Unter dem Motto „Music is the key“ tanzen Menschen in Berlin-Tiergarten auf der Loveparade. Das erste sendet am 15.07.2020 die „Loveparade - Als die Liebe tanzen lernte“. Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Beim Stichwort „Loveparade“ denken viele wohl unwillkürlich zuerst an deren schreckliches Ende. Bei der Katastrophe von Duisburg am 24. Juli 2010 starben 21 Besucher im Gedränge, rund 650 Menschen wurden verletzt. Wenige Tage vor dem zehnten Jahrestag des Unglücks nähern sich zwei TV-Sendungen an diesem Mittwoch dem Thema völlig verschieden an.

Die WDR-Doku „Loveparade - Die Verhandlung“ erzählt ab 22.00 Uhr auf Arte die juristische Aufarbeitung. Der für den rbb produzierte Film „Loveparade - Als die Liebe tanzen lernte“ (22.45 Uhr) im Ersten zeigt hingegen die Jahre des Aufstiegs des Techno-Karnevals. Man könnte fast von gelungener Aufgabenteilung sprechen, liefen die zwei Dokus nicht überlappend.

West-Berlin war 1989 ein öder Ort

Die Künstlerin Danielle de Picciotto kann sich in „Loveparade - Als die Liebe tanzen lernte“ noch genau an den Augenblick erinnern, als die Idee entstand: „Dr. Motte hat mich um sieben Uhr morgens geweckt und gesagt: „Wir müssen zusammen eine Parade machen. Und zwar mit unserer Musik, auf den Straßen Berlins.““ House und Acid hatten damals gerade erst die Clubs der geteilten Stadt erfasst. Die elektronische Musik faszinierte viele junge Menschen. Auch deshalb, weil kein Star im Mittelpunkt stand, sondern die Musik. Jeder war seine Performance.

West-Berlin war 1989 ein öder Ort. Eng, grau und langweilig. Worin die West-Berliner aber Routine hatten, waren Demonstrationen. Also meldete Dr. Motte eine Demo an, wie er sich in der Doku erinnert: „Die einzige Frage der Polizei war: Ist auch der Schwarze Block mit dabei?“ Natürlich nicht. Aber noch bis zur Jahrtausendwende sollte es dauern, bis die Politik den Demo-Status dieser Party anzweifelte.

Der Loveparade-Gründer Dr. Motte. Foto: dpa/Oliver Berg

Die erste Loveparade startete im Juli 1989 nahe dem Kaufhaus des Westens. Als Westbam eintraf, standen dort im Nieselregen nicht nennenswert mehr Leute als dort gewöhnlich auf den Bus warteten, erinnert sich der DJ. Er ist einer der vielen in Würde ergrauten Mitwirkenden der Szene, die in der rbb-Produktion Interviews geben, darunter auch Wolle XDP, „Der Würfler“ und Fotograf Tilman Brembs.

Drei kleine Transporter, drei Tapes mit Musik, die abgespielt wurden, dahinter ein paar Jugendliche. Westbam sollte später zu jenen Stars gehören, die beim kontinuierlichen Wachstum und der fortschreitenden Professionalisierung des Aufzugs wichtige Rollen einnahmen.

Berlin wurde Welthauptstadt der Technomusik

Den größten Schub erhielt das Mini-Festival aber durch den Fall der Mauer. Aus Ostdeutschland strömten die Leute in Scharen herbei. Es herrschte bundesweit Aufbruchsstimmung. Die Loveparade lieferte den Soundtrack einer ganzen Generation. Startete die erste Loveparade 1989 mit 75 Teilnehmern, waren es 1991 schon 5000. 1994 strömten 100.000 herbei, 1995 war die halbe Million erreicht. Die Luftbilder von der Siegessäule im Menschenmeer wurden ihr Aushängeschild, ebenso die Kamerabilder von halbnackten Ravern mit zuckenden Leibern. Berlin galt zu der Zeit längst als Welthauptstadt der Technomusik.

An der Wende zum 21. Jahrhundert war die Veranstaltung so gigantisch und so kommerziell geworden, dass die Frage, ob ein Treffen von 1,5 Millionen Partygängern noch eine Demo ist, immer lauter wurde. Vielen Fans der ersten Stunde war das Mega-Event bereits fremd. Ein Streit um die Übernahme der Kosten für Müll und Sicherheitskräfte sorgte für ein Ende des Karnevals in Berlin.

Mit dem Abschied aus der Hauptstadt klingt die liebevolle Doku von Peter Scholl allmählich aus und lässt vermutlich so manchen Zuschauer mit einem seltsamen Gefühl zurück. Reichen 32 Sekunden, die sich mit dem Unglück von Duisburg beschäftigen? Zumal wenn die Analyse eines Zeitzeugen vor allem Kommerzkritik ist?

Eine Woche später (am 22. Juli um 20.15 Uhr) knüpft das Erste mit einem anderen Film an dieser Stelle an. Der WDR-Fernsehfilm „Das Leben danach“ aus dem Jahr 2017 setzt sich fiktional mit den Überlebenden der Duisburger Massenpanik auseinander. „Für die traumatisierten Menschen wird das Leben nie wieder so sein wie zuvor“, heißt es in der Ankündigung. Vielleicht hätte ein Satz wie dieser auch „Loveparade - Als die Liebe tanzen lernte“ gut getan.