Mark Rehmer ist Chef des Fachbereichs „Explosivstoff und Kampfmittelangelegenheiten“. Er gehört zum Kriminaltechnischen Institut im Berliner Landeskriminalamt. Foto: Stephan Pramme

Im Leben von Mark Rehmer gab es diesen Moment, in dem er dachte, dass alles gleich vorbei sein könnte. Er steckte in einem 40 Kilogramm schweren Bombenschutzanzug und kniete vor einem Paket. Er wartete auf die Detonation, die Druckwelle, die ihm die Hände abreißen würde. Mindestens. Rehmer ist Bombenentschärfer. Links trägt er einen silbernen Siegelring, darauf eingraviert: eine explodierende Granate. Erkennungszeichen einer geheimnisumwitterten Truppe.

Die Poststelle eines Fernsehsenders hatte das Paket entgegengenommen, den Mitarbeitern kam es verdächtig vor. Am Bildschirm der Röntgenanlage konnten sie den Inhalt nicht erkennen. Sie riefen die Polizei. Es kam Rehmer. Auch er konnte nicht ausschließen, dass der Inhalt gefährlich war. Er zog sich den Bombenschutzanzug an, nahm das Paket, packte es in eine stählerne Kugel auf einem Autoanhänger und ließ es auf eine abgesperrte Brachfläche fahren. Erst mit einem Röntgengerät, das mehr anzeigte als das in der Poststelle, sah er den Inhalt. Eine Adapterkassette, in die man kleine VHS-Kassetten einschieben konnte. Ein Sprengsatz? War es jetzt so weit?

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Während er vor dem 20 mal 25 mal 10 Zentimeter großen Päckchen kniete, dachte Rehmer an Hanno Klein. Der Investorenbeauftragte des Senats hatte millionenschwere Grundstücksgeschäfte im Osten der Stadt eingefädelt. Im Juni 1991 hatte Klein einen an ihn adressierten Brief geöffnet. Er enthielt eine Videokassette. Der pyrotechnische Satz darin explodierte und tötete Klein. Der oder die Täter sind bis heute nicht gefasst.

„Das alles war in meinem Kopf“, sagt Mark Rehmer heute. Er öffnete das Päckchen. In der Nähe stand schon eine Notärztin bereit. Es war tatsächlich nur eine Adapterkassette.

Ihre Gegner sind auch Terroristen

Mark Rehmer, 59 Jahre alt, hat kurze dunkelblonde Haare, arbeitet seit 1993 bei der Entschärfergruppe der Polizei, die Teil des Kriminaltechnischen Instituts (KTI) ist. Den Siegelring tragen hier alle, die den Basislehrgang geschafft haben. Neben der explodierenden Granate stehen die Buchstaben „IED“, Improvised Explosive Device, im deutschen Polizeijargon heißt das: Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung, kurz: USBV. Rehmer sagt: „Es gibt genügend ausreichend qualifizierte Spezialisten, die sich um solche Gefahren kümmern und damit gar nicht groß in die Öffentlichkeit wollen.“

Mark Rehmer arbeitet an dem Fernlenkmanipulator. Mit dem Roboter kann aus der Ferne der Inhalt einer Tasche geröntgt werden. Per Wasserstrahl kann er eine „Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung“ zerschießen. Foto: Stephan Pramme

Die Entschärfer wollen vor allem nicht, dass man zu viel über ihr Handwerk erfährt, nicht über ihr Privatleben und ihre Familien. Denn ihre Gegner sind auch Terroristen und die Organisierte Kriminalität. Polizisten werden immer wieder auch privat bedroht – von kriminellen Rockern, Clanmitgliedern, von politischen Extremisten.

Rehmer ist vom Dienstgrad Erster Polizeihauptkommissar. Er ist Chef des Fachbereichs KTI 24, „Explosivstoff- und Kampfmittelangelegenheiten“, in dem die einen Spezialisten Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg entschärfen und die anderen anrücken, wenn wieder irgendwo ein herrenloser Rollkoffer herumsteht. Vielleicht hat ihn nur ein zerstreuter Reisender an der Taxihaltestelle vergessen. Er könnte aber auch einen Sprengsatz enthalten.

