Ansturm auf die Weihnachts-Ostpro im SEZ: So wie 2018 auf diesem Foto sollte es auch in diesem Jahr wieder sein. Doch Corona machte den Veranstalter einen Strich durch die Rechnung.  Foto: dpa

Die Ruhe ist gespenstisch. Nicht einmal das Telefon klingelt, als Ramona Oteiza (61) in ihrem Büro an der Storkower Straße sitzt, die  Tagespost liest und Akten abheftet. „Normalerweise wäre jetzt bei uns richtig Hektik“, sagt die Chefin der Firma Scot-Messen. Normalerweise wäre Oteiza auch schon längst im Sport- und Erholungszentrum (SEZ),  um Handwerker zu dirigieren, die Stände aufbauen, oder Ausstellern mit ihren Waren den Weg zu den vorgeschrieben Plätzen zu zeigen.

Denn am Freitag sollte dort die weihnachtliche Ostprodukten-Messe Ostpro öffnen, wie immer seit fast 30 Jahren am ersten Adventswochenende. Nun fällt die beliebte Schau mit DDR-Produkten zum ersten Mal in Berlin aus – wegen Corona.

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In einem Monat ist Weihnachten, eine Woche später der Jahreswechsel. Oteiza mag daran gar nicht denken. Für sie ist das Jahr 2020 schon jetzt gelaufen. „Außer Spesen ist nichts gewesen“, sagt die Messechefin, zeigt auf einen Schrank mit Ordnern. Die Hüllen mit den Unterlagen für 2019 sind blau, die für 2020 sind rot. Ein Signalrot, das symbolisch für die gesamte Messe- und Eventbranche steht, die in diesem Jahr zum Stillstand gekommen ist.

Chefin Ramona Oteiza versucht zu retten, was zu retten ist. Im Internet will sie Ostpro-Weihnachtspakete verkaufen, die mit Rotkäppchen-Sekt, Dresdener Stollen und anderen Leckerein gefüllt sind.

Foto: Gerd Engelsmann

„Sechs Ostpro-Messen hatten wir für Berlin, Erfurt und Cottbus geplant. Und alle mussten wir wegen der Corona-Krise absagen“, sagt Oteiza. „Wir haben keinen einzigen Cent in diesem Jahr verdient.“ Wie hoch die Umsatzverluste sind, kann und will sie noch nicht sagen.

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Wie ernst die Lage aber ist, zeigt ein aktueller Bericht der IHK , in der 300.000 Berliner Gewerbefirmen Mitglied sind. 78 Prozent der Betriebe gehen davon aus, in diesem  Jahr einen Umsatzrückgang im zweistelligen Prozentbereich verzeichnen zu müssen, heißt es darin. Messe-Firmen, Standbauer und Event-Veranstalter gehören mit dazu.

Nachholtermin war schon geplant

Als im März mit dem ersten bundesweiten Lockdown das öffentliche Leben ruhte und damit auch die Ostpro-Frühjahrsmessen in Berlin und Erfurt ausfielen, hatte Messe-Chefin Oteiza schon 25.000 Euro verloren, die sie für den Druck von Werbeplakaten bezahlt hatte. „Wie jeder in der Branche hofften wir aber , dass die Pandemie schnell vorübergeht“, sagt sie. „Wir planten, die Messen im Mai oder im Juni nachzuholen.“

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Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Erst im Spätsommer gab es für die Branche erste Lockerungen. Die Internationale Funkausstellung (IFA) konnte zumindest in abgespeckter Form für Fachbesucher öffnen. Und die Branche hoffte, dass weitere Messen mit Publikum folgen.  „Auch wir planten im September an  der Weihnachts-Ostpro weiter, allerdings in kleinerer Form“, erzählt Oteiza.

Dichtes Gedränge an den Ständen mit den beliebten Ostprodukten: Messe-Chefin Oteiza hofft, dass im kommenden Frühjahr wieder eine Ostpro stattfinden kann.
Foto: Uhlemann

Am ersten Adventswochenende 2019 präsentierten auf der dreitägigen Verkauffschau noch über 100 Aussteller ihre Waren, insgesamt bis zu 25.000 Besucher kamen. In diesem Jahr sollte die Ostpro auf die Hälfte reduziert werden.„Als dann die Infektionszahlen wieder anstiegen, war uns bereits im Oktober klar, dass unser Vorhaben auf sehr wackligen Füßen steht“, sagt die Messe-Chefin. Oteiza sagte die Ostpro im SEZ ab. „Das war kurz vor dem Beginn des zweiten Lockdowns im November.“

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Es ist das erste Mal in fast 30 Jahren Ostpro, dass die Messe-Chefin nicht weiter weiß. „Keiner kann jetzt in die Zukunft planen, weil keiner sagen kann, welche Entwicklung die Corona-Geschichte noch nehmen wird“, so Oteiza. „Möglich, dass mit den ersten Impfungen die Fallzahlen sinken, und schon im kommenden Frühjahr ein eingeschränkter Messebetrieb starten kann. Doch dann kommt die Frage, wer als Händler noch so lange durchhalten kann. Von einigen weiß ich, dass sie jetzt auf kleinen Wochenmärkten ihre Ware verkaufen, um sich über Wasser zu halten. Nicht nur Gastwirte, Schausteller oder Künstler trifft der Lockdown hart. Auch die Messebranche kämpft ums Überleben, was leider kaum von der Politik wahrgenommen wird.“

Mit staatlichen Finanzhilfenm versucht Oteiza, die Messe-Firma  durch die Corona-Krise zu bekommen. „Davon werden Strom, Heizung und die Mieten für Büro und den Lagerräumen bezahlt, in der sich die Aufbauten für die Messe-Stände befinden. Für meine drei Mitarbeiter gibt es Kurzarbeitergeld.“

Ramona Oteiza mit ihren Messe-Ordnern: In den blauen befinden sich die Akten zu den erfolgreichen Ostpro-Schauen des vergangenen Jahres. In den roten stecken nur die Pläne für die Messen 2020, die wegen Corona ausfallen mussten. Foto: Engelsmann

Als Alternative zur ausgefallenen Messe plant Oteiza, wenigstens die bei den Besuchern beliebten Ostpro-Präsentkörbe weiter anzubieten. Die mit Rotkäppchen-Sekt und mit vielen Weihnachtsleckereien aus dem Osten gefüllten Körbe will die Messe-Chefin nun als Ostpro-Weihnachtspaket ab 1. November über die Internetseite ihrer Firma (www.scot-messen.com) verkaufen. „Auch wenn ich nicht weiß, wie lange die Krise dauern wird: Ich werde nicht aufgeben, sondern weiter kämpfen.“