Der 32-jährige Obdachlose Dawid sitzt mit seinem Koffer und Schlafsack vor dem Eingang zur Kleiderkammer der Berliner Stadtmission. Die Berliner Stadtmission betreibt in der Lehrter Straße unter anderem eine Kleiderkammer, eine Notunterkunft für obdachlose Menschen und eine Ambulanz für unversicherte Bedürftige. 
Der 32-jährige Obdachlose Dawid sitzt mit seinem Koffer und Schlafsack vor dem Eingang zur Kleiderkammer der Berliner Stadtmission. Die Berliner Stadtmission betreibt in der Lehrter Straße unter anderem eine Kleiderkammer, eine Notunterkunft für obdachlose Menschen und eine Ambulanz für unversicherte Bedürftige.  Monika Skolimowska/dpa

Gruby hat ein rauchiges Lachen. „Gruby“ - das heißt so viel wie „der Dicke“ - das ist sein selbstgewähltes Pseudonym, weil der 44-jährige Obdachlose aus Polen nicht erkannt werden möchte. Sein Lachen täuscht über die Narben in seinem Gesicht hinweg. Er ist einer von vielen Menschen, die an diesem kalten Montagmorgen vor dem Zelt der Berliner Stadtmission stehen, in dem Mitarbeiter Spenden aus der Kleiderkammer verteilen.

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Stolz zeigt er die Markenhose, die er bekommen hat. „Zuhause habe ich Sachen von Gucci und Chanel“ sagt er, und mit „Zuhause“ meint er die Unterkunft eines Bekannten. Es ist wahr, dass auch Markenkleidung gespendet wird. Momentan wird aber weniger gespendet, was den Mitarbeitern der Stadtmission Sorge bereitet. Der Andrang in der Vorweihnachtszeit ist groß.

Noch nie so wenig Kleiderspenden 

„Wir haben noch nie so wenige Kleiderspenden gehabt wie aktuell“, sagt die Sprecherin der Stadtmission, Barbara Breuer. Zu Beginn des Krieges in der Ukraine vor fast einem Jahr hätten die Menschen wahnsinnig viel gespendet, sodass es kurzzeitig mehr als genug Spenden gab. Mittlerweile hätten die Spenden aber wieder drastisch abgenommen. „Wir haben im Schnitt 100 Menschen hier am Tag, 30 davon sind Frauen aus der Ukraine. Letzte Woche hatten wir 170 an einem Tag, das sprengt dann einfach die Kapazitäten.“ Durch den Krieg, die Inflation und die Energiekrise kämen immer mehr Menschen zur Stadtmission, um Hilfe zu suchen.

PRODUKTION - 28.11.2022, Berlin: Eine Mitarbeiterin der Berliner Stadtmission sortiert in der Kleiderkammer gespendete Schuhe und räumt sie in Regale ein. 
PRODUKTION - 28.11.2022, Berlin: Eine Mitarbeiterin der Berliner Stadtmission sortiert in der Kleiderkammer gespendete Schuhe und räumt sie in Regale ein.  Monika Skolimowska/dpa

So auch Dawid, 32, der seit drei Jahren auf der Straße lebt. Seine Geschichte ähnelt der von vielen, die dort sind. Er sei aus Polen nach Deutschland gekommen, um zu arbeiten, doch der Job, für den er eine Zusage hatte, existierte nicht. Der Frust darüber und die Trennung von seiner Freundin und seiner Tochter hätten ihn dann zum Alkohol gebracht - und der wiederum auf die Straße. „Ich kam gestern nicht mehr hier rein“, sagt er auf Polnisch und deutet auf die Notunterkunft der Stadtmission, die wegen Überfüllung niemanden mehr aufnehmen konnte. „Manchmal schlafe ich auch auf Baustellen.“

„In Berlin musst du echt blöd sein, wenn du nicht auf der Straße klar kommst“

Die Notübernachtung ist eine von mehreren Stellen, in denen obdachlose Menschen nachts unterkommen können. Von November bis April können die Gäste um 20.00 Uhr eintrudeln und bekommen neben einem Schlafplatz auch etwas zu essen, können duschen und werden beraten. Für 125 Menschen gibt es Platz, oft sind es aber noch mehr. Die Stadtmission bietet noch viele andere Projekte, auch langfristige Unterkünfte und betreute Wohnprojekte. Aber es gibt auch die Menschen, die freiwillig obdachlos sind - wie Gruby.

