So sah der Oberlauf der Panke im August 2022 aus. Das Flüsschen war ausgetrocknet.
So sah der Oberlauf der Panke im August 2022 aus. Das Flüsschen war ausgetrocknet. Sabine Gudath

Kaum jemand nimmt sie zur Kenntnis, aber ohne sie könnten die Berliner wohl durch die Spree waten und sich vom Tegeler See verabschieden: Die Spree-Schleusen am Mühlendamm und in Charlottenburg, die Havel-Schleuse in Spandau. Manfred Krauß, Wasserexperte bei der Umweltschützer-Organisation BUND, zeichnet ein düsteres Bild: Würden die Bauwerke das Wasser der beiden wichtigsten Berliner Flüsse nicht zurückhalten, verkämen sie derzeit zu Rinnsalen.

Wer letzter Tage in Berlin den Regenschirm aufspannte, mag es nicht glauben: die Stadt trocknet aus. Von 530 stehenden Pfuhlen, Tümpeln, Teichen ist jeder dritte von Austrocknung betroffen. . Bei den Berliner Wasserbetrieben macht sich Verzweiflung breit angesichts der Messdaten: 2022 fielen deutlich weniger als 400 Liter Regen pro Quadratmeter, zum Beispiel 355,5 Liter am Messpunkt Dahlem. In den Jahren 1981 bis 2010 waren es im Schnitt knapp 590 Liter.

Die Hönower Teiche, eher nur noch größere Pfützen.
Die Hönower Teiche, eher nur noch größere Pfützen. Manfred Krauß

Der Grundwasserspiegel sinkt. Aus dem Lausitzer Braunkohlerevier kommt weniger Wasser über die Spree, weil dort weniger Grundwasser in die Spree gepumpt wird und sich die Seen in den aufgelassenen Tagebauen füllen.

Warum die Spree manchmal rückwärts fließt

Im Sommer fließt die Spree zwischen Mühlendamm und Müggelsee schon mal rückwärts, wenn im See mehr verdunstet als neu hineinfließt. Die Oberläufe von Panke, Tegeler Fließ und Wuhle waren im Sommer 2022 trocken.

Die Spreeschleuse Charlottenburg hält das Wasser des Flusses zurück (Archivbild).
Die Spreeschleuse Charlottenburg hält das Wasser des Flusses zurück (Archivbild). imago/Jürgen Ritter

Im Berliner Speckgürtel wird heftig gebaut, mehr Boden versiegelt, Wasser gefördert. Insgesamt verbrauche Berlin immer noch zu viel Wasser.

Krauß hat noch einen ganzen Strauß von Klagen über die Situation Berliner Gewässer: Zu dicht an Ufern errichtete Neubauten. Vernachlässigter Röhrichtschutz.ferr. Lahme Renaturierung der Panke. Gartendenkmalpfleger, die kein reinigendes Schilf in Parkgewässern wie dem Lietzensee wollen. Die Jahrzehnte zurückliegende Übertragung der Pflege der Kleingewässer  vom Senat an die Grünflächenämter der Bezirke, die dafür weder Kenntnisse noch Mittel haben. Mit Öl, Reifenabrieb und Hundekot verdrecktes Regen- wasser, das ungeklärt von den Straßen in Gewässer wie den Schäfersee fließt.

Röhricht im Parkteich Jungfernheide: Die Gartendenkmalpflege will ihn nicht, erklärt der BUND
Röhricht im Parkteich Jungfernheide: Die Gartendenkmalpflege will ihn nicht, erklärt der BUND Manfred Krauß

Ein Erbe, das nicht zum Klimawandel passt

Zentrales Problem allerdings sei eine historische Entwicklung, die nicht mehr in Zeiten des Klimawandels passe. Krauß: „Früher war man in Berlin und Brandenburg bestrebt, das Niederschlagswasser so schnell wie möglich aus der Landschaft abzuführen, um Ackerbau betreiben zu können.“ Dafür wurden schnurgerade Gräben gezogen.

Auch jenseits der Landwirtschaft gehe das ähnlich weiter: Die Wasserbetriebe klären jährlich 60 bis 70 Millionen Kubikmeter Regenwasser, aber die fünffache Menge von Industrie- und Haushaltsabwässern. Dieses gereinigte „Klarwasser“  ist laut Krauß aber immer noch mit Nähr- und Spurenstoffen wie Rückständen der Pille oder von Schmerzmitteln belastet und wird in die Flüsse geleitet. Es wird noch einige Jahre dauern, bis neue Reinigungsstufen in den Klärwerken derlei Probleme mindestens verkleinern.

Manfred Krauß, Wasserexperte beim BUND Berlin.
Manfred Krauß, Wasserexperte beim BUND Berlin. GL

Allerdings sorgt das Klarwasser dafür, dass beispielsweise entlang der Havel noch Uferfiltrat für Trinkwasser gefördert werden kann, oder dass wenigstens in den Unterläufen von Panke und Wuhle im Sommer noch Wasser war.  