400 bis 450 Einsätze pro Jahr

Solche Koffer, voll mit Sprengstoff, werden mitunter entdeckt. 2003 im Dresdner Hauptbahnhof, im Juli 2006 in den Hauptbahnhöfen von Dortmund und Koblenz. Drin waren Propangasflaschen, mit Benzin gefüllte Flaschen und Zünder. Einen Monat später in Köln versuchten Islamisten, zwei Terroranschläge mit Kofferbomben zu verüben. 2012 entschärfte die Polizei auf dem Bonner Hauptbahnhof einen Sprengsatz aus Gaskartuschen und einem mit Ammoniumnitrat und Nägeln gefüllten Metallrohr.

Vorkommnisse wie diese sind die Ausnahme. Die meisten herumstehenden Koffer, Tüten und Rucksäcke stellen sich als ungefährlich heraus. 400 bis 450 Einsätze haben Rehmer und seine Kollegen pro Jahr – wenn die Zeiten normal sind. In der Corona-Zeit ist es viel ruhiger. Weil kaum jemand verreist, werden weniger Koffer und Taschen vergessen. Einsätze zum Schutz von Staatsgästen sind komplett weggebrochen, weil die Kanzlerin mit ihren Amtskollegen per Videoschalte redet.

In so einer Situation überlegt keiner, darauf ist man trainiert.

Frank Rehmer, Bombenentschärfer

Die Entschärfer sind trotzdem immer bereit. Wer von ihnen daheim ist und Bereitschaftsdienst hat, kann nicht einfach ins Kino gehen oder ins Brandenburgische fahren. Denn sie haben den Anspruch, innerhalb von 60 Minuten nach einer Alarmierung vor Ort zu sein. Stundenlange Absperrungen legten alles lahm. Rehmer sagt, man sei schließlich für die Leichtigkeit des Zusammenlebens in dieser Stadt verantwortlich.

Er ist auch ein bisschen stolz darauf, dass es bei den vielen und schnellen Blaulichtfahrten zu den Einsatzorten keine Unfälle gab. „Das zeigt, wie umsichtig die Kollegen sind, nicht nur in Bezug auf den vermeintlichen gefährlichen Gegenstand, sondern auch mit allem anderen.“ Hier gebe es kein Draufgängertum.

Mit ruhiger Hand und Kaltblütigkeit

Wer bei den USBV-Entschärfern arbeitet, muss in die Gruppe passen. Das Zwischenmenschliche muss stimmen. Man muss sich wortlos verstehen, das ist überlebenswichtig beim Unschädlichmachen eines Sprengsatzes. „In so einer Situation überlegt keiner, darauf ist man trainiert“, sagt Rehmer. „Das macht man wie jeder andere Polizist, der draußen im Einsatz ist. Erst im Nachhinein denkt man manchmal darüber nach.“

Das alles klingt nach ruhiger Hand und Kaltblütigkeit. Und nach einem ziemlich coolen Typ. Aber ist das Mark Rehmer? „Ich bin ein guter Verdränger“, sagt er. „Ich nehme andere Dinge viel mehr mit nach Hause. Die Gedanken um den ganzen Schreibkram, die Dienstplanung und so was.“

Entschärfer kommen aus verschiedenen Bereichen der Polizei

USBV-Entschärfer brauchen nicht nur eine ruhige Hand, sondern auch technischen Sachverstand. Denn eine Sprengvorrichtung ist in erster Linie ein technisches Problem, für dessen Lösung nicht selten improvisiert werden muss. Die Entschärfer rekrutieren sich aus verschiedenen Bereichen der Behörde, darunter der Technischen Einsatzeinheit der Bereitschaftspolizei. Es sind auch Taucher dabei, die Sprengsätze unter Wasser ausknipsen können. Auch Mark Rehmer hat als Polizeitaucher angefangen.

Spätestens die islamistischen Anschläge in Paris 2015 zeigten, dass Terroristen nicht nur Kofferbomben und Sprengstoffwesten hochgehen lassen, sondern dabei auch noch Menschen erschießen. Auf solche „dynamischen Großlagen“, wie es im Polizeideutsch heißt, müssen sich die europäischen Polizeien mit ihren verschiedenen Einsatzeinheiten einstellen. „Seit geraumer Zeit werden dafür Lösungen und Verfahrensweisen erarbeitet“, sagt Rehmer. Genauer will er dazu allerdings nicht werden.

