Diesen Kaiman kaufte Tierschützer Stefan Klippstein einer Reptilien-Schau ab. Er hätte ihn ohne Probleme nach Berlin bringen können. Foto: Sabine Gudath

Viele leiden in der Corona-Zeit unter Langeweile und Einsamkeit – und wollen sich plötzlich ein Haustier anschaffen. Die Folge: Tierheime haben riesigen Zulauf, der illegale Handel mit Haustieren boomt. Und nun sogar in Bereichen, bei denen man nicht damit gerechnet hätte. Der Berliner Tierschützer Stefan Klippstein ließ in der letzten Zeit immer wieder illegale Reptilienhändler hochgehen, die Berlin mit exotischen Tieren versorgen. Denn auch der Bedarf an Echsen, Schlangen und Spinnen ist riesig.

„Durch die Corona-Krise haben die Leute viel mehr Zeit – deshalb ist der Haustier-Boom ungebrochen“, sagt Klippstein dem KURIER. „Und viele suchen exotische Tiere, wollen Schlangen oder Echsen halten.“ Bisher wurden solche Reptilien vor allem bei Reptilienbörsen gehandelt, doch die können aufgrund der Pandemie nicht stattfinden. „Also hat sich das Geschäft ins Internet verlagert. Auf bestimmten Kleinanzeigenseiten im Netz ist das inzwischen untersagt, aber die Händler finden immer neue Wege.“

Stefan Klippstein zeigt die Plastik-Boxen, in denen die gezüchteten Geckos aufbewahrt und transportiert werden. Foto: Klippstein

Ein typisches Beispiel ist dieses: Im Netz stieß Klippstein auf eine Anzeige, hinter der sich eine rollende Reptilien-Schau versteckte, die offenbar in finanzielle Not geraten war. „Ich fuhr nach Torgau, kaufte ihnen für 450 Euro einen Kaiman ab.“ Klippstein gab vor, sich mit der Alligatoren-Art nicht auszukennen – und erzählte, er wolle das Tier in der Badewanne unterbringen. Völlig absurd: Trotzdem klappte das Geschäft! „Das Tier wäre gestorben, wenn ich es so gemacht hätte.“

Geckos werden in Berlin inzwischen wie Pizzen ausgeliefert

Zudem kaufte er das Tier, obwohl er dem Händler auch verriet, dass er aus Berlin kommt. „Und Berlin hat die schärfte Gefahrentierverordnung. In privaten Wohnungen dürfen solche Tiere nicht gehalten werden. Man hätte mir den Kaiman also nicht verkaufen dürfen.“ Klippstein nahm das Tier mit, brachte es in eine Auffangstation für Reptilien in Brandenburg an der Havel.

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Auch kleinere Reptilien wie Geckos seien ein Trend. „Die haben sehr schöne Färbungen. Viele Händler züchten sie, verkaufen sie über das Internet.“ Mit der Polizei befreite er mehrere Geckos aus einer Wohnung in Mitte. Die Tiere wurden später untersucht, waren unterkühlt und voller Bakterien. Außerdem bestellte Klippstein bei einem „Gecko-Taxi“, das die Tiere auf Bestellung zu einem Treffpunkt liefert! „Es gibt keinerlei Beratung. Jedes Kind kann sich für 20 Euro so eine Echse kaufen.“

Solche Geckos gibt es in vielen Farben und Mustern – sie sind beliebt und von illegalen Händlern leicht zu bekommen. Foto: Klippstein

Auf Nachfrage beim Bezirksamt Reinickendorf heißt es, in den letzten Jahren habe es nur einen Fall gegeben, bei dem ein Händler ohne tierschutzrechtliche Erlaubnis handelte. Der Haken: „Dazu muss man sagen, dass Händler diese Erlaubnis erst benötigen, wenn sie von ihrer Nachzucht mehr als 100 Tiere pro Jahr verkaufen. Ein Handel mit bis zu 100 Tieren pro Jahr muss der Behörde nicht angezeigt werden“, teilt ein Sprecher mit.

Dass es dabei bleibt, dürfte aber unwahrscheinlich sein: Viele Händler fliegen mit ihren Geschäften schließlich gar nicht auf, sagt Klippstein. Er rät dazu, sich in jedem Fall fachkundig beraten zu lassen. Das ist etwa im Berliner Tierheim möglich: Hier gibt es eine der größten Exotenstationen in Deutschland, sagt Tierheim-Sprecherin Annette Rose dem KURIER. „Bei uns findet man unter anderem Geckos, Leguane, Bartagamen, Nattern, Schildkröten aller Art und Pythons. Es ist also viel schlauer, sich bei uns gut beraten zu lassen und ein Tier aus dem Tierschutz zu adoptieren, statt sich möglicherweise unseriöser Quellen aus dem Internet zu bedienen.“

Niemand hat mehr die Kontrolle darüber, welche Tiere wo gehalten werden

Eine höhere Nachfrage bei Reptilien habe man hier nicht verzeichnet, allerdings werden mehr Landschildkröten vermittelt. Rost: „Das liegt daran, dass die Interessenten in den letzten Monaten viel Zeit im eigenen Garten verbracht haben und somit auch die Zeit hatten die entsprechenden Gehege anzulegen und zu gestalten.“

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Doch nicht jeder geht den offiziellen Weg – und das birgt ein großes Problem. „Jeden Tag werden in Berlin Hunderte Tiere auf illegalen Wegen verkauft. Niemand weiß, was da in Berlin eigentlich alles so kreucht und fleucht.“ Das falle erst auf, wenn mal ein Tier ausbricht – oder wenn die Halter nicht mehr damit umgehen können und es aussetzen. „Aber viele Schlangen, die so in Berlins Wälder geschmissen werden, werden nie aufgefunden.“