Der Corona-Impfstoff von Astrazeneca ist aus Sicht der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) sicher. Foto:
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Im Fall einer Vertrauenskrise in den Impfstoff des Herstellers Astrazeneca rät Neuköllns Amtsarzt Nicolai Savaskan zu einer Öffnung der starren Impfverordnung. „Wenn dieser Impfstoff nach dem kurzen Vergabe-Stopp nicht mehr angenommen wird, sollte es keine Priorisierung mehr geben“, sagte Savaskan der Deutschen Presse-Agentur. Ziel müsse es sein, in der Pandemie so schnell wie möglich weiter zu impfen. Falls bisher berechtigte Risikogruppen das Vakzin von Astrazeneca ablehnten, sollten alle Erwachsenen eine Chance darauf bekommen. „Das wäre aber eine politische Entscheidung des Bundes, die Länder haben da wenig Spielraum“, schränkte Savaskan ein.

Der Corona-Impfstoff von Astrazeneca ist aus Sicht der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) sicher. Das teilte die Behörde am Donnerstag mit. Es werde aber eine extra Warnung vor möglichen seltenen Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen bei den möglichen Nebenwirkungen aufgenommen. Generell überwiege der Nutzen aber das Risiko.

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Die Vergabe des Vakzins von Astrazeneca war in Deutschland am Dienstag ausgesetzt worden, um Nebenwirkungen zu prüfen. Ab diesem Freitag könne damit weitergeimpft werden, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Donnerstagabend.

In Berlin werden die Impfzentren in Tegel und Tempelhof am Freitag wieder geöffnet. Das teilte die Gesundheitssenatsverwaltung am Donnerstagabend mit. Senatorin Dilek Kalayci (SPD) sagte demnach: „Ich rufe alle, die eine Einladung zur Impfung erhalten haben, auf, die Chance zum Impfen zu ergreifen. Alle, die berechtigt sind, eine Impfung zu erhalten, werden ausdrücklich über mögliche Risiken aufgeklärt.“

Diskussion um Astrazeneca ist ein Kommunikationsdebakel

Savaskan sagte: „In erster Linie wäre es sinnvoll, wenn sich die Bundesregierung nun geschlossen für Astrazeneca aussprechen würde.“ Danach sollten am besten Hausärzte Vertrauen schaffen. Denn für sie sei es am einfachsten, Risiken und Nebenwirkungen eines Impfstoffs mit ihren Patienten zu diskutieren. In Berlin forderte am Donnerstag auch die Kassenärztliche Vereinigung erneut eine schnelle Öffnung der Praxen für das Impfen in der Pandemie.

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Für Savaskan ist die jüngste Diskussion um Astrazeneca vor allem ein Kommunikationsdebakel. „Diese Art und Weise der Aussetzung war nicht klug. Die Datenlage war nicht so, dass akute Gefahr im Verzug bestand“, sagt er. Diesen Eindruck habe die ruckartige Aktion aber hinterlassen. „Man hätten die Bürger nicht so verunsichern müssen.“ Besser wäre es gewesen, neben dem Paul-Ehrlich-Institut, das für Arzneimittelsicherheit zuständig ist, auch die gebündelte epidemiologische Kompetenz in den Bundesbehörden zu nutzen. „Aber seit Beginn der Pandemie fehlt ein solcher Coronastab“, kritisierte er. „Er könnte neben den guten und sicheren Verfahren in Deutschland das Vertrauen und die kommunikative Kompetenz erhöhen.“

Im Land Berlin kritisierte Savaskan mangelnde Fortschritte bei den Impfungen für Risikogruppen außerhalb stationärer Einrichtungen. Viele Bürger meldeten sich bei den Gesundheitsämtern, aber dann hapere es bei der Terminvergabe und dem Einsatz der mobilen Impfteams auf Landesebene. So flutschten noch zu viele Menschen durch das System - darunter Berliner mit Vorerkrankungen und Behinderungen in Privathaushalten. Die gute Nachricht sei aber, das Menschen über 80 in Einrichtungen nun viel besser geschützt seien.

Die steigende Inzidenz in Berlin ist für Savaskan noch kein Grund für sofortige politische Entscheidungen. „Aus epidemiologischer Sicht kann man noch nicht von einem exponentiellen Wachstum sprechen. Besser wäre es, auf die Inzidenzen nach Altersgruppen zu schauen, besonders bei den 50- bis 60-Jährigen“, sagte er. Auch mit Inzidenzwerten um die 100 könne ein öffentliches Leben mit zielgerichteten Beschränkungen stattfinden. „Aber man braucht den Rücklauf von den Intensivstationen. Und diese Zahlen kommen 14 Tage bis vier Wochen später.“