Verwaltungs-Durcheinander hemmt Hilfe für Berlins Wasser

Ein Kuddelmuddel an Zuständigkeiten, so beschrieb es kürzlich eine leitende Mitarbeiterin der Wasserbetriebe im Abgeordnetenhaus, bremsten Renaturierungsmaßnahmen oder Versickerungsmöglichkeiten aus. Maßnahmen wie die Wasserversorgung der Karower Teiche mit Klarwasser würden vom Land Berlin als Projekte aus dem Landeshaushalt finanziert. Ohne Aussicht auf garantierten dauerhaften Geldfluss. Aus den Abwassergebühren dürften die Wasserbetriebe rechtlich kein Geld für solche sinnvollen Projekte verwenden.

Wie also soll das Schlagwort der „Schwammstadt“ umgesetzt werden, mit mehr Versickerung, mit besserer Verwendung des Klarwassers, mit gewundenen und deshalb langsamer fließenden kleinen Flussläufen?

Und vor allem im Zusammenspiel von Verwaltungen, die an einem Strang ziehen?

Rettung könnte ein Vorbild aus dem Ruhrgebiet sein, wo ein Wasserproblem so angepackt wurde, dass es nicht im Morast widerstreitender Verwaltungen versackte.  Ein Problem, das zwar anders gelagert war, dessen Lösung aber einen Weg weist, den auch Berlin beschreiten könnte. Auch wenn es  teuer werden und Jahrzehnte dauern dürfte.

Klare Bäche statt Kloake

Seit dem 19. Jahrhundert war dort das Flüsschen Emscher zur zentralen Kloake geworden, alles Abwasser aus Häusern und Industrie floss in die Emscher und ihre zufließenden Bäche. Der Grund: Man konnte wegen „Bergschäden“ keine unterirdischen Kanäle wie in Berlin bauen, weil der Boden wegen des Bergbaus immer wieder absackte.

Dr. Mario Sommerhäuser von der Emschergenossenschaft.
Dr. Mario Sommerhäuser von der Emschergenossenschaft. GL

1992 fasste die „Emschergenossenschaft“ dann den Plan: Wir machen das Fluss-System abwasserfrei. 30 Jahre und 5,5 Milliarden Euro später war es gelungen, waren Klär- und Pumpwerke, hunderte Kilometer Abwasserleitungen errichtet, die Läufe der Bäche und (weitgehend) der Emscher selbst renaturiert.

Der Oberlauf der Emscher in Dortmund 1976 und nach der Renaturierung.
Der Oberlauf der Emscher in Dortmund 1976 und nach der Renaturierung. EGLV, Rupert Oberhäuser/EGLV

Dr. Mario Sommerhäuser, Abteilungsleiter bei der Genossenschaft, elektrisierte bei einer Anhörung im Abgeordnetenhaus nicht nur die Parlamentarier, sondern auch Umweltsenatorin Bettina Jarasch (Grüne), als er das Erfolgskonzept erklärte: „Städte und Kommunen sowie das Umweltministerium sind in Genossenschaftsrat beziehungsweise in der Genossenschaftsversammlung vertreten.“ 

Vom Ruhrgebiet lernen?

Die Genossenschaft kann aber weitgehend autonom handeln. Das habe unter anderem dazu geführt, dass die Kosten von jährlich durchschnittlich knapp 190 Millionen Euro über die 30 Jahre nur um zehn Prozent über dem Plan lagen. Und obwohl das Projekt vorwiegend aus Abwassergebühren finanziert wurde, lägen sie für die Menschen im Ruhrgebiet nicht an der Spitze des Bundeslands.

Berlin sollte im Verein mit Brandenburg darüber nachdenken, ein ähnliches Modell zu entwickeln.

Die Emscher in ihrem weiteren Verlauf zum Rhein, wie sie war und wie sie inzwischen in weiten Teilen ist.
Die Emscher in ihrem weiteren Verlauf zum Rhein, wie sie war und wie sie inzwischen in weiten Teilen ist. EGLV

Senatorin Jarasch: Ein guter Ansatz

Jarasch sagte dem KURIER, die Idee der Genossenschaft sei überaus interessant, ein guter Ansatz für eine Verwaltungsreform. Zunächst müssten die Wasserbetriebe den gesetzlichen Auftrag bekommen, sich beispielsweise um Renaturierung zu kümmern und dabei langfristig sichere Gebühreneinnahmen bekommen.

Manfred Krauß jedenfalls, der nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit dem Thema kaum noch Hoffnung hat, dass die Verwaltung Berlins das Wasserproblem lösen kann, war nach der Anhörung ein kleines Stück optimistischer: „Die Abgeordneten stellen inzwischen ganz andere Fragen als noch vor zwei Jahren.“ Der Notstand scheine in den Köpfen angekommen zu sein.