikpersonal als Probanden machen. Dabei ließe sich feststellen, ob in der mit dem Wirkstoff geimpften Gruppe mehr Probanden weiter zur Arbeit gehen können, weil sie sich gesund fühlen und es auch sind. Das wäre ein Zeichen, dass die Impfung hilft.

Wie schnell könnte eine solche Studie in Deutschland starten?

Der Antrag muss bewilligt werden, und dann muss die Finanzierung gesichert sein. Die Firma Vakzine Projekt Management (VPM), die den Impfstoff seit 2012 mit dem Serum Institute of India, einem der größten Impfstoffhersteller weltweit, weiterentwickelt hat, muss jetzt die Studienprotokolle erstellen. Dazu kann ich als Grundlagenforscher wenig beitragen, das macht das klinische Team. Da geht es unter anderem um statistische Fragen. Wir denken an eine Größenordnung von 1 000 Probanden, also zwei Gruppen mit jeweils 500 Personen. Die eine Gruppe bekommt die Wirkstoff-Impfung, die andere eine Placebo-Impfung. Ich denke, dass die Studie in vier bis sechs Wochen starten könnte und dass wir spätestens im Herbst erste Ergebnisse haben werden.

Medikamente müssen vor der Zulassung drei Phasen durchlaufen. Wir sprechen hier von einer Studie der letzten Phase, Phase III genannt, bei der der Impfstoff an vielen Personen gleichzeitig getestet wird.

Ja, denn die Phase-I-Prüfung, bei der es darum geht, starke Nebenwirkungen auszuschließen, hat der Impfstoff in Deutschland schon durchlaufen. Für Phase II wurde er in Afrika an Kleinkindern geprüft, das ist eine vulnerable Population, diese Altersgruppe reagiert besonders empfindlich. In beiden Fällen hat sich der Impfstoff als sicher erwiesen. Und er hat eine Immunantwort ausgelöst. Jetzt laufen bereits zwei Phase-III-Studien an Erwachsenen in Indien. Eine dritte mit Kleinkindern wird in Afrika südlich der Sahara in Kürze beginnen. Das heißt, in Deutschland können wir jetzt auch sofort in Phase III prüfen.

Könnten auch Menschen geimpft werden, die bereits am neuen Coronavirus erkrankt sind, um bei ihnen einen schweren Verlauf zu verhindern? Oder kann die Impfung nur die schützen, die gesund sind?

Hier geht es um reine Prävention. Es besteht das Risiko, dass es bei Erkrankten zu einer überschießenden Reaktion des Immunsystems kommt, wenn sie geimpft werden. Es wird jedoch erwogen, diejenigen mit einzubeziehen, die zwar infiziert, aber gesund sind.

Wie lange wären die Gesunden nach einer Impfung vor einer Infektion mit Sars-CoV-2 geschützt?

Ich gehe nicht davon aus, dass es ein langfristiger Schutz ist. Wir sollten eher mit Monaten rechnen, vielleicht mit einem Jahr. Es geht hier wirklich darum, für diejenigen, die gefährdet sind, eine Zwischenphase zu überbrücken.

Vorausgesetzt die Studie verläuft positiv: Könnte so ein Impfstoff schnell in großen Mengen hergestellt werden?

Sobald es eine Zulassung für diese Indikation gibt, kann der Impfstoff sehr schnell hergestellt und geliefert werden – und das zu einem erschwinglichen Preis. Das ist der Vorteil gegenüber dem BCG-Impfstoff, der jetzt in Holland getestet wird. Für den klassischen Impfstoff gibt es kaum Kapazitäten und die Herstellung dauert viel länger. Das Serum Institute of India wurde von der indischen Regierung bereits als systemrelevant eingestuft. Es wird den Impfstoff sehr schnell herstellen können. Das Unternehmen hat auch Produktionsstandorte in Europa.

In Ihrem im Jahr 2008 erschienenen Buch „Wächst die Seuchengefahr?“ haben Sie bereits vor einer weltweiten Epidemie durch ein Virus wie Corona gewarnt und beklagt, dass die westlichen Industrieländer diese Bedrohung nicht ernst genug nehmen. Wird sich das nun ändern?

Ich denke, die Schwelle ist überschritten. Das wird jetzt sehr ernst genommen. Bei der Ebola-Epidemie in Afrika im Jahr 2014 war man sich sicher, dass das weitgehend lokal eingegrenzt bleiben würde. Damals haben sich auch schon Ökonomen geäußert. Das war als erster Schritt sehr gut und wichtig. Man hat festgestellt, wie teuer so eine Seuche und ihre Bekämpfung ist. Ich glaube jetzt, wo wir das hautnah in Ländern wie Italien und bald wohl auch in den USA erleben, wird uns das tief prägen. Denn jetzt kommen zwei Dinge zusammen: das Bedrohungspotenzial für die Industrieländer und auch die ökonomischen Folgen, die wir noch gar nicht abschätzen können.