Die Internationale Jury kommt über den roten Teppich zur Eröffnungsveranstaltung der 72. Berlinale. dpa/Carstensen

Eigentlich war es trotz Pandemie und galoppierender Corona-Infektionszahlen fast wie immer beim festlichen Berlinale-Auftakt am Donnerstagabend: Draußen tobte sich das Wetter aus und auf der Leinwand funkelten warm die Sterne des internationalen Kinos.

Gleich der Eröffnungsfilm lieferte das, was man einen kleinen, feinen Skandal nennen könnte. Hätten sich die beiden Festival-Chefs Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian für den Start der 72. Internationalen Filmfestspiele Berlin eigentlich was Besseres wünschen können? Kaum. Sie hatten so viel Kritik einstecken müssen, weil sie das Festival trotz Corona unbedingt durchpeitschen wollten. Und auf einmal lief es richtig gut für sie. Das hatte auch konzeptionelle Gründe.

Beim 72. Auftakt des Filmfestivals geht es zurück in das Jahr 1972. Damals feierte Rainer Werner Fassbinders Werk „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ bei der Berlinale Premiere. Und fast genau 50 Jahre später eröffnet der französische Regisseur François Ozon mit „Peter von Kant“ die Internationalen Filmfestspiele und bezieht sich damit ausdrücklich auf den Fassbinder-Film – mit einem Unterschied.

Eine #MeToo-Geschichte auf der Berlinale, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen

Fassbinder erzählte in „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ von einer Modeschöpferin, die ihre Sekretärin abschätzig behandelt und sich in ein weibliches Model verliebt. In „Peter von Kant“ dagegen geht es um einen Filmregisseur (Peter), der seinen Assistenten Karl misshandelt und demütigt und sich schließlich in einen jungen Mann namens Amir verliebt. Amir stammt aus bescheidenen Verhältnissen, er nutzt die Chance, wird durch den Regisseur berühmt und trennt sich dann von ihm. Eigentlich eine typische Berlin-Geschichte – wenn sie nicht gerade zur Unzeit käme.

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Denn natürlich geht es in Ozons Film um Machtmissbrauch – in allen seinen Facetten. Auch auf sexueller Ebene. Was daran skandalös ist, sieht man erst, wenn man den feinen Firnis hoher Schauspielkunst abschält und die Geschichte pur betrachtet, die Ozon uns da vorsetzt. Es ist eine #MeToo-Geschichte, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen.

Denis Ménochet und Isabelle Adjani in einer Szene aus dem Film „Peter von Kant“. FOZ/Berlinale

Der Verlierer ist von Beginn an der Regisseur Peter und nicht sein Schützling Amir. Weil er sich heillos in ihn verliebt hat und nicht mehr von ihm loskommt. Sicher gibt es Machtverhältnisse, die sich genauso entwickeln, skandalös ist Ozons Geschichte trotzdem, weil die Wirklichkeit in Film, Theater und Fernsehen uns anderes gelehrt hat, wie nicht allein der Fall des inzwischen verurteilten US-Produzenten Harvey Weinstein nachdrücklich zeigt.

800 Gäste durften am Eröffnungsabend im Berlinale-Palast sitzen

Ozon sagte in Berlin: „Reine Liebe gibt es nicht. In Beziehungen wird man immer irgendwann enttäuscht.“ Und weiter: „Fassbinder ist für mich ein sehr wichtiger Regisseur gewesen. Fast wie ein großer Bruder. Ich habe alle seine Filme gesehen.“ Bei Fassbinder gehe es eben auch um Manipulationen und um Machtspiele, und das fasziniere ihn, Ozon, bis heute.

Mit „Peter von Kant“ hat Ozon, der nach Möglichkeit jedes Jahr einen neuen Film dreht, stilistisch in jedem Fall ein sehenswertes 1970er-Retro-Projekt im Kino, in dem neben Denis Ménochet (Peter) und Khalil Ben Gharbia (Amir) auch Isabelle Adjani und Hanna Schygulla mitspielen. Schygulla war ja schon beim Original von Fassbinder dabei.

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Nun, knapp 800 Gäste durften am Eröffnungsabend im Berlinale-Palast am Marlene-Dietrich-Platz dabei sein, das sind etwa halb so viele wie in Vor-Pandemie-Zeiten. Mit am Start sein wollten die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Staatsministerin Claudia Roth, die Regierende Bürgermeisterin von Berlin Franziska Giffey, der diesjährige Jurypräsident M. Night Shyamalan und selbstverständlich auch die Berlinale-Leitung Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian.

Auf eine Berlinale-Eröffnungsparty wurde in diesem Jahr verzichtet

Zu den Eingeladenen gehörten außerdem Iris Berben, Anne-Marie Descôtes, Bundesinnenministerin Nancy Faeser, Maria Furtwängler, Martina Gedeck, Philipp Hochmair, Meltem Kaptan, Burghart Klaußner, Wolfgang Kohlhaase, Ulrich Matthes, Anne Ratte-Polle, Sophie Rois, Maria Schrader, Lilith Stangenberg und Julia von Heinz.

Besonders schick gemacht für den roten Teppich hatten sich: Aino Laberenz und Clemens Schick (beide in Prada), Marie Bäumer (in Ralph Lauren) und Sibel Kekilli (in Tory Burch). Das Opening-Kino, wie überhaupt alle Berlinale-Kinos, durfte nur zu 50 Prozent besetzt werden. Für alle Gäste galten zudem strenge Hygienemaßnahmen. Die Moderation des Abends übernahm Meret Becker – lustig singend „Willkommen, bienvenue, welcome!“ Auf eine Eröffnungsparty wurde in diesem Jahr verzichtet.

