Bei Ausgrabungen im Bereich der Grunerstraße wurden Reste der Königlichen Kunstschule und der Berliner Stadtmauer entdeckt. Foto: BK/Gerd Engelsmann

Der eine liefert die Räder, der andere den Motor, wieder einer das Lenkrad – und am Ende baut niemand die Teile zu einem Auto zusammen. So ähnlich sieht es mit der Berliner Stadtgeschichte aus. Da wühlen Archäologen bei Wind und Wetter, wann immer sich in der Mitte Berlins eine Baugrube auftut, sammeln Steine, Münzen, Scherben, vermessen und analysieren. Und dann?

Dann gibt es mal eine Ausstellung hier und neue Exponate für das Neue Museum da, aber eine wissenschaftliche Zusammenführung und eine Vermittlung der neuen Erkenntnisse an künftige Lehrer, Wissenschaftler und interessierte Öffentlichkeit findet höchstens am Rande statt. Archäologen klagen darüber, aber ihre Stimmen verhallen.

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Der letzte Mohikaner der Stadt- und Territorialgeschichte, der sich kenntnisreich mit ihr befasste und mit gut lesbaren Büchern und packenden Vorlesungen zumindest einem Teil des Publikums bekannt wurde, heißt Laurenz Demps, ist 80 Jahre alt und seit 15 Jahren emeritiert. Lehrstühle für das Thema gibt es inzwischen weder an der Humboldt- noch an der Freien Universität.

Dabei schreit jede Berlin-Ecke in den Buchhandlungen nach neuem Wissen über die Stadt, und Interesse ist da. Das zeigte der Erfolg der 2019 erschienenen Stadtgeschichte von Jens Bisky, toll zu lesen, aber am Ende nur eine Aufarbeitung von Bekanntem. Andere Werke sind inzwischen Jahrzehnte alt, heute verliert sich die Berlin-Literatur im Anekdotischen, in Einzelthemen, der Mauer und der Nazizeit.

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht nicht um den 14. Stein von links in der 5. Reihe der Stadtmauer. Es geht darum, Institutionen zu schaffen, die aus vielen kleinen neuen Erkenntnissen Puzzles legen. Damit wir, die wir in dieser Stadt leben, frische Bilder ihrer Geschichte zu sehen zu bekommen.