Der Rettungsdienst war am zuletzt am 8. Mai sehr belastet, als ein mutmaßlich psychisch Kranker am Tauentzien mit seinem Auto in eine Menschenmenge raste, eine Frau tötete und über 30 Menschen verletzte. Berliner Kurier/Markus Wächter

„Wir kommen an unsere Grenzen.“ Berlins Feuerwehrchef Karsten Homrighausen gestand bei der Vorstellung der Jahresbilanz 2021 zu, dass der Rettungsdienst überlastet ist. Im vergangenen Jahr gab es 474.627 Alarmierungen von Rettungswagen (RTW), alle 66 Sekunden einer. Ein Anstieg von fast fünf Prozent gegenüber 2020 und neuer Rekord. Daraus wurden 424.361 Einsätze von  Notfallrettung und -transport.

Die Entwicklung geht auch 2022 weiter: Im laufenden Jahr wurde nahezu täglich der Ausnahmezustand Rettungsdienst  ausgerufen. Das bedeutet, dass es mehr Alarme gibt als Fahrzeuge zur Verfügung stehen.

Feuerwehr erreicht ihre Zeit-Ziele nicht, wie schnell ihre Rettungswagen am Ziel sind

Dementsprechend kann das Ziel, dass in 90 Prozent der Fälle im Schnitt nach spätestens zehn Minuten ein RTW mit zwei Sanitätern am Einsatzort eintrifft, nicht eingehalten werden. Geschafft wurde es 2021 nur zu 48,8 Prozent, der Schnitt lag bei 10,6 Minuten.

Einen Rechtsanspruch könne niemand daraus ableiten. Kommt der Rettungswagen erst nach 15 Minuten, kommt er nach dieser Position eben erst nach 15 Minuten.

539 Feuerwehrleute waren beim tagelangen Feuer in einer Galvanikfabrik in Marienfelde im Februar 2021 im Einsatz. Pudwell

Weitere Feuerwehrzahlen 2021

  • 1.095.932 Notrufe insgesamt
  • 492.226 Einsätze insgesamt
  • 6843 Brände
  • 16 Brandtote (niedrigste Zahl seit zehn Jahren)
  • 94 Stunden dauerte der längste Einsatz 2021 der Berliner Feuerwehr beim Brand einer Galvanikfabrik in Marienfelde: Vom 11. bis 15. Februar.
  • 21.788 Fehleinsätze beim Rettungsdienst nach böswilliger Alarmierung, Abbestellung oder weil der mutmaßlich Hilflose, zu dessen Rettung Passanten die Feuerwehr gerufen hatten, von dannen gewankt ist.

Homrighausen nannte mehrere Gründe für die ständig wachsende Zahl von Notrufen: Mehr Singles und Alte in der Stadt, fehlende Standorte für Wachen, und vor allem, dass die Feuerwehr zu wenige Leute hat. 4420 Frauen und Männer sind auf den Wachen  und in der Verwaltung tätig, aber 400 ihrer Stellen sind nicht besetzt. Notfallsanitäter gebe es kaum auf dem Markt.

1500 Frauen und Männer müssten gleichzeitig in der Ausbildung sein. Es sind nur halb so viele

Feuerwehrchef und Innensenatorin Iris Spranger (SPD) verwiesen zwar darauf, dass die Zahl der Auszubildenden bei der Feuerwehr stetig wachse, es aber mit 1500 doppelt so viele sein müssten, um das selbstgesteckte Ziel von 500 Neueinstellungen pro Jahr  erreichen zu können.

Spranger kündigte an, bis 2024 alle Stellen besetzt haben zu wollen. Auf die Frage, ob man vielleicht mit besserer Besoldung der Feuerwehrleute den Beruf attraktiver machen könne, war sie sehr dafür, verwies aber auf die Zuständigkeit des Finanzsenators.

Als Notlösung kündigte Homrighausen an, dass die Bundeswehr und  die Hilfsorganisationen vom Roten Kreuz bis zu den Maltesern, die etwa ein Viertel der RTW-Einsätze bestreiten, vom Sommer an mehr fahren sollen.

Rettungswagen der Feuerwehr wegen eines eingewachsenen Fußnagels?

Undeutlich blieb Homrighausen, wie man dem trotz einer Aufklärungskampagne häufigen Phänomen beikommen könne, wegen Lappalien 112 anzurufen. Schon vor Jahren höhnten Feuerwehrleute, sie würden alarmiert, wenn jemand einen eingewachsenen Fußnagel hat. Die Mitarbeiter in der Leitstelle folgten, so der Feuerwehrchef, bei einem Anruf einem festgelegten Frage-Schema, an dessen Ende ein Code stehe:  Rettungswagen oder Rettungswagen und Notarzt oder Weiterschaltung zur Kassenärztlichen Vereinigung.

