Die Corona-Pandemie ist für viele Paare, besonders mit Kindern, eine enorme Belastung. Imago/Steinach

Zu wenig Platz, um dem anderen auch mal auszuweichen, tägliche Streits, die eskalieren, die Arbeit von zu Hause aus, Kinder, denen man nebenbei beim Homeschooling helfen muss: Die Folgen der Corona-Pandemie lassen sich auch in den Praxen von Ehe- und Paarberatern ablesen. Viele Paare suchen Hilfe, besonders groß ist der Bedarf bei Paaren mit Kindern. Die Wartelisten bei Paarberatern werden seit der Corona-Pandemie immer länger: „Die Nachfrage hat etwa um 20 bis 25 Prozent zugenommen“, berichtet Thomas Herzog, Leiter der Einrichtung Offene Tür Berlin. „Es ist ein gewaltiger Druck im Kessel.“

Der Psychotherapeut ist überzeugt: Die Folgen der Pandemie seien noch gar nicht absehbar, es komme noch einiges auf die Paarberatungen zu. Die Offene Tür Berlin in Charlottenburg bietet Beratung und Lebensbegleitung auf Spendenbasis an.

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„Es ist mehr geworden“, sagt auch Diana Boettcher, Paartherapeutin im Prenzlauer Berg. Der Großteil ihrer Klienten seien junge Eltern mit Kindern im Kita- und Grundschulalter, für die der Alltag in der Pandemie oft eine noch größere Herausforderung sei. „Paare mit Kindern sind überproportional belastet“, beobachtet auch Familientherapeutin Elisabeth Schleert von pro familia.

„Die Haut ist dünner geworden, die Empfindlichkeiten sind größer“

„Aber auch für Paare ohne Kinder und ohne Stress kann es belastend sein, auf sich zurückgeworfen und isoliert zu sein“, sagt Boettcher mit Blick auf pandemiebedingte Einschränkungen. „Die Haut ist dünner geworden, die Empfindlichkeiten sind größer“, sagt Thomas Herzog. Die Ressourcen, die in den vergangenen beiden Jahren noch ausgereicht hätten, um Partnerschaften aufrechtzuerhalten, seien bei manchen Paaren inzwischen aufgebraucht.

Die Wartelisten bei Paarberatern werden seit der Corona-Pandemie immer länger: „Die Nachfrage hat etwa um 20 bis 25 Prozent zugenommen“, berichtet Thomas Herzog, Psychotherapeut und Leiter der Einrichtung Offene Tür Berlin. dpa/Carstensen

Viele Menschen seien in verschiedenen Lebensbereichen ungemein gefordert. „Laufend sich ändernde Corona-Maßnahmen wie Homeoffice, Homeschooling oder unklare Schließungs- und Quarantäneregeln erfordern, sich wiederholt anzupassen und als Paar immer wieder neu miteinander abzustimmen“, sagt der Berater.

Dazu komme, dass die Möglichkeiten, auch außerhalb der Beziehung Kraft zu tanken, Freundschaften zu pflegen oder als Ausgleich Sport zu treiben oder Hobbys nachzugehen, immer noch eingeschränkt seien. Dies verschärfe die ohnehin bereits angespannte Lage für Betroffene zusätzlich.

Corona macht klar, dass die Beziehung nicht mehr stimmt

Andere Menschen wiederum hätten die Möglichkeit gehabt, aus dem alltäglichen Hamsterrad auszuscheren, innezuhalten und sich mehr auf sich zu fokussieren. Einigen sei dadurch klar geworden, dass sie nicht mehr so weitermachen wollen wie bisher, erläutert Herzog. Der Begriff der „Corona-Klarheit“, der eigentlich aus der Arbeitswelt stamme, lasse sich auch auf Beziehungen übertragen: „So geht es mit uns als Paar nicht mehr weiter.“

Die Paar-Probleme seien keine grundsätzlich neuen. Es ginge auch weiterhin um grundlegende Fragen wie „Wie können wir gut zusammenbleiben?“ oder „Was verbindet uns eigentlich noch?“. „Auch Gefühle der Kränkung und mangelnden Anerkennung durch den Partner, tiefe Verunsicherungen durch Affären oder Schicksalsschläge sind Anlass für den Beginn einer Paarberatung“, berichtet er. Viele Konflikte seien auch schon vor Corona da gewesen. Aber erst die Pandemie habe sie akut unaufschiebbar werden lassen.

Beengte Verhältnisse, zu viel Zeit miteinander

Elisabeth Schleert berichtet auch von ganz neuen Problemen: „Es geht oft um die Frage, wie man Rückzugsräume in einer Wohnung schaffen kann.“ Durch beengte Verhältnisse und die viele Zeit, die Familien plötzlich miteinander verbringen, entstünden oft Spannungen. Neben praktischen Lösungen sei oft auch schon die Einsicht, dass die Probleme auch äußere Ursachen haben, entlastend. Denn manche Paare neigten dazu, die Probleme nur zwischen sich zu verorten.

Durch Schul- und Kitaschließungen berge häufig auch die neue Arbeitsverteilung innerhalb der Familie Konfliktpotenzial. „Insbesondere bei Frauen führt es zu Unzufriedenheit und Enttäuschung und auch zu sehr viel Stress, wenn wieder mehr von dieser Care-Arbeit bei ihnen landet.“

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Die Chancen, wieder zueinanderzufinden, stünden gut, wenn beide Partner sich auf den Therapie-Prozess einließen, so Diana Boettcher. Aber auch bei Paaren, bei denen sich eine Trennung abzeichne, könne die Therapie helfen. „Sie können dann oft besser loslassen und haben ein positiveres Bild vom anderen. Wenn Kinder im Spiel sind, gelingt es auch meist besser, den Teamgedanken als Eltern fortzuführen“, so Boettcher.