Im Frühjahr 1955 helfen Berliner beim Tierpark-Aufbau, legen hier die spätere Kamelwiese an. Foto: Tierpark Berlin

Er ist bei Groß und Klein beliebt. Der Tierpark Berlin, den jährlich fast 1,5 Millionen Berliner und Touristen besuchen. Über 9000 Tiere leben dort auf einer Fläche, die etwa so groß wie die Nordseeinsel Helgoland ist. Jetzt wird der Tierpark 65 Jahre alt. Am 2. Juli 1955 wurde der heute größte Landschaftszoo Europas eröffnet. Seine Existenz verdankt er einem verrückten Plan und vor allem dem Aufbauwillen der Berliner.  

Es ist Anfang der 50er Jahre, als die  Menschen im Osten Berlins ganz andere Sorgen haben. Noch immer sind die Folgen des Zweiten Weltkrieges zu spüren. Trümmerlandschaften gilt es zu beseitigen. Wohnungen müssen dringend gebaut werden - aber doch keinen Tierpark! 

Dennoch beschließt am 27. August 1954 das Ost-Berliner Stadtparlament, der Magistrat von Groß-Berlin, den ehrgeizigen Plan, trotz der vielen Nöte einen Tierpark zu bauen. Die Weisung dazu kommt von der DDR-Regierung. 

„Die noch junge DDR wollte international Anerkennung finden und hatte gleichzeitig mit den Aufständen im Juni 1953 eine Krise“, sagt Zoo-Historiker Clemens Maier-Wolthausen, Autor des Buches „Die Hauptstadt der Tiere“. „Der Regierung war es ein Dorn im Auge, dass die Ost-Berliner nach West-Berlin fuhren, wenn sie einen Zoo besuchen wollten. Und zu einer richtigen Hauptstadt gehört irgendwie auch ein Zoo. Also Gründe genug, einen eigenen Tiergarten zu gründen.“

Vor dem Schloss Friedrichsfelde wird der Tierpark am 2. Juli 1955 eröffnet. Der Herr mit Hut ist DDR-Präsident Wilhelm Pieck. Foto: Freunde der Hauptstadtzoos

Das Vorhaben wird schnell in die Tat umgesetzt. Ein rasch gegründetes Aufbau-Komitee benennt Heinrich Dathe (1910-1991) zum künftigen Tierpark-Direktor, der da noch Vize-Chef des Leipziger Zoos ist. Der Ort seiner baldigen Wirkungsstätte ist auch schnell gefunden: Der verwilderte Schlosspark Friedrichsfelde, der zu jenem Zeitpunkt den Berlinern teilweise als Trümmerlagerstätte dient. Das insgesamt 160 Hektar große Areal bietet Dathe für seinen Tierpark genug Fläche, um den Berlinern Zoo im Westen mit seinen 35 Hektar in der Größe zu übertreffen.

Da Bauarbeiter kaum vom wichtigen Wiederaufbau der Stadt abgezogen werden können, erklärt die DDR den Tierpark-Bau zum Nationalen Aufbauwerk. Der Magistrat ruft wenige Tage nach dem Beschluss die Ost-Berliner auf, beim Tierpark-Aufbau freiwillig zu helfen.

Berliner leisten über 100.000 freiwillge Arbeitsstunden

Sie lassen sich nicht lange bitten. Frauen und Männer greifen nach ihrer Arbeit zum Spaten, fahren nach Friedrichsfelde. Auch Schüler und Studenten helfen freiwillig mit. Insgesamt über 100.000 Arbeitsstunden opfern Tausende Ost-Berliner von ihrer Freizeit für ihren Tierpark. Schüler sammeln 125.000 DDR-Mark als Spende. Die restlichen fünf Millionen DDR-Mark an Baukosten zahlt der Magistrat.

Am 30. November 1954 legt Direktor Dathe vor dem Schloss Friedrichsfelde den Grundstein für den Tierpark. Dank des Arbeitseinsatzes der Berliner wird bereits sieben Monate später das Tierparadies in Anwesenheit des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck eröffnet. 

Der Gründungsdirektor des Tierparks: Prof. Heinrich Dathe mit einem Roten Panda. Foto: Tierpark Berlin

Stolz kann Dathe da schon etwa 400 Tiere auf einer Fläche von 60 Hektar präsentieren. Dank der sozialistischen Bruderländer wartet der Tierpark bald mit mehr exotischen Tieren als der Zoo im Westen auf. China liefert 1957 den Aligator Mao. Vietnam schenkt ein Jahr später einen der ersten Tierpark-Stars, das Elefanten-Mädchen Kosko. Es folgen Tiger und Eisbären aus der Sowjetunion.

Die Kosten übernehmen Betriebe oder Behörden. So stiftete der VEB Kältetechnik die Eisbären, das Ministerium für Schwerindustrie finanzierte Elefanten, die Stadt Strausberg spendierte zwei Strauße. Auch die Staatssicherheit beteiligte sich, übergab ein Paar Brillenbären als Geschenk.

Elefanten-Mädchen Kosko gehört 1958 zu den ersten Tierpark-Stars. Zur Freude der Besucher darf sie anfangs frei durchs Gelände laufen. Foto: Tierpark Berlin

Sogar ein später sehr berühmter DDR-Architekt baute als junger Mann am Tierpark mit: Heinz Graffunder (1926-1994), der in den 70er Jahren den Palast der Republik mit entwarf, als Chefarchitekt die Neubaugebiete in Marzahn plante. Sein erstes Werk im Tierpark waren die Holzbauten für die Dam- und Rotwildgehege.  Unter Graffunders Leitung wurde 1956 bis 1963 das Alfred-Brehm-Haus errichtet, damals das größte Raubtierhaus der Welt. Auch das 1989 eröffnete Dickhäuterhaus, das nun umgebaut werden soll, entstand nach seinen Plänen.  

Der wahre Architekt bleibt am Ende Prof. Dathe. Er leitete 35 Jahre den Tierpark, er lebte für ihn, verhalf ihm gleich nach der Eröffnung zu internationalem Ansehen, erklärt Historiker Maier-Wolhausen. „Dathe hat den Tierpark praktisch geschaffen“, sagt er.