Vor dem Elektronikmarkt Saturn am Alexanderplatz warten Menschen in einer Warteschlange. Die Einzelhändler müssen verschärfte Corona-Auflagen umsetzen.  Foto: Christophe Gateau/dpa

Lange Schlangen vor den Geschäften, Umsatzeinbußen und chaotische Zustände - der Einzelhandelsverband schlägt nach den neuen Corona-Vorgaben Alarm. Wir sprachen mit Nils Busch-Petersen über die Folgen.

Berliner KURIER: Herr Busch-Petersen, das erste Wochenende nach dem Beschluss, Kunden nur noch begrenzt reinzulassen, ist vorbei. Was ziehen Sie für ein Fazit?

Nils Busch-Petersen:  Wir können die jetzige Situation nicht mit den Vorjahren vergleichen, weil wir einfach insgesamt darnieder liegen. Das wirkt sich besonders auf Innenstadt relevante Branchen aus - wie bei Textil, Bekleidung, Schuhen, Uhren, Schmuck oder Spielwaren. Wir sprechen inzwischen von einem Lockdown-Leid. Viele Unternehmen sind auf das Weihnachtsgeschäft angewiesen, hier machen einige Branchen etwa 30 bis 40 Prozent ihres Jahresumsatzes. Doch jetzt schon werden sie weniger frequentiert. Durch die Verschärfung rechnen wir nochmal mit Umsatzeinbußen von 60 Prozent, alle hochfrequentierten Innenstadtlagen leiden. Besonders bestraft werden die großen Warenhäuser und Supermärkte. Oder die Einkaufspassagen – weniger Publikum bedeutet weniger Umsatz. Und das trifft auch die dort angesiedelten Lebensmittelgeschäfte.

Lesen Sie auch: Aldi, Lidl & Co.: Vollgas Richtung Innenstadt: Discounter drängen in die Fußgängerzonen

Gerade vor Weihnachten wollen die Menschen shoppen. Wird ihnen das jetzt verleidet?

Die neuen Corona-Beschlüsse, die Kundenzahlen zusätzlich zu begrenzen, werden zu Problemen führen. Vor allem bei Unternehmen, die jetzt nur noch einen Kunden pro 20 Quadratmeter auf die über 800 hinausgehenden Quadratmeter zulassen dürfen. Warum ist man nicht bei der Zehn-Quadratmeter-Regelung geblieben? Das ist das richtige Maß und wird auch unverändert vom Robert-Koch-Institut empfohlen. Wir rechnen damit, dass sich gerade vor Supermärkten lange Schlangen bilden werden. An kalten Wintertagen könnten ab Montag viele Kunden ungeordnet vor einem Supermarkt rumstehen. Dabei brauchen wir die für eine sichere, stabile Versorgung der Kunden. Wer soll im öffentlichen Raum auf Abstände achten? Das Sicherheitspersonal der Geschäfte darf das nicht. Soll die Polizei das regeln?

Nils Busch-Petersen, Chef des Berliner Einzelhandelsverbandes
Foto: Thomas Uhlemann

In Mitte hat jüngst ein Mann einer Frau in der Warteschlange einen Glasflasche auf den Kopf geschlagen und sie leicht verletzt …  Wird es weitere solche Vorfälle geben?

Schon beim ersten Lockdown haben wir die Grenzen der Belastbarkeit der Kunden erlebt. Die Nerven werden wieder blankliegen. Mich hat beim ersten Lockdown ein älterer Mann in einem Geschäft beschimpft, weil er mich als Sprecher vom Handelsverband erkannt hat. Er war richtig aggressiv, wäre er jünger gewesen, hätte er mich noch geboxt. Ich bin noch nie so angefeindet worden. Unserem Präsidenten ist das ebenso widerfahren. Die Situation ist sehr angespannt, viele leiden unter den sicherlich notwendigen Beschränkungen. Und wenn sie dann noch wie Horden vor den Läden in der Kälte warten müssen, was an Situationen aus der DDR erinnert, dann kann das natürlich eskalieren. Ich mache mir einfach Sorgen. Es ist eine problematische Melange. Das hätte man entschärfen können – wenigstens bei den Lebensmittel- und Drogeriemärkten. Ich hoffe, dass das wenigstens bei den nächsten Überlegungen der Landesregierung eine Rolle spielt. Der Lockdown zeigt, wie dünn die Schutzschicht zivilisierten Verhaltens ist. Corona wirkt wie ein Brennglas und Brandbeschleuniger in allen Bereichen.

