Nicolai Savaskan, Leiter des Gesundheitsamtes Neukölln, steht vor dem Corona-Testzentrum des Gesundheitsamtes. Foto: dpa/Carstensen

Berlins Amtsärzte machen sich mit eigenen Vorschlägen für baldige Öffnungen und lebensnahe Wege aus dem Lockdown stark. „Wir brauchen andere Instrumente als die Sieben-Tage-Inzidenz“, sagt Neuköllns Amtsarzt Nicolai Savaskan. Mit einem Frühwarnsystem und mehr Kompetenzen auf Bezirksebene könne ein Öffnen in Berlin auch schon bei Inzidenzen zwischen 50 und 100 starten. „Mit Aussicht auf mehr Freiheiten gibt es vielleicht auch einen größeren Umsetzungswillen“, sagt Savaskan.

Am Mittwoch wollen Bund und Länder wieder über mögliche Öffnungsschritte sprechen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte zuletzt Hoffnungen auf sehr schnelle und umfassende Lockerungen gedämpft. Die rot-rot-grüne Berliner Koalition will auch keine Öffnungshektik, sondern diskutiert mit Blick auf eine Reihe von Pandemie-Kennzahlen vorsichtige Stufenpläne. Das Robert Koch-Institut und Intensivmediziner raten ebenfalls zu langsamen Öffnen.

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Im Moment liegt die Sieben-Tage-Inzidenz, die Ansteckungen pro 100 000 Einwohner innerhalb einer Woche zeigt, in Berlin bei fast 64 – Tendenz steigend. Erst ab einem Wert unter 35 sind bisher umfassendere Lockerungen angedacht. Nach Rechenmodellen stehen die Chancen allerdings schlecht, dass die Hauptstadt diesen Wert überhaupt in absehbarer Zeit erreichen kann. Grund dafür sind auch ansteckendere Varianten des Virus.

„Wir sind ganz dicht bei der Bevölkerung und wir kriegen auch den ganzen Unmut ab“, sagt Amtsarzt Savaskan. Es sei versäumt worden, den Berlinern etwas anzubieten. „Am Ende sind es aber die Bürger, die durch ihr Sozialverhalten entscheiden, wie die Pandemie verläuft.“

Neben kostengünstigen Schnelltests zum Selbermachen plädieren die Amtsärzte deshalb für mehr Kompetenzen der lokalen Gesundheitsämter für einen baldigen Weg aus dem Lockdown. „Es ist schwierig zu vermitteln, einen Friseurbesuch zu erlauben, einen Einkauf im Baumarkt aber nicht. Denn das klingt absurd“, sagt Savaskan. Nicht jeder Bezirk solle dabei eigene Regeln aufstellen, sondern je nach Lage einem verabredeten Plan folgen. Die Berliner bräuchten Klarheit, nach welchen Kriterien Entscheidungen getroffen würden.

Ausgewählte Anregungen der Amtsärzte für eine schnellere Öffnung:

Straßenzüge abriegeln: Bisher rennen die Gesundheitsämter dem Virus hinterher. „Wir sehen aber durch das tägliche Monitoring, wenn in einzelnen Straßenzügen Infektionszahlen hochgehen“, sagt Savaskan. „Dann wäre es klug, genau dort mit Quarantäne zu arbeiten, um ein diffuses Ausbrechen zu verhindern.“ Bisher müsse es aber immer erst ein unkontrollierbares Ausbruchsgeschehen geben, damit ein Gesundheitsamt Straßenzüge einriegeln dürfe.

Flexibler impfen: Wegen der starren Impfverordnungen könnten Bezirke im Notfall nicht gezielt genug handeln, kritisiert Savaskan. Ein Beispiel: Durch die Mitarbeiter ambulanter Pflegedienste haben jüngere Klienten, die nach den Impf-Vorschriften noch nicht an der Reihe sind, ein hohes Infektionsrisiko. Schließe man den Pflegedienst, schaffe das ein Versorgungsproblem für Dutzende Haushalte. „Wandelt man aber das Impfschema ab, können beim Verzicht auf eine Doppelimpfung Todesfälle trotzdem vermieden werden“, sagt Savaskan. Studien zeigten, dass es im Notfall bereits mit der Erstimpfung genügend Schutz vor schweren Verläufen und Tod gebe.

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Differenzierung bei den PCR-Tests: Ein Tag Lockdown koste den Steuerzahler bundesweit möglicherweise eine Milliarde Euro, rechnet Savaskan vor. Wenn ein Teil dieser Summe in massenweise kostengünstige Schnelltests und Schutzmaßnahmen wie Luftreiniger fließe, sei es in Kombination mit Öffnungen möglicherweise besser angelegt. „Und: Wir brauchen eine Differenzierung bei den PCR-Testungen“, ergänzte er. „Weg von ja-nein und positiv-negativ hin zu infektiös oder infiziert.“ Bei Maßnahmen müsse der Infektiöse im Zentrum stehen, da von ihm die Gefahr für andere ausgehe. „Bei Infizierten, die niemanden anstecken, muss entsprechend auch das Umfeld nicht isoliert werden.“

Berliner aufklären: „Bezirke kennen ihre Bürger und ihre Gewohnheiten“, sagt Savaskan. „Sie können besser einschätzen, was die Bevölkerung annimmt und was nicht, und wie man sie erreicht.“ Sie könnten zum Beispiel Zonen für eine Maskenpflicht einrichten, die sinnvoller erscheine als Verordnungen vom Land. Ein Zusatztopf für die Aufklärung der Bevölkerung wäre gut. „Denn jeder Bezirk wird anders aufklären müssen, weil seine Bevölkerung anders zusammengesetzt ist. Dann gibt es für Maßnahmen auch eine höhere Akzeptanz.“

Strikte Tests an Flughäfen: Für ansteckendere Virus-Varianten haben sich Reisende als Treiber erwiesen. Deshalb sehen Berlins Amtsärzte strikte Tests und kontrollierte Quarantäne an Flughäfen für Einreisende und Rückkehrer als sinnvoll an.

Gesundheitsämter besser ausstatten: „Wir können im Moment jeden einzelnen Fall verfolgen“, sagt Amtsarzt Savaskan. „Und das bei einer Inzidenz von über 50.“ Infizierte sollten dennoch weiter selbst ihre Kontakte anrufen. Das stehe nicht für die Unlust oder Unfähigkeit der Gesundheitsämter. Es gehe vor allem um Schnelligkeit. „Wir sind an den Kontakten trotzdem dran.“ Was Gesundheitsämter im Minimum für das Fallmanagement bräuchten, seien 25 Mitarbeiter auf 100 000 Einwohner. „Überwiegend klappt das in Berlin.“ Bei Inzidenzen deutlich über 50 sei aber ein Minimum von 50 Mitarbeitern für 100 000 Einwohner nötig, um Infektionsketten zu durchbrechen. „Noch gibt es dafür aber nur begrenzte räumliche und technische Mittel.“