Niemand sollte sich von der Hilflosigkeit täuschen lassen. Das Baby ist der echte Boss.
Foto: imago images/Monkey Business 2

Eine Freundin schickte mir den Link zu einem Artikel, den das Magazin „The New Yorker“ gerade in den sozialen Medien bewarb. Die Überschrift lautet: „Warum sind Babys so dumm, wenn die Menschen doch so schlau sind?“ Dazu heißt es: Als Spezies seien Menschen unglaublich schlau. Sie schafften großartige Kunst, erstaunliche Technologien. Aber ihre Babys gehörten zu den dümmsten – oder vielmehr zu den hilflosesten –, die es gibt.

Es stimmt: Eine Stubenfliege brummt direkt nach dem Schlüpfen los, paart sich schon nach drei Tagen. Eine Babygiraffe kann kurz nach der Geburt schon stehen. Affenbabys klammern sich an ihre Mütter. Menschen-Babys dagegen liegen rum und können nicht mal allein den Kopf halten. Aber sind sie deshalb dumm?

Ich bin vor fast einem Jahr selbst Opa eines kleinen Mädchens geworden und kann das nicht bestätigen. Mein innerer Berliner regt sich sogar tüchtig auf, wie immer: „Wat? Babys sind doof? So wat Blödet! Ick finde, Babys jehörn zu den schlauesten Jeschöpfen, die et uff der Welt jibt. Sie sind ville schlauer als die jroßen Menschen. Sie schreien, glucksen, kieken mit ihre Kulleroogen und sind so dick und knuffig. Und damit sorjen se jenau für eens: det se überleben.

Aba wat machen die Jroßen? Sie zerstören die Erde, uff der se leben. Von wejen Kunst, Technolojie, Autos und Raketen. Dit kannste allet inne Tonne treten. Dit wichtichste ham se verjessen: wat se tun müssen, um zu überleben.“

Lesen Sie auch: „Harmsens Berlin“: „Keene Kippe, keene Hundescheiße. Ist dit übahaupt 'ne richtije Stadt?“ >>

„Kennen Sie Babys mit einer Hypothek und einem Vollzeitjob?“, fragt ein Leser des Artikels und setzt hinzu: „Ich würde sagen, sie sind viel schlauer als Erwachsene.“

Nehmen wir nur mal einen Nachmittag. Das Baby ist bei uns zu Besuch. Es sitzt auf dem Boden und reckt das Ärmchen hoch: „Da, da, da da!“ Ich nehme es hoch, es greift nach einer Stoff-Figur im Regal und lutscht sie an, bis sie richtig nass ist. Ich setze das Baby hin. „Da, da, da da!“ – der kleine Gummiball gerät ins Visier, die Figur fliegt weg. Das Baby krabbelt hin, nimmt den Ball und lässt ihn fallen. Er hopst durchs Zimmer, landet unterm Tisch. „Wo ist der Ball? Na, wo ist der Ball?“, frage ich. „Hol ihn mal!“ Keine Reaktion.

Lesen Sie auch: „Harmsens Berlin“: Von Maskenmuffel und Muffelmasken >>

Ich krabble auf allen Vieren unter den Tisch und stoße mir den Kopf. Autsch! Das Baby hat das Büchlein mit den Tieren entdeckt. Ich krabble schnell zurück und schaue mit ihm die Bilder an. „Guck doch mal. Das ist ein Bär. Brumm-brumm!“ Das Baby batscht drauf, juchzt und wirft die Ärmchen hoch und runter – sein Zeichen für Freude. Es will auf meinen Schoß klettern. Ich nehme es und schaukle mit ihm hin und her. Dann spielen wir „Hoppe, Reiter“.

Und am Ende? Ich, der große, erwachsene Mann, habe den ganzen Nachmittag krabbelnd auf dem Fußboden verbracht, und ganz allein die Wünsche und Interessen des Babys waren entscheidend. Nun frage sich einer, wer hier am Ende der Schlaueste war.