Andreas Knieriem und seine Löwen, die den Zoo-Chef zum Fressen gern haben. Zum Glück gibt’s Glas zwischen ihnen. Benjamin Pritzkuleit

Es sollte ein freudiger Termin sein für Andreas Knieriem, doch dann war der Berliner Zoodirektor doch mit den Gedanken woanders, als er das neue Raubtierhaus „Reich der Jäger“ vorstellte: in Kiew bei Bürgermeister Vitali Klitschko, den er als „feinsinnigen Hünen“ beschreibt. Mit ihm war er 2015 und 2016 in Berlin und der ukrainischen Hauptstadt im Gespräch über eine Modernisierung des Kiewer Zoos. Knieriem sagte dem KURIER: „Am heutigen Tag erinnere ich mich an die Worte Klitschkos, dass ein Zoo wie die Visitenkarte einer Stadt ist.“

Wegen der vielen Aufgaben und Baupläne in Berlin konnte Knieriem nicht unmittelbar helfen, vermittelte Kiew aber den Kontakt zu zoologischen Fachgesellschaften und anderen Experten, sodass man dort die Modernisierung in Angriff nehmen konnte.

Andreas Knieriem mit Bürgermeister Vitali Klitschko, der 2015 in Berlin um Unterstützung bei der Modernisierung des Zoos von Kiew suchte Zoo Berlin

Zu den Aufgaben in Berlin, die Knieriems Aufmerksamkeit voll in Anspruch nahmen, zählte die Sanierung des 1975 fertiggestellten Raubtierhauses. Die Planungen begannen 2015, die Bauarbeiten 2018. Jetzt sind die Arbeiten beendet, und der Unterschied ist schlagend. Statt Gittern gibt es innen vier Zentimeter dicke Glasscheiben, die die Großkatzen von den Besuchern trennen.

Selfie mit Löwin. Die jungen afrikanischen Räuber sind neugierig und verspielt. Benjamin Pritzkuleit

Die drei jungen Löwen haben Glas noch nicht recht verstanden, kratzen von innen an den Scheiben, was einerseits spielerisch, andererseits bedrohlich wirkt.

Die Gehege sind innen größer geworden, mit mehr Verstecken, die Böden, früher kahle Betonflächen, sind jetzt mit Felsen und Rindenmulch bedeckt. Der Jaguar hat ein Wasserbecken (das er noch vorsichtig umgeht), die Kacheln an den Wänden sind verschwunden und suggerieren jetzt farblich Wildnis.

Gebrüll und Geruch

Ganz abgeschirmt sind die Räuber nicht: Neben den riesigen Glasscheiben, insgesamt 165 Quadratmeter, gibt es Lochbleche, durch die man Gebrüll hören und das markante „Aroma“ riechen kann.

Begleitet wird das alles von elektronischen Info-Stationen, die über das Leben der Tiere in der Wildnis, die Folgen menschlicher Tätigkeit auf ihre Lebensräume oder die Sehkraft der Jäger in der Nacht informieren.

14 Millionen Euro hat der Umbau gekostet, der nicht nur wegen Corona länger dauerte als vorgesehen und um über 4 Millionen Euro teurer wurde. Der Projektleiter, Diplom-Ingenieur Florian Magoley: „Es war eine Achterbahnfahrt.“ Immer neue negative Überraschungen taten sich auf, sodass der Plan, in mehreren Abschnitten zu sanieren, aufgegeben werden musste und die Tiere innerhalb des Zoos, in den Tierpark oder andere Zoos umziehen mussten.

Beispielsweise war in einigen Stützsäulen in den Gehegen das Armierungseisen des Betons vollständig verschwunden: Katzenurin und Wasser hatten es zerstört. Der Boden war einsturzbedroht, und als man das Nachttierhaus unter dem Gebäude für ein paar kleine Sanierungen anpackte, stellte man fest, dass die Belüftung vollständig ersetzt werden musste.

Mehr Platz für die einen Raubkatzen, gar keiner mehr für die anderen

241 Tiere in 33 Arten bevölkern das Haus, das 4200 Quadratmeter im Inneren und über 3700 Quadratmeter im Außenbereich aufweist. Die Gehege wurden größer, so haben die Löwen innen jetzt 192 statt 115 Quadratmeter zur Verfügung. Die Leoparden können außen jetzt 406 Quadratmeter durchstreifen, vorher waren es nur 65.

Jaguar Aloha betrachtet die Menschen entspannt. Am Lochblech ein paar Meter weiter lässt er ordentlich Gebrüll hören. Benjamin Pritzkuleit

Dafür sind einige Tierarten nicht mehr zu sehen: Unter anderem Servale, die Steppen bewohnen und sehr viel Platz bräuchten. Ansonsten reicht die Palette der Tiere, die in den neuen Gehegen häufig nicht leicht ausgemacht werden können, vom Roborowski-Zwerghamster über Wickelbär und Erdferkel bis zu Jaguar und Amur-Tiger.

Umgestaltet wurde auch das große Löwen-Freigelände, mit neuem Spielzeug und Kratzbäumen, sodass sich die vor einem Jahr aus Leipzig gekommenen Geschwister Mateo, Elsa und Hanna (alle 2) ordentlich austoben können. Dazu kann der KURIER ein wenig Aufklärung leisten: Wenn sich die Löwen begeistert am Boden suhlen, liegt das an dort ausgestreutem Zebra-Kot. Der Geruch des Beutetiers macht die Räuber euphorisch.

Wer sich übrigens Sorgen macht, Mateo könnte mit seinen Schwestern kleine Löwen machen: Seine Samenleiter sind durchtrennt, die Inzucht ist damit verhindert.

Für die Besucher wird das sanierte Haus von Freitag an zugänglich sein.