Seitens der Gewerkschaften gibt es klarere Aussagen. Stephan Weh, Landesvorsitzender der GdP: „Die Menschen in Berlin müssen verstehen, dass man bei saurer Milch im Kühlschrank nicht die 112 ruft.“ Die Feuerwehr könne allein mit dem Rettungsdienst nicht die aufkeimende Vollkaskomentalität und Hilflosigkeit in der Bevölkerung abdecken und nebenbei noch Verlegungstransporte durchführen, erklärte Weh. Auf die Berliner Feuerwehr sei Verlass, „wobei wir angesichts der Entwicklungen in den letzten Jahren nicht mehr von Feuerwehr, sondern eher Rettungsdienst und Mutti für alles sprechen sollten“.

Grundsätzlich müsse das Rettungsdienstgesetz verändert werden, das dem Leiter des Ärztlichen Dienstes der Feuerwehr die alleinige Entscheidung zumute, wie die Codes vergeben werden.

Um die Rettungswagen zu besetzen, bleiben auf Löschfahrzeugen der Berliner Feuerwehr Plätze frei

Insgesamt sei die Lage heikel, sagte Weh: „Natürlich befinden wir uns in einer prekären Situation, weil wir uns bei der Brandbekämpfung oftmals nackig machen. Wir können eben auch nicht einfach mehr RTWs auf die Straße bringen, weil uns schlichtweg die Kollegen fehlen, um Fahrzeuge zu besetzen. Schon jetzt sind die Drehleitern nicht mehr fest besetzt und auf vielen Löschfahrzeugen sitzen nur vier anstatt sechs Einsatzkräfte.“

Lars Wieg, Landesverbandsvorsitzender der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft DFeuG, erklärte den Notfallrettungsdienst zum „Ausputzer gesundheitspolitischer Irrläufer. Uns fehlt der erkennbare Wille der Behördenleitung, in Engpässen die Ressource Rettungswagen situationsgerecht einzusetzen. Die Feuerwehr ruft den Ausnahmezustand aus, unternimmt aber nichts, um diesen abzuwenden.“

Hoch qualifizierte Mitarbeiter und teure Technik würden eingesetzt, um beispielsweise ein seit Tagen schmerzendes Knie zu begutachten, bemängelt die DFeuG. In Berlin fehlten die Netzwerke, um kleine medizinische Belange, die keine Notfälle sind, abzugeben - es mangele an Akutpflege, psychosozialer Soforthilfe, Notdienstpraxen oder leistungsfähigen Hausbesuchsdiensten. Und deshalb laute die Regelantwort: Wir schicken einen RTW.

Björn Jotzo, innenpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, argumentiert in die gleiche Richtung: „Der Senat muss ein Konzept vorlegen, um Notfalleinsätze auf die Fälle zu konzentrieren, in denen sie wirklich erforderlich sind.“

Die Leitstelle müsse Notfälle stärker als bisher von weniger dringlichen Einsätzen wie  Krankentransporten unterscheiden. Dafür müsse eine Schnittstelle zu Krankentransport-Unternehmen her.

Jotzo: „Es reicht nicht, wenn ein Senat jährlich immer höhere Zahlen vorträgt – die Hilferufe aus der Feuerwehr können nicht nur mit – gerechtfertigter – Wertschätzung, sondern nur mit den richtigen Konzepten und entschiedenen Maßnahmen beantwortet werden. Hier ist die Innensenatorin in der Verantwortung.“

Angriffe auf Feuerwehrleute mit Worten und Waffen

Feuerwehrleute bekamen 2021 in Kooperation mit der Polizei  versuchsweise kleine Kameras, die am Körper getragen werden. Das soll helfen, Angriffe auf die Retter mindestens zu dokumentieren. 133 solcher Vorfälle registrierte die Feuerwehr 2021: 92 Beleidigungen, 73 verbale Bedrohungen, zwölf mit einer Waffe, 13 mit einem gefährlichen Gegenstand. 67 tätliche Angriffe, 18 mit einem gefährlichen Gegenstand, sechs mit einer Waffe. Dazu kamen noch 23 Sachbeschädigungen. Etliche dieser Taten gehören in einen Vorgang, wenn beispielsweise erst beleidigt und dann zugeschlagen wurde.

2020 wurden 117 Angriffe registriert, 2019 waren es 211.  Spranger: „Wir dürfen die Gewalt nicht dulden.“