Ein Kind steht auf einem Spielplatz vor einem Plattenbau in Leipzig. Kinder in armen Familien fahren nicht in den Urlaub. imago-images

Wer arm ist, spricht meist nicht darüber. Mit viel Aufwand versuchen Menschen, die mit wenig Geld auskommen müssen, normalerweise diesen Umstand zu verbergen. Sie holen sich Lebensmittel bei der Tafel, sparen, wo es nur geht. Nun formiert sich auf Twitter eine neue Öffentlichkeit. User geben unter dem Hashtag #IchbinArmutsbetroffen zu, dass sie wenig Geld zum Leben haben und sie berichten, wie es dazu kam. Armut ist keine Schande, sie kann jeden treffen, das wird klar. Die Gründe sind vielfältig, die Auswirkungen dramatisch.

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Armut in Deutschland hat viele Gesichter

„Ich bin 67 Jahre alt, an Multipler Sklerose erkrankt, Rentnerin mit Grundsicherung. 90% schwerbehindert mit den Merkmalen G + B. Ohne Rollator geht nichts mehr, jeder Schritt tut weh. Jeden Donnerstag gehe ich zur Tafel (2km entfernt). Freitag und Samstag bin ich dann fertig mit der Welt. Ich habe 32 Jahre gearbeitet, davon 22 Jahre Vollzeit. Meine Rente beträgt 770,00 Euro und der Mensch im Sozialamt hält das für hoch. Ich werde nicht mehr still dulden, ich will, dass ihr uns seht“, schreibt etwa die Userin Beate Behrens und Tausende reagieren.

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Schon im Pandemiejahr 2020 stieg die Armutsgefährdungsquote in Berlin auf 20,6 Prozent. Der Wert gibt an, wie viele Menschen von einem Einkommen leben müssen, das weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland beträgt. Jeder fünfte Berliner hat so wenig Einkommen zur Verfügung.

Dass es jeden treffen kann, wird klar, wenn man die Tweets liest. „#IchBinArmutsbetroffen kann für jeden gar nicht so weit weg sein: Vielleicht der kommende Rentenbescheid, Erwerbslosigkeit, Erkrankung, Scheidung. Das ist keine Häme, sondern einfach mal ein Nachdenken darüber, dass die heutige Sicherheit plötzlich kippen kann“, schreibt eine Nutzerin.

Kein Geld: kein Eis, kein Kino, keine Wassermelone

Die Gründe für Armut sind alltäglich. Das scheinbare Netz der Sicherheit hat Lücken. Auch was Armut konkret bedeutet, wird eindrucksvoll geschildert: „Einladungen (unter Vorwand) ausschlagen aus Scham, kein Geschenk kaufen zu können. Selbst die eigenen Kinder nicht einladen, weil die Kosten für mehr Essen nicht drin sind. Keine Teilnahme an dem, was Freunde tun incl. kein Verständnis! Nicht wissen, woher man das Geld für eine neue Brille nehmen soll. Und die 4 € für die Zahnpasta gegen schmerzende Zähne. Trotz Schmerzen zu Fuß 3 km zum Arzt gehen, um das Busgeld zu sparen, damit was für gesünderes Essen bleibt. Dass man unsichtbar wird und man weiß stets, man gehört nicht (mehr) dazu. Politik und der Großteil der Gesellschaft schaut bei all dem weg. Aus Angst? Aus Scham? Armut heißt ständige Sorgen bis Verzweiflung. Dazu noch Stigma und Aggression in Social Media.“

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Die Wassermelone für die Kinder, der Kinobesuch, das Eis, für viele Menschen ist das nicht möglich. Ihr größter Wunsch: gesehen werden und ein Umgang mit ihnen auf Augenhöhe.