Bastler können gefährlich werden

Neben Terroristen und Schwerkriminellen gibt es noch eine andere gefährliche Gruppe: die Bastler. „Da wird es meist haarig“, sagt Rehmer. Als er bei den Entschärfern anfing, beruhigte er seine Frau, dass dort noch nie was passiert sei. Vier Wochen später verunglückte ein Kollege schwer. Zu der Zeit war in der Bastlerszene das hochexplosive Triacetonperoxid, kurz: TATP, gerade aufgekommen. Es war noch so gut wie unbekannt, heute benutzen es vor allem islamistische Terroristen.

Ein junger Mann hatte damals in seiner Wohnung mit TATP herumhantiert. Als es explodierte, wurde er schwer verletzt. Polizisten brachten seine Chemikalien und Utensilien in ihr Labor. Als am nächsten Morgen ein Entschärfer zusammen mit einem Laboranten das Beschlagnahmte sortierte, stieß er auf fünf kleine Gebilde. Sie bestanden aus Malerkrepp und waren wie Bonbonpapier gewickelt. Ein Päckchen explodierte in seiner Hand. Vier weitere, die ein Stück entfernt lagen, gingen ebenfalls hoch. Der Polizist verlor seine linke Hand, Augen und Ohren wurden schwer verletzt. Die Päckchen hatten jeweils zwischen zwei und fünf Gramm TATP enthalten.

Mark Rehmer zieht sich den Bombenschutzanzug an. Das geht nicht allein. Ein Kollege hilft ihm dabei. Stephan Pramme

Wenn die Entschärfer kommen, dann fahren sie mit einem Transporter vor, der von außen aussieht wie ein gewöhnlicher Lieferwagen. Doch er ist innen voll mit moderner teurer Technik und hat den Wert einer Villa am Wannsee. Vieles wurde neu gekauft in den vergangenen Jahren, zum Beispiel raffinierte Röntgengeräte mit Platten und Folien.

„Teo“ verschießt mit 2000 Bar Wasser

An Bord des Transporters ist auch ein Roboter (Wert: ein Einfamilienhaus). Er wird gestartet, wenn es zu gefährlich sein könnte für einen Entschärfer, einen suspekten Rucksack selbst in Augenschein zu nehmen. Das rund 380 Kilo schwere Gerät der baden-württembergischen Firma Telerob fährt auf zwei Gummiketten und wird funkferngesteuert.

Dieser sogenannte Fernlenkmanipulator kann Treppen hochfahren und Räume erkunden. „Teo“ oder „tEODor“, wie das Gerät offiziell heißt – ein Akronym aus „Telerob Explosive Ordnance Disposal and Observation Robot“ –, hat eine Kamera und einen Greifer, der auch einen Rucksack öffnen kann. Mit ihm kann je nach Lage mit unterschiedlichen Zusatzgeräten ferngesteuert an verdächtigen Gegenständen gearbeitet werden. „Aber auch dies verlangt vom Entschärfer höchste Konzentration und räumliches Vorstellungsvermögen, um die Manipulation erfolgreich zu gestalten“, sagt Rehmer. Das Beschusssystem verschießt per Treibladung mit 2000 Bar in einer Fünftausendstelsekunde eine 300-Milliliter-Wassersäule. Sie zerfetzt die Batterie, die Kabel, die Uhr und den Zünder schneller als jeder elektronische Schaltprozess.

Welchen Draht muss man durchknipsen – den roten oder den grünen?

An Bord des Fahrzeugs ist auch der schwere Bombenschutzanzug, bestehend aus mehreren Kevlarschichten. Im Helm sind Kühlung und Ventilator, Stereolautsprecher und ein aktiver Gehörschutz. Während des Einsatzes wird im Anzug ein Überdruck erzeugt. Denn bei Explosionen ist das Gefährlichste der plötzliche Druckanstieg. Als vor Jahren in Moskau ein Polizist beim Versuch, eine Bombe zu entschärfen, getötet wurde, starb er nicht an den Splittern, sondern am Druck, der seine Lungen zerfetzte.