Anne Ratte-Polle und der kanadische Filmemacher Denis Côté posieren am Berlinale-Eröffnungsabend für die Fotografen. AFP/MacDougall

Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian wollten nur in kleinem Kreis (Filmteam und Politik) eine Kleinigkeit essen. „Selbstverständlich möchten wir unsere Gäste des Eröffnungsabends verpflegen, sonst müssten sie in Restaurants gehen“, so ihr Statement zur Deutschen Presseagentur. Was andererseits auch nicht wirklich schlecht wäre. Denn die Restaurants in Berlin leiden seit zwei Jahren krisenbedingt unter einem merklichen Gästeschwund, da hätte sich der eine oder andere Wirt sicher über prominenten Besuch gefreut.

Thema der Berlinale ist die Frage, inwieweit echtes Kino nur auf der Leinwand funktioniert

Großes Thema neben der Corona-Pandemie ist bei der diesjährigen Berlinale natürlich die Frage, inwieweit echtes Kino nur auf der Leinwand inszeniert werden kann. Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek sagte: „Die Filme, die hier laufen, brauchen diese Aufmerksamkeit.“ Und auch die Internationale Jury um Jurypräsident M. Night Shyamalan („The Sixth Sense“) legte nahe, dass man Filme auf der großen Leinwand sehen müsse. Darüber kann man natürlich streiten.

Wer weiß, wenn Filme sprechen könnten, wäre die Antwort vielleicht gar nicht mehr so klar. Die Filme, die im Wettbewerb laufen, sind nach KURIER-Informationen sowohl formattechnisch (Seitenverhältnis, Tonsystem) als auch inhaltlich durchaus streambar. Bei manchen von ihnen würde auch ein Smartphone-Display ausreichen. Und inzwischen starten große US-Studios ihre Filme immer öfter gleichzeitig als Kino- und als Streaming-Highlight. Schlecht bekommt es den Werken selten.

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Trotzdem möchte die Berlinale-Leitung dieses Mal keine digitalen Vorführungen haben, im Gegensatz zum vorigen Jahr, wo pandemiebedingt alle Filme nur im Stream zu sehen waren. Wie auch immer: Trotz anhaltender Kritik an der Durchführung des Filmfestivals bei rasenden Corona-Infektionszahlen soll die Berlinale 2022 nun bis 20. Februar ordnungsgemäß über die Bühne gehen. Mit Gästen aus aller Welt, mit Publikum und mit einer Menge neuer Regeln.

Es gab kein einziges Berlinale-Ticket mehr

Zutritt haben konkret nur Menschen, die gegen das Virus geimpft oder genesen sind. Wer noch keine Auffrischimpfung hat, braucht auch einen Test. Im Kino ist die Maske Pflicht. Karten bekommt man in diesem Jahr nur online. Allerdings gab es gleich am ersten Ticketverkaufstag Riesen-Probleme. Schon in den ersten Minuten war für viele der Frust groß: Es gab kein einziges Ticket mehr. Da versöhnt es auch nicht, wenn man weiß, dass man später noch mal nachschauen kann.

Fader als früher gestaltet sich die Inszenierung rund um den Potsdamer Platz. Alles sieht etwas ärmlicher aus: weniger Menschen, weniger Plakate und die tollen Leuchtkörperinstallationen aus früheren Jahren fehlen ebenfalls. Manche Ecken hinterlassen einen gespenstischen Eindruck. Aber der Marlene-Dietrich-Platz vor dem Berlinale-Palast – der funkelt wie eh und je. Mit einem schönen roten Mega-Teppich, mit grellen Strahlern und glitzernden Glasflächen.

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Der Rote Teppich ist uns während des Filmfestivals also sicher. Trotzdem, einige Gesichter werden fehlen. „Nick Cave wird nicht kommen können, das ist traurig – er mag die Stadt und das Festival, aber er muss arbeiten“, sagte Chatrian. Die Berlinale wird einen Dokumentarfilm über den legendären Musiker zeigen. „Und Sigourney Weaver und Elizabeth Banks werden nicht reisen können.“

Berlinale will niemanden zwingen anzureisen, wenn er sich nicht wohlfühlt

Es seien aber die Schauspielerinnen Emma Thompson, Juliette Binoche, Isabelle Huppert (bekommt diesmal den Goldenen Ehrenbär) und Charlotte Gainsbourg da. Die Anreise aus den USA sei kompliziert so Chatrian zur Deutschen Presseagentur. „Unsere Politik ist da diesmal auch ganz klar: Wir wollen niemanden zwingen anzureisen, wenn er sich nicht wohlfühlt. Ein Festival sollte ein Vergnügen sein, nicht nur Arbeit.“

Aber im wesentlichen ist es natürlich doch Arbeit, und es ist Einkommen, deswegen ist es schon bedauerlich, wenn große Stars nicht anreisen möchten.

Insgesamt 18 Filme gehen dieses Jahr ins Rennen um den Goldenen Bären, darunter Andreas Dresens Projekt „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ (eine Hauptrolle hat Alexander Scheer ergattert) und der Film „A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe“ von Nicolette Krebitz. Das ganze Berlinale-Programm umfasst 256 Filme aus 69 Ländern.

Die Wettbewerbsfilme der 72. Berlinale gehen auch thematisch in die 70er-Jahre zurück: Es geht um Familie als Ankerpunkt im Leben, um den Rückzug aufs Land, um Liebe in Zeiten des Hasses. Waren die 70er-Jahre wirklich so golden? Die Preisverleihung mit den Goldenen und Silbernen Bären wird am Abend des 16. Februar stattfinden.

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