Dr. Michael Dreyer (57), Vizepräsident der Zahnärztekammer Berlin in seiner Praxis.
Foto: Uhlemann

Berlin - Die Angst vor Corona ist in Berlin stärker als Zahnschmerzen: Die Zahl der Patienten ist über den März in den rund 2300 Zahnarzt-Praxen um 80 bis 90 Prozent zurückgegangen. Mindestens 120 Praxen haben schon aufgrund fehlender Schutzausrüstung einstweilen geschlossen, jede zweite ist auf Kurzarbeit.

Dr. Michael Dreyer (57), Vizepräsident der Zahnärztekammer Berlin, die knapp 6000 Mediziner vertritt: „Der Rückgang ist ein flächendeckendes Phänomen.„ Er selbst führt eine Praxis am Theodor-Heuss-Platz. „Von den drei Mitarbeiterinnen ist eine vollständig zu Hause, zwei kommen statt 30 Stunden nur noch acht Stunden in der Woche, ich habe einen Antrag auf Kurzarbeitergeld gestellt.“

Der Zahnarztkollege, der bei ihm angestellt ist, kommt nur noch einmal in der Woche für vier Stunden, Dreyer hat auch für ihn Kurzarbeitergeld beantragt.

Von der Politik vergessen

Verärgert sei die Zahnärztekammer Berlin über die Politik, sagt der Vizepräsident: „Sie hat uns vergessen, hilft nicht bei der Beschaffung von Schutzkleidung, Mundschutz oder von Desinfektionsmitteln. Jeder muss sich darum selber kümmern.“ Es gebe auch keinen finanziellen Schutzschirm wie für Krankenhäuser und andere medizinische Fachrichtungen.

Dreyer geht davon aus, dass die Ärzte und ihre Mitarbeiter keine Gefahr für die Patienten sind, eher besteht die Sorge, dass infizierte Patienten das Virus in eine Praxis tragen und es zu anderen Patienten weitergetragen wird. Denn kaum eine andere Fachrichtung der Medizin sei so dicht am Rachen tätig wie die Zahnärzte – dort, wo sich die Coronaviren ballen.

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Grundsätzlich sei der Besuch beim Zahnarzt für symptomlose Patienten – gegebenenfalls nach telefonischer Rücksprache mit dem Arzt – weitestgehend sicher. „Im Vergleich zu unseren ärztlichen Kollegen und Pflegern an Intensivbetten, die Patienten mit einer sehr hohen Viruslast behandeln, sind unsere Risiken dort geringer.“

Das Wartezimmer bei Dr. Dreyer ist leer. Foto: Thomas Uhlemann

„Bei einem symptomfreien Patienten wird der Arzt einen normalen Mundschutz, ein Visier beziehungsweise eine Schutzbrille tragen, damit eventuell vorhandene Keime nicht durch Mund, Nase oder Augen in seinen Körper gelangen“, sagt Dr. Dreyer.

Weniger Technik-Einsatz wegen Corona

Trotz allen Vertrauens in die Hygiene gelten jetzt Corona-Regeln. Die Praxen sind angehalten, zusätzlich vor der Behandlung den Patienten mit einer speziellen Munddesinfektionslösung spülen zu lassen, die auch sonst vor Behandlungen gegen andere Keime verwendet wird.

Außerdem wird bei der Behandlung weniger Technik eingesetzt, damit bei der Behandlung kein Speichel aufgewirbelt wird: Luftdruckgetriebene Turbinenbohrer, Ultraschallgeräte zur Zahnsteinentfernung oder Airflow-Geräte zur Karies-Prophylaxe, die kleinste Partikel in die Umgebungsluft blasen, sollen nicht eingesetzt werden.

Muss gebohrt werden, soll der Arzt auf Handteile mit Mikromotoren setzen, bei denen keine Luft in den Mund schießt. Dr. Dreyer: „Die sind etwas langsamer, das Bohren dauert etwas länger.“ Nicht jede Praxis hat eine ausreichende Anzahl von solchen Handstücken, auch die „Hygienekette“ dauert wegen der Sterilisierung dann länger.

Dr. Dreyer mit Maske und Schutzbrille - aber ohne einen Patienten auf dem Stuhl. Foto: Thomas Uhlemann.

Bekommt ein mit Corona Infizierter Zahnweh, sollte er mit seinem Arzt telefonieren, der dann eine Risikoabschätzung trifft, ob man zum Beispiel noch mit Schmerzmitteln über die Runden kommt. Dr. Dreyer: „Die Kassenzahnärztliche Vereinigung Berlin arbeitet gegenwärtig mit Hochdruck daran, einen Notdienst für diese Patienten einzurichten.“

Zur Beratung für alle Zahnärzte zu zusätzlichen Hygienemaßnahmen und speziellen Fragen der Corona-Pandemie in den Praxen hat die Zahnärztekammer zwei zusätzliche Mitarbeiter eingestellt, um sicher zu stellen, das alle Zahnärzte auf dem aktuellen Stand bei der Vorsorgeinformation sind.