Jeder USBV-Entschärfer trägt einen Silberring mit dem internationalen Kürzel IED. Es steht für Improvised Explosive Device. Im deutschen Polizeijargon heißt das: Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung. Stephan Pramme

Im Film steht der Held mitunter vor der Frage, welchen Draht er durchknipsen muss – den grünen oder den roten? Tatsächlich gibt es Situationen, in denen man Kabel unbedingt zusammenlassen sollte oder sie überbrücken oder schneiden muss, sagt Rehmer. Außerdem hätten die Entschärfer Mess- und Analyseverfahren, mit denen sie die Funktion einer Vorrichtung ergründen können. Er will dazu nicht genauer werden, sagt aber: „Wenn wir an den Punkt kommen und nicht wissen, was wir tun können, dann wird personenfern eine Zerstörung hervorgerufen. Mit Absperren und Evakuieren kann man aber alles tun, um den Schaden, den der Täter herbeiführen wollte, zu minimieren.“ Es sind diese Situationen, in denen „Teo“ manchmal zum Einsatz rollt.

Doch wenn es den Entschärfern möglich ist und sie sich dadurch nicht gefährden, dann versuchen sie, Fingerabdrücke, Faser- und DNA-Spuren, die zum Täter führen könnten, zu erhalten. Und so gibt es Fälle, bei denen ein Gegenstand nicht zerschossen wird. Wie im März 2017. Der Postkontrolle des Bundesfinanzministeriums war beim Röntgen ein merkwürdiges Paket aufgefallen. Es enthielt tatsächlich ein explosives Gemisch und einen scharfen Zünder.

Spuren führten zu linker Terrororganisation in Griechenland

Die USBV-Entschärfer schoben die Tische beiseite, um Platz zum Arbeiten zu schaffen. Sie röntgten das Paket. Dann begannen sie vorsichtig, den Inhalt freizulegen, trennten die Komponenten und entschärften die Vorrichtung spurenschonend.

Einen Tag später explodierte ein gleiches Paket beim Internationalen Währungsfonds in Paris, als es geöffnet wurde. Eine Frau wurde verletzt. Wie sich herausstellte, waren beide Pakete aus Athen abgeschickt worden und kamen von einer linksautonomen Gruppe, die gegen die EU-Finanzpolitik war. Die griechische Polizei hatte acht weitere baugleiche Pakete abgefangen, die an andere europäische Regierungen gehen sollten. Mark Rehmer und seine Kollegen wurden mit ihrem Wissen und ihrer Ausrüstung nach Athen geflogen.

Auf den olympischen Schießbahnen bauten sie einen Arbeitsbereich auf und begannen der Reihe nach, die Pakete unschädlich zu machen. „Mit Unterstützung des griechischen Staatsschutzes und der dortigen forensischen Kriminaltechnik konnten die noch scharfen Paketbomben neutralisiert werden“, sagt Rehmer. „Das lief wie am Schnürchen. Wir wussten bald ganz genau, welcher Schnitt in welcher Reihenfolge und welcher Höhe angesetzt werden muss, was umzuklappen ist.“ Es gab zwar keine DNA-Treffer, aber Spuren, die zu der linken Terrororganisation führten.

Manche Entschärfer-Filme sind gut recherchiert

Man sollte meinen, dass sich ein Entschärfer wie Mark Rehmer keine Blockbuster anschaut, in denen Bomben entschärft werden, dass er darüber nur die Nase rümpft. Doch er findet, dass es durchaus ein paar Filme gibt, die wirklich gut recherchiert sind und in denen Bösewichter raffinierte Zündvorrichtungen ersonnen haben. Etwa in „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ , in „Speed“ oder in „Explosiv – Blown Away“ mit Tommy Lee Jones. Da heftet ein genialer Bombenleger seinem Widersacher Dynamit an den Körper, das beim geringsten Entschärfungsversuch hochgehen soll.

Solche Körperbomben gab es tatsächlich schon in Skandinavien, Spanien und Südamerika. Bei Tommy Lee Jones hat Mark Rehmer dann aber doch eine Sache gestört: „Er hätte einfach den Zünder aus dem Sprengstoff ziehen können.“