Viele Menschen sind trotz Lockdown unterwegs - und nicht alle tragen vorbildlich Masken. Foto: Imago/Jochen Eckel

Mit den Öffentlichen fahren? Bloß nicht, da könnte man sich ja mit Corona anstecken! Doch ist die Angst begründet? „Der Beitrag des öffentlichen Verkehrs zum Infektionsgeschehen ist nicht besonders groß“, sagt Kai Nagel, Professor an der Technischen Universität Berlin. Bei der derzeitigen Besetzung und mit Masken gebe es „eher kein Problem“. Im eigenen Wohnzimmer bei einem Treffen mit Freunden sei die Ansteckungsgefahr größer als in der Bahn: Das ist die Rechnung des Physikers, der Regierungen während der Pandemie berät.

Das Infektionsrisiko im Nahverkehr ist niedriger als oft angenommen

„Das Infektionsrisiko im Nahverkehr ist deutlich geringer als von Fahrgästen angenommen“: Dieses Resümee ist dem Verband, der zu dem Fachgespräch eingeladen hatte, wichtig. Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) der Aufgabenträger des Schienenpersonennahverkehrs hat ein Interesse daran, dass Bahn und Bus ein gutes Image haben. Ihr gehören Organisationen an, die Nahverkehr bestellen – wie der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB). „Wir verzeichnen einen erheblichen Fahrgastschwund“, sagte Susanne Henckel, Präsidentin der BAG und Chefin des VBB. Kai Nagel befasst sich seit Beginn der Corona-Krise mit dem Thema.

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Anhand eines „Aerosolrechners“ zeigte der Professor für Verkehrssystemplanung und Verkehrstelematik, dass sich das Virus in Minuten in einem Raum ausbreiten kann. Das gilt auch für Bereiche, in denen sich Menschen normalerweise geschützt fühlen – zum Beispiel Wohnzimmer. Kommt eine ansteckende Person zu Besuch, könne das in einem Drittel der Fälle zu einer Ansteckung führen, so ein Simulationsmodell. „Ähnlich ungünstig sieht es in Restaurants aus“, so Nagel. Auch dort werde gesprochen, auch dort nicht die ganze Zeit eine Maske getragen. Dagegen sei der öffentliche Verkehr „dramatisch unproblematischer“ – vorausgesetzt, drei Voraussetzungen werden erfüllt.

Wenn die Fahrgäste Masken tragen, wird das Risiko deutlich gesenkt

Wenn die Fahrgäste Mund und Nase bedecken, senkt dies das Risiko schon einmal deutlich. Masken dienten vor allem dem Selbstschutz. Die zweite Bedingung: nicht sprechen! Deshalb hielte Nagel viel davon, wenn in Bahn und Bus das Telefonieren verboten würde. „Drittens müssen die Fahrzeuge gut belüftet sein.“ Bleiben die Fenster geschlossen, nehme die Gefahr enorm zu. Wobei hier noch einiges zu untersuchen wäre, für Busse und U-Bahnen sei das Thema „eher nicht“ geklärt.

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Falls alle Voraussetzungen gegeben sind, lautet das Ergebnis: „Wenn der Zug genauso voll ist wie das Wohnzimmer bei Freunden, sinkt die Ansteckungswahrscheinlichkeit um den Faktor 100“ – also auf ein Hundertstel. Ist der Zug zehnmal voller, fällt der Faktor niedriger aus – maximal 10. Trotzdem: Die Befürchtung, dass der Nahverkehr ein Hotspot der Corona-Infektionen ist, lasse sich bislang nicht bestätigen, so Nagel. PN.