Das Heizkraftwerk Lichterfelde, das mit Gas- und Dampfturbinen Strom erzeugt und rund 100.000 Haushalte mit Wärme versorgt. Bis 2019 wurde es modernisiert, die drei markanten braunen Kesseltürme mit den Schornsteinen und der Kühlturm rechts werden abgerissen.
Das Heizkraftwerk Lichterfelde, das mit Gas- und Dampfturbinen Strom erzeugt und rund 100.000 Haushalte mit Wärme versorgt. Bis 2019 wurde es modernisiert, die drei markanten braunen Kesseltürme mit den Schornsteinen und der Kühlturm rechts werden abgerissen. dpa/Kay Nietfeld

Es waren viele Worte, die der Senat am Mittwochabend ins Netz stellte: Das Land Berlin will von Vattenfall Wärme Berlin die Fernwärme und den Vattenfall-Anteil von 31,575 Prozent an der Gasag kaufen und nach den Wasserbetrieben und dem Berliner Stromnetz in kommunales Eigentum zurückführen. Das habe man der Chefin der staatseigenen schwedischen Vattenfall Group, Anna Borg, in einem Gespräch am selben Tag mitgeteilt. Den Berlinern wiederum wurde nicht mitgeteilt, was das alles kosten soll.

Lesen Sie auch, wie Waffenschmuggler Geschäfte mit Russland machten >>

Man wolle in Gespräche zur Zukunft der Wärmeversorgung in Berlin zusammen mit den weiteren Gasag-Eigentümern eintreten, den Energiekonzernen E.ON und ENGIE (Frankreich), hieß es.

In der wortreichen Mitteilung der Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD), Wirtschaftssenator Stephan Schwarz (parteilos) und Finanzsenator Daniel Wesener (Grüne) ist davon die Rede, „das Fernwärme- und das Gasnetz für eine effektive Wärmewende zusammen zu denken. In Kooperation mit erfahrenen industriellen Partnern (E.ON und ENGIE, d. Red.) sollen zeitnah die Weichen für eine Beschleunigung der Energie- und Wärmewende gestellt und die strategische Weiterentwicklung vorangetrieben werden.“

Das Ziel sei, weniger Klimagase auszustoßen und Berlin klimaneutral zu machen. Das hört sich dann so an: „Die Transformation der städtischen Wärmeversorgung in Richtung Klimaneutralität ist ein zentraler Baustein für eine erfolgreiche Energiewende und das Erreichen der Klimaziele in Berlin. Dafür wird die Netzinfrastruktur auch weiterhin eine wichtige Rolle im Berliner Energiesystem spielen. Die Gas- und Fernwärmenetze müssen entsprechend für den Transport erneuerbar erzeugter Wärme bzw. Gase ertüchtigt werden. Daher will das Land Berlin seinen Einfluss auf die Entwicklung dieser Infrastrukturen erheblich stärken.“

Auf Nachfrage hieß es von der Senatsfinanzverwaltung, man wolle durch den Kauf das Erreichen der Klimaziele sicherstellen. Die Netzinfrastruktur werde auch nach der Beendigung der Erdgasnutzung eine wichtige Rolle im Berliner Energiesystem spielen, wenn sie für Grüne Gase und mit erneuerbarer Energie erzeugten Wasserstoff umgebaut werde.

Wie das konkret vonstatten gehen soll, geht aus der Mitteilung allerdings nicht hervor, mögliche Kosten wurden auch auf Anfrage nicht genannt.

Die Senatsverwaltung für Finanzen teilte mit, dass die angestrebte Beteiligung keine „außergewöhnliche Größenordnung“ für Berlin darstelle. Das wirtschaftliche Risiko aus dem Einstieg des Landes bei Gasag und Fernwärme sei stark begrenzt, weil der Wert der jeweiligen Unternehmensanteile vorab „objektiv durch neutrale Gutachter analysiert“ werde, unter Berücksichtigung der unsicheren Entwicklung der Energiemärkte. Ein Sprecher der Verwaltung teilte mit: „Mit einem unerwarteten Wertverfall der Unternehmen ist daher nicht zu rechnen. Demnach würden sich aus dem Erwerb keine spezifischen Risiken für den Haushalt ergeben.“

3,6 Milliarden Euro für den Kauf von Vattenfall Wärme Berlin?

Im Handelsblatt wurden kürzlich potenzielle, wenn auch anonyme Kaufinteressenten aufgeführt, die einen Kaufpreis von etwa 3,6 Milliarden Euro allein für die „Vattenfall Wärme Berlin“ für realistisch halten. Gerechnet wird mit dem 15-fachen des Gewinns vor Zinsen, Steuern sowie Abschreibungen. Dieses sogenannte Ebitda lag 2021 bei 240 Millionen Euro. Laut Handelsblatt prüft Berlin, ob es zur Finanzierung des Deals „externe Kapitalgeber“ heranzieht.

Seitens der Verwaltung heißt es, dass über die genaue Finanzierung des beabsichtigten Erwerbs der Unternehmensanteile noch nicht entschieden sei. Im Prinzip bestünden zwei Möglichkeiten:

Das Land Berlin erwirbt selbst Unternehmensanteile und finanziert das durch Kreditaufnahme des Landeshaushalts. Der andere Weg führe über ein Unternehmen im Eigentum des Landes Berlin, die die Anteile kauft und Unternehmensanteile und finanziert dafür Kredite aufnimmt.