Lesen Sie auch: Reisen und Einkaufen nur für Geimpfte: Corona: Kommt die Impfpflicht durch die Hintertür?

Rechnen Sie mit Hamsterkäufen?

Die Lager sind voll. Aber wir wissen aus den Erfahrungen vom Frühjahr, wie das läuft und wie sich das hochschaukeln kann. Zurzeit kann ich nur sagen: Es wird keiner in der Adventszeit ungeputzt ins Bett müssen. Toilettenpapier ist ausreichend vorhanden.

Wir hätten uns von der Politik mehr Mut erhofft. 

Nils Busch-Petersen

Was ist mit den verkaufsoffenen Sonntagen?

Wir bedauern es außerordentlich, wenn es schon um die Entzerrung der Kundenströme geht, dass wir nur zwei verkaufsoffene Sonntage am zweiten und vierten Advent haben. Wir hätten gerne an allen Sonntagen geöffnet gehabt, doch da sehe ich zurzeit keine Chance. Wir hätten uns von der Politik mehr Mut erhofft.

Lesen Sie auch: Millionen Verluste: Zoo- und Tierpark-Chef rechnet vor: So hart trifft uns die Corona-Krise

Sie haben die Landesregierung im Vorfeld beraten, ihre Wünsche geäußert – warum kam es zu diesem Ergebnis?

Wir sehen uns seit Monaten als Partner mit allen Beteiligten bei der Bekämpfung der Pandemie. Aber man weiß ja, wie das läuft. Es hat vor den Beratungen im Kanzleramt mit den Ministerpräsidenten sogar Entwürfe gegeben, nur noch einen Kunden auf 25 Quadratmetern zuzulassen. Nun ist dieser Kuhhandel rausgekommen. Und dieser drosselt noch mal die Frequenz in den Betrieben, die auf das Weihnachtsgeschäft angewiesen sind. Dabei sind gerade große Läden sehr gut in der Lage, Kundenströme zu leiten. Zudem haben sie alle Videokameras: Man sieht sofort, an welchem Regal oder Stand sich Menschen ansammeln und kann gezielt jemanden schicken, um das aufzulösen. Das hat ein kleineres Geschäft gar nicht.

Was hat das für Folgen?

Im Bereich der Warenhäuser hatten wir bereits Insolvenzen. Bei Galeria Karstadt/Kaufhof haben wir alle gekämpft, um die Standorte zu erhalten. Diese Läden jetzt runter zu regulieren, halten wir für falsch. Da hängen ganz viele Jobs dran und damit sollte man nicht leichtfertig umgehen.

Lesen Sie auch: Weg vom Konsumrausch: Jeder vierte Deutsche will zu Weihnachten weniger für Geschenke ausgeben

Haben Sie mal überschlagen, wie viele Unternehmen in Berlin nach Corona noch da sein werden?

Das können wir nicht voraussagen, im Frühjahr wissen wir mehr, schätze ich. Wir befürchten, dass jedes zweite systemrelevante Geschäft in den Innenstädten bankrottgehen könnte. Denn die Läden jetzt geöffnet zu halten, ohne dass sie Umsatz machen, weil auch das urbane Umfeld wie die Gastronomie dicht ist, ist viel tödlicher als die Zwangsschließungen im ersten Lockdown. Da gab es wenigstens noch finanzielle Unterstützung. Die Handelsverbände haben auf allen Ebenen darum gekämpft, dass es erweiterte Überbrückungshilfen geben wird. Das war anfangs gar nicht vorgesehen. Das wird voraussichtlich nun gelten, wenn im November oder Dezember der Umsatz um 40 Prozent einbricht.