Auslaufmodell: Der Getränkelieferdienst soll künftig komplett als Flaschenpost firmieren. Foto: dpa/Wolfram Steinberg

Der Getränkelieferdienst Durstexpress muss bei seiner geplanten Entlassung von mehr als 500 Mitarbeitern in Berlin eine Niederlage einstecken. Nach Informationen der Berliner Zeitung beschloss der sogenannte Massenentlassungsausschuss bei der Arbeitsagentur Berlin Süd am Montag für die Kündigungen bei Durstexpress in Berlin einstimmig eine Sperrzeitverlängerung von einem Monat. Damit bleiben die bereits gekündigten Mitarbeiter nun noch bis Ende März Angestellte von Durstexpress und werden weiter bezahlt.

Bereits in der vergangenen Woche hatte in Leipzig die dortige Arbeitsagentur das Kündigungsdatum für insgesamt 450 Mitarbeiter für unwirksam erklärt. Angesichts der Lage am Arbeitsmarkt überwiege „das öffentliche Interesse und das der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gegenüber dem der Durstexpress KG“, hieß es laut dem Internetportal Gründerszene zur Begründung. Die Mitarbeiter in Leipzig sollten dadurch mehr Zeit bekommen, um einen neuen Job zu finden. Dem Unternehmen Durstexpress könne der Aufschub „wirtschaftlich zugemutet werden“.

Wie die Begründung der Berliner Arbeitsagentur lautet, war indes nicht zu erfahren. Mit dem Verweis auf Datenschutzbestimmungen gab es von dort nicht einmal eine Bestätigung des Einspruchs. Dass dieser tatsächlich erfolgte, bestätigte jedoch das Unternehmen. „Es ist korrekt, dass die Agentur für Arbeit Berlin die Entlassungssperre für das Durstexpress-Lager Berlin-Teilestraße von Ende Februar auf den 24. März 2021 verlängert hat“, sagte Firmensprecher Martin Neipp. „Wir respektieren die Entscheidung der Agentur für Arbeit Berlin.“ Ob der operative Betrieb im Durstexpress-Lager Berlin-Teilestraße aufgrund der verlängerten Sperrfrist ebenfalls noch einige Tage länger fortgeführt wird, sei noch nicht entschieden.

Den Einspruch möglich machte ein Passus im Kündigungsschutzgesetz. Dort schreibt der Paragraf 17 die Pflicht vor, der zuständigen Agentur für Arbeit anzuzeigen, wenn in einem Betrieb bestimmter Größe eine bestimmte Zahl an Entlassungen innerhalb von 30 Kalendertagen vorgenommen werden soll. Beispielsweise dann, wenn in einem Betrieb mit bis zu 500 Mitarbeitern mehr als 25 Beschäftigte oder in Betrieben mit mindestens 500 Arbeitnehmern mindestens 30 Arbeitnehmer entlassen werden sollen. Die Behörde kann dieser Anzeige stattgeben, muss es aber nicht.

Entlassungen wegen Zusammenschluss

Hintergrund der ausgesprochenen Entlassungen bei Durstexpress ist der Zusammenschluss mit dem Start-up Flaschenpost. Der Oetker-Konzern, der seit 2016 den Lieferdienst Durstexpress betreibt, hatte im Oktober 2020 den Konkurrenten Flaschenpost für angeblich eine Milliarde Euro gekauft. Im Januar verkündete man dann das Ende von Durstexpress. Das gesamte Geschäft sollte fortan unter dem Namen Flaschenpost laufen. Die Konsequenzen für Berlin: Die Logistikzentren von Durstexpress in Tempelhof und Hohenschönhausen werden geschlossen, ihre Aufgaben von Flaschenpost-Lagern in der Nähe übernommen. Kündigungen seien laut Neipp nur im Durstexpress-Lager  in Tempelhof ausgesprochen worden. Allerdings sind dort etwa 500 Mitarbeiter betroffen.

Derweil beklagt die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten Ungleichbehandlung. Denn während die Durstexpress-Mitarbeiter anderer Hubs automatisch nach gesetzlicher Betriebsübergangsregelung zu alten Bedingungen im neuen großen Unternehmen weiterbeschäftigt werden, müssen sich die Beschäftigten der beiden schließenden Standorte ganz neu bei Flaschenpost bewerben. Laut Neipp sei es aber nach wie vor das Ziel, „möglichst vielen“ der 500 Durstexpress-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter des Lagers Teilestraße „nach Möglichkeit neue Beschäftigungsangebote zu unterbreiten“. Bislang hätten sich bereits knapp 40 Prozent der Mitarbeiter bei Flaschenpost beworben und viele eine Zusage erhalten, sagt Neipp und versichert, dass kein Einstellungslimit bestehe. „Es gibt keinen Deckel.“