Anwohner protestierten vor der Markthalle Neun gegen die Schließung von Aldi. Foto: Sabine Gudath

Zum Abschied von Aldi pfiff nochmal der Wind. Vor der Markthalle Neun in Kreuzberg flatterten die Protest-Plakate, gehalten von Trauernden in Schwarz, vor einem Sarg mit Abschiedsbotschaften. „Gestorben: Halle für alle“, „Stop Gentrification“, „Hipster-Food tut Kreuzberg nicht gut“. Es war nach 44 Jahren in der Markthalle der letzte Tag der Discounter-Filiale, die trotz Protesten vieler Anwohner nun ausziehen muss.

„Markthalle Neun, Trauer tragen wir, denn du bist so voller Gier“, trug Protest-Organisatorin Stefanie Köhne von der Initiative „Kiezmarkthalle“ in einem selbst gereimten Gedicht vor. „Wir Anwohner gehören nicht dazu, Touristen sind für dich die heilige Kuh.“ Der Bundestagsabgeordnete Pascal Meiser (Die Linke) forderte in seiner Rede: „Der Bezirk soll denjenigen gehören, die hier leben, nicht denjenigen, die das große Geld haben.“ Zum Schluss wurde der Sarg mit den Abschiedsgrüßen noch um die Markthalle getragen.

Auch wenn künftig der Drogerie-Markt dm den freien Platz in der Halle einnehmen soll, werden die Kontroversen im Kiez wohl nicht aufhören. „Wenn die Halle ein normales Lebensmittelangebot hätte, würde kein Mensch über Aldi reden“, sagt Anwohnerin Köhne schon vor dem Protest. Die Markthalle propagiere Bio-Food und regionales Essen, „stattdessen finden sie dort lebende Hummer“.

Der nächste Konflikt um die Markthalle steht schon in den Startlöchern

Die Markthalle Neun GmbH verwies bei Nachfrage auf bisher veröffentlichte Pressemitteilungen und Fakten. Demnach sei die Markthalle 2011 vom Land Berlin im Konzept-Vergabeverfahren verkauft worden, der Verzicht auf einen Lebensmitteldiscounter sei von Anfang an Teil der Nutzungsbindung gewesen und Aldi habe selbst ausziehen wollen. Der Discounter bestreitet dies mittlerweile.

Lesen Sie dazu auch: Mieter-Aufstand in Köpenick! Wird diesen armen Berlinern bald der schöne Ausblick verbaut? >>

Doch das nächste Konfliktfeld an der 1891 erbauten Markthalle droht bereits: Die Betreiber haben das Nachbarhaus in der Wrangelstraße 23 gekauft, die Mieter fürchten Verdrängung. „Was denken Sie, was das für ein Schock für uns war“, sagt Anwohnerin Christine, „wir wurden klammheimlich verkauft.“ Erst im Nachhinein wurde die Hausgemeinschaft mit einem Brief informiert.

„Die meisten von Ihnen kennen uns bereits seit vielen Jahren als Betreiber der Markthalle nebenan oder als Nutzer des Garagenhofes der Wrangelstrasse 23 “, heißt es in einem Schreiben vom 13. April, das dem KURIER vorliegt. „Wir sind uns unserer Verantwortung als Vermieter bewusst und möchten Sie langfristig als MieterInnen behalten“, heißt es weiter, aber auch: „Unser Ziel ist es, durch das erworbene Grundstück die Liefersituation rund um die Markthalle in den nächsten Jahren zu verbessern.“ Anwohner vermuten, ihre Garagen könnten abgerissen und durch Parkplätze, Rampen oder Aufzüge zur Belieferung der Halle ersetzt werden. „Ich freue mich schon drauf, wenn ich Schichtdienst habe, um 6 Uhr senkrecht im Bett zu sitzen, wenn sie nebenan anfangen zu liefern“, sagt Christine.

Der Supermarkt zieht aus, doch der Konflikt im Kiez schwelt weiter

Dass eine Markthalle in Wohn-Immobilien investiert, mag überraschen. Aber 2027 läuft die Nutzungsbindung als Lebensmittelversorger aus. „Sie müssen dann keinen Markt mehr führen und haben einen ganzen Komplex plus Haus“, sagt Anwohner-Aktivistin Köhne, „da muss man sich überlegen, was das für ein großer Wert ist.“

Vor dem Hintergrund ist interessant, dass dort, wo früher an der Außenseite der Markthalle der Gemüseladen „Multi Kulti“ war, mittlerweile die „Kantine Zukunft“ mit moderner Küche eingezogen ist. Das Projekt soll nachhaltigere Ernährung in Berlin etablieren, berät Kindertagesstätten, gemeinnützige Unternehmen sowie Kantinen öffentlicher Einrichtungen. Dafür wird es von der Senatsverwaltung für Verbraucherschutz gefördert, allein im Jahr 2020 mit 1,2 Millionen Euro. „Falls die Kantine Zukunft in zwei, drei Jahren auszieht, hinterlassen sie eine sanierte Immobilie“, sagt Köhne. Die Anwohner-Aktivistin kündigt an: „Wir werden weiter begleiten, was mit dem Grundstück passiert.“ Aldi mag ausziehen, die Konflikte im Kiez gehen weiter.