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„In Berlin musst du echt blöd sein, wenn du nicht auf der Straße klar kommst“, sagt er. Er hat in der Unterkunft geschlafen, holt sich in der Kleiderkammer neue Klamotten und kann noch duschen gehen. Um 12.00 Uhr holt er sich Mittagessen bei der Bahnhofsmission am Ostbahnhof. Nachmittags will er „was besorgen“ - gemeint ist Diebstahl von Alkohol - „denn ohne Alkohol hält man die Straße nicht aus“. Abends bekommt er dann wieder Essen in der Notunterkunft und kann seinen Rausch ausschlafen.

Offiziell 2000 Obdachlose in Berlin 

Über 90 Projekte und Einrichtungen gehören zur Stadtmission, allein 24 davon fallen in den Bereich Armut und Wohnungslosigkeit. Damit ist sie einer der größten Vereine in Berlin, der sich um obdach- und wohnungslose Menschen in Berlin kümmert. Hinzu kommen Angebote von Vereinen wie der Caritas, der Diakonie oder der Tafel. Offiziell leben laut Kältehilfe in Berlin 2000 Obdachlose auf der Straße und 55 000 wohnungslose Menschen, wobei die Dunkelziffer weitaus höher geschätzt wird.

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Doch um die umfangreiche Betreuung weiter anbieten zu können, muss auch die Stadtmission irgendwie mit den gestiegenen Kosten umgehen. Eine genaue Bezifferung der Kostensteigerung sei schwierig, aber generelle Nebenkosten, Strom- und Fernwärmepreise seien auch für den Verein um bis zu 50 Prozent gestiegen. Weil viele Menschen diese Kosten zuhause nicht mehr stemmen können, suchen sie Hilfe. „Wir merken schon, dass die Not steigt in der Stadt“, sagt Breuer.

Leere Kleiderbügel hängen an einer Stange in der Kleiderkammer der Berliner Stadtmission. 
Leere Kleiderbügel hängen an einer Stange in der Kleiderkammer der Berliner Stadtmission.  Monika Skolimowska/dpa

„Das Hilfesystem in Berlin ist schon ganz gut ausgebaut“, sagt die Vereinssprecherin. Sie lobt den Sozialsenat mitsamt Masterplan, der unfreiwillige Obdachlosigkeit bis 2030 abgeschafft haben will. „Trotzdem gibt es Menschen, die durchs Raster fallen und die es nicht schaffen, sich Kleidung und Essen zu holen.“ Bis zu 70 Prozent der Menschen hätten laut Breuer eine psychische Erkrankung, die es viel schwerer mache, sich um sich selbst zu kümmern.

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Gruby lebt seit einem Jahr auf der Straße und hat davor schon einige Male versucht, vom Alkohol wegzukommen, wie er sagt. Er habe eine Langzeittherapie gemacht und dann zehn Monate ohne Alkohol geschafft - dann wurde er rückfällig. Momentan sei es für ihn okay so, wie es ist. Ob er es schafft, von der Straße wegzukommen, weiß er nicht. Er ist dankbar für das Angebot in Berlin. Gruby hofft, dass er es auch in Zukunft nutzen kann: „Auf der Straße habe ich meine Familie.“

Aktuell benötigt die Kleiderkammer der Stadtmission vor allem Kleidung für Männer: enganliegende Boxershorts,  T-Shirts, Hoodies Jogginghosen, Jeans Regenjacken, Gürtel. Allgemein für die Kleiderkammer werden auch Transportmittel gebraucht: Rucksäcke,  Sporttaschen, Trolley, IKEA Taschen o.ä. Wer Decken aus Fleece oder Wolle, Handtücher, Schlafsäcke und Isomatten abzugeben hat, kann das ebenfalls in der Stadtmission tun. Ebenso nötig: Winterjacken , warme Mützen,  Handschuhe,  Schals, lange Unterhosen (Thermowäsche) Winterschuhe. 

Wo kann ich Spenden abgeben?

Sachspenden für die Statdtmission bitte im Zentrum am Hauptbahnhof – Mitte abgeben. 
Lehrter Str. 68, 10557 Berlin,  Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, von 8.00 bis 18.00 Uhr
Außerhalb unserer Öffnungszeiten und am Wochenende stehen Ihnen jederzeit für Kleiderspenden die Sammelcontainer am Parkplatz zur Verfügung.  In der Kleiderkammer direkt bitte keine Kleiderspenden abgeben.