Über Börsenkurse der Aktiengesellschaften Vattenfall Wärme Berlin und Gasag ist ihr Wert nicht zu ermitteln, weil es keine Kurse gibt: Weder die Aktien der Vattenfall Wärme Berlin noch der Gasag werden gehandelt. Die Anteile an der Vattenfall Wärme Berlin gehören zu 100 Prozent der deutschen Vattenfall GmbH, die Gasag ist komplett im Eigentum von Vattenfall, E.ON und ENGIE.

Unklare Aussagen: Will Berlin nur das Fernwärme-Netz oder auch die Kraftwerke, die es beschicken?

Unklar bleibt auch, ob der Senat nur das gut 2000 Kilometer lange Fernwärmenetz übernehmen will, wie es ein Zitat Giffeys aus der Mitteilung nahelegt („Wir wollen die Chance nutzen, die sich jetzt mit der Übernahme des Fernwärmenetzes bieten könnte“), oder ob man auch die zehn Kohle- und Gaskraftwerke erwerben will, in denen der Löwenanteil der Fernwärme für 1,3 Millionen Haushalte produziert wird.

So oder so: Bis zu einer Entscheidung kann es noch dauern.

Was den angestrebten Kauf der Vattenfall-Anteile an der Gasag durch Berlin  angeht, hieß es seitens Vattenfalls: „Wir nehmen das mit Interesse zur Kenntnis. Wir haben die Anteile nicht zum Verkauf gestellt.“ Von der Gasag, die ihre Klimaschutzanstrengungen im Internet preist, gab es nur einen Satz: „Wir sind Gegenstand des Prozesses und können daher leider dazu keine Stellungnahme abgeben.“ Die Gasag hat rund 700.000 Kunden unter Wohnungen und Gewerbe Berlins, betreibt gut 10.000 dezentrale Wärmeerzeugungs-Anlagen.

Anders sieht es bei der Fernwärme aus. Bereits im Mai hatte Vattenfall verkündet, eine „strategische Neubewertung“ seines Wärmegeschäfts vorzunehmen. Sprecher Stefan Müller sagte dem KURIER, man habe sich als erstes großes Energieunternehmen auf eine Klimaneutralität bis 2050 eingerichtet, viele mit dem Senat vereinbarte Ziele schon übererfüllt. Man habe die CO2-Emissionen in den Berliner Heizkraftwerken zwischen 1990 und 2020 weit mehr als halbiert, hieß es vom Unternehmen – von 13,3 Millionen Tonnen auf etwa 5,1 Millionen Tonnen pro Jahr.

Bislang gibt es laut Vattenfall keine Verhandlungen mit Berlin

Es werde aber noch geklärt, ob man die teure „Dekarbonisierung“ in Berlin fortsetzt, oder ob man sich nicht lieber mit dem gleichen Ziel beispielsweise auf die Errichtung von Offshore-Windparks vor den Küsten ausrichten will. Gegenwärtig würden Daten zusammengetragen, um anschließend zu entscheiden, ob man das Berliner Unternehmen mit seinen rund 1700 Mitarbeitern behält oder bei einer „Marktansprache“ möglichen Käufern andient. Berlin könnte einer von vielen Interessenten sein.

 Was das Berliner Begehren angeht, sagte Müller dem KURIER wie zum Thema Gasag: „Wir nehmen das Interesse des Landes Berlin zur Kenntnis.“ Bis zum Abschluss der „strategischen Neubewertung“ des Berliner Wärmegeschäfts werde allerdings mit niemandem verhandelt. 

Berlin würde mit Fernwärmeversorgung und Gasag keine leichte und vor allem keine billige Aufgabe übernehmen: Die Gasag macht ihr Geschäft vorwiegend  mit Erdgas, und die Zukunftsaussichten dieses Energieträgers sind bekanntermaßen seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und dem weitgehend ausbleibenden Nachschub aus Russland düster geworden.

Vattenfall wiederum setzt zu 77 Prozent Gas zur Wärmeerzeugung ein, zu 15 Prozent Kohle, rund sechs Prozent Abwärme zum Beispiel der Müllverbrennung sowie zu zwei Prozent Biomasse und Biogas. 

Dass Eile geboten ist, geht aus der Senats-Anmerkung hervor, dass die zur Transformation der Wärmeversorgung weg von Kohle und Erdgas erforderlichen Investitionen „rechtzeitig“ getätigt würden.

Laut einer Studie könnte die Wärmeerzeugung Berlins schon 2035 klimaneutral sein. Für über vier Milliarden Euro

Verschiedene Organisationen von Greenpeace bis BUND begrüßten die Pläne des Senats. Greenpeace kritisierte, dass Vattenfall und Gasag zu wenig in erneuerbare Energien investiert hätten.  Eine Studie aus dem Oktober 2021, die von der Initiative „Berlin erneuerbar“ und „Fridays for Future“ in Auftrag gegeben worden war, kam zum Ergebnis, dass die Berliner Wärmeversorgung schon 2035 klimaneutral gestaltet werden könne.

Unter anderem könne das aus Abwärme von Rechenzentren erfolgen, Solar- oder Geothermie. Die Kosten für den Umbau wurden in der Studie mit mehr als vier Milliarden Euro veranschlagt.