Europäischer Wolf, canis lupus. Deutlich über 300 der Tiere leben in Brandenburg. Foto: Imago/ Ronald Wittek

„Massaker an der Schwarzen Elster“ titelte die „Lausitzer Rundschau“: 76 Schafe und eine Ziege sind in der Nacht vom vergangenen Sonnabend auf Sonntag getötet worden. Für den Schäfer René Jeronimus aus der Nähe von Saathain in der Lausitz ist das eine Tragödie. Für Wolfsgegner aber ist der Vorfall ein gefundenes Fressen. In den Chaträumen des Internets zeigt sich, wie tief die Gräben zwischen beiden Lagern sind.

Ein Foto, welches über WhatsApp und in den sozialen Netzwerken die Runde macht, zeigt die Szenerie am Morgen danach. Einige Kadaver treiben noch im Flüsschen Elster, der Weidezaun, knapp einen Meter hoch, liegt niedergedrückt. Auf der nebligen Weide liegen einige tote Tiere. Was ist hier geschehen? Für viele, die das Foto in den Chat-Gruppen der Jäger, Bauern und Tierhalter kommentieren und weiterleiten, ist die Lage glasklar. Wieder einmal hat hier der Wolf zugeschlagen. Man sieht: Weder Zäune noch Herdenschutzhunde halten das Raubtier auf. Die 76 toten Schafe sind Beweis genug dafür, dass die Willkommenskultur für Wölfe in Brandenburg der falsche Weg ist, meinen die Hardliner.

Die Erklärung aber, die der Halter der Schafe für den Vorfall liefert, lautet ganz anders.  Nicht Wölfe, sondern Wildschweine seien verantwortlich für den Verlust, der ihn wirtschaftlich hart trifft. René Jeronimus taucht mit seinem Betrieb als Aushängeschild für Herdenschutz mittels Hunden auf den Seiten des Naturschutzbundes auf. „Nabu-Schäfer“ nennen ihn Kritiker deswegen. Klar, dass einer wie er niemals zugeben würde, dass Wölfe auch in seiner Herde gewütet haben, feixen die Wolfsgegner.

Die heile Welt des Herdenschutzes

Reinhard Jung, der Sprecher der Freien Bauern und Verfechter von wolfsfreien Zonen, schickt aus der Prignitz per Mail eine Stellungnahme. Er amüsiere sich köstlich über den Vorfall in der Lausitz: „Eigentlich sind 76 tote Schafe ein trauriger Anlass. Aber wenn ein Nabu-Vorzeigeschäfer diese auf seiner Weide findet, sie nicht auf Wolfsspuren untersucht, sondern schnell entsorgen lässt und keinen Kommentar gegenüber der Presse abgibt, muss ich unwillkürlich schmunzeln. Hier darf einfach die heile Welt des Herdenschutzes nicht zerstört werden“, schreibt er.

Tatsächlich hat der Schäfer, als er die Tiere fand, schnell für deren Entsorgung in der Tierverwertungsanstalt in Beresinchen gesorgt. Für ihn sei nach dem ersten Schock sofort klar gewesen, dass hier kein Angriff eines Wolfsrudels stattgefunden habe. Deswegen habe er keine weiteren Untersuchungen anstellen lassen, lässt er den Verbandschef der Brandenburger Schafzüchter, Knut Kucznik, erzählen. Der Verband stellt sich vor Jeronimus, der ob des Sturms im Netz derzeit nicht selber öffentlich Stellung beziehen möchte. Keines der Tiere wies nach seinen Angaben Bissverletzungen auf. Alle Spuren deuteten stattdessen darauf hin, dass Wildschweine eine Panik unter den Schafen ausgelöst hätten, berichtet Kucznik.

Es steht nun Aussage gegen Zweifler und was wirklich am Ufer der Schwarzen Elster geschah, kann keiner mehr sagen. Wie bei einem Kriminalfall sind lediglich Spuren und Indizien, die die Internetkommissare für ihre Sache zu deuten wissen, auszuwerten.

Da sind etwa die Herdenschutzhunde, welche zwei der Wildschweine getötet haben sollen, wie der Schäfer berichtet. Doch ihre Kadaver sind im Fluss davon getrieben. Bis heute sind sie nicht wieder aufgetaucht. „Das ist ja wie bei der NSA bei euch“, spricht jemand anonym auf Kuczniks Mailbox, „keine Leiche, kein Verbrechen.“ Das ist noch harmlos. Die Morddrohungen von früher kann Kucznik nicht weiterleiten, „die sind auf dem alten Handy.“

Neben den Spuren der Wildschweinrotte, die zweifelsfrei über die Weide zog, hat das zur Untersuchung der verschwundenen Schweine hinzugezogene Veterinäramt des Landkreises Elbe-Elster auch Spuren von Wölfen gefunden. Waren doch sie es, die die Schweine in den Pferch jagten und sind sie somit Mittäter? „Wir ermitteln nur zu den Wildschweinen, wegen der Afrikanischen Schweinepest“, sagt ein Pressesprecher des Landkreises. Der Rest bleibt den Spekulationen der Internetkommissare überlassen.

Wölfe werden illegal geschossen

Der professionelle Umgang mit Wölfen in Brandenburg ist längst keine Selbstverständlichkeit, wie dieser Fall, wie Nebensätze zeigen. Man habe doch lange nichts gehört von Rissen auf Weiden, raunt einer der Hardliner am Telefon. Und das läge gewiss nicht an den Zäunen. Sondern nur daran, dass viel geschossen werde. Illegale Abschüsse und jagdliche Selbstjustiz gemäß den drei S, Schweigen, Schießen, Schaufeln sind auch in Brandenburg Realität.

Brandenburg übernimmt im Umgang mit dem Wolf eine Vorreiterrolle unter den Bundesländern. Der hiesige Schafzuchtverband hat sich mit der Politik und Umweltverbänden auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt. Handlungsgrundlage ist seit September 2019 der Wolfmanagementplan. Als hart errungener Konsens zwischen Landnutzern, Naturschützern und Landesregierung legt er Regeln für den Umgang mit dem Wolf fest. „Wir hier sind der Meinung, dass wir nicht stärker sind, als EU-Richtlinien oder Gesetze des Bundes. Wir müssen uns arrangieren und mit dem Wolf leben, heute, morgen und auch übermorgen noch“, sagt Knut Kucznik. Deutlich mehr als 300 Wölfe leben in Brandenburg, dort, wo es noch weit weniger sind, ist Weidetierhaltern dieser Kuschelkurs ein Dorn im Auge.

53 ländliche Städte und Gemeinden haben sich inzwischen in Brandenburg zur wolfsfreien Zone erklärt. Im Wolfsland ist weiter jeder Wolfs-Angriff auf Schafe hochpolitisch, selbst wenn er von Wildschweinen verübt wurde.