Ausrüstung eines Kamerateams liegt nach einem Übergriff zwischen Alexanderplatz und Hackescher Markt auf dem Boden. 
Ausrüstung eines Kamerateams liegt nach einem Übergriff zwischen Alexanderplatz und Hackescher Markt auf dem Boden.  Christoph Soeder / dpa 

Mehr als zwei Jahre nach einem brutalen Angriff auf ein Team der TV-Sendung „heute show“ bei einer Querdenker-Demo am Rosa-Luxemburg-Platz ist nun Anklage gegen die mutmaßlichen Täter erhoben worden.

Angeklagt sind vier Personen:  ein 33-Jähriger, eine 30-Jährige, ein 28-Jähriger und ein 27-Jähriger sollen sechs Mitarbeitende der Fernsehproduktion „heute-show“ am 1. Mai 2020 in Berlin-Mitte verletzt haben: Tatvorwurf ist „gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung mittels gefährlicher Werkzeuge und einer lebensgefährdenden Behandlung“.

Der 33-Jährige wurde außerdem wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte bei der anschließenden Festnahme angeklagt. Dass es erst mehr als zwei Jahre nach der Tat zur Anklage kommt, begründet die Staatsanwaltschaft mit Ermittlungen, die länger angedauert hätten. So sei die Entnahme von DNA-Proben erforderlich gewesen, deren anschließende Analyse einige Zeit in Anspruch nahm.

Nun sind die Ermittlungen abgeschlossen und die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die vier Angeschuldigten zusammen mit etwa weiteren zehn unbekannten Personen am Tatnachmittag am Hackeschen Markt sechs Mitarbeitende der Fernsehproduktion „heute-show“ angegriffen haben. Das siebenköpfige ZDF-Team hatte am 1. Mai 2020 eine „Hygiene-Demo“ auf dem Rosa-Luxemburg-Platz gefilmt und machte in der Rochstraße – zwischen Alex und Hackeschem Markt – eine Drehpause, als es von bis zu 25 Vermummten attackiert wurde. Auch Metallstangen kamen dabei zum Einsatz.

Mit Metallstangen auf Wehrlose eingeschlagen 

Die vermummten Angeschuldigten sollen in Gruppen von drei bis vier Personen gleichzeitig oder in kurzer Folge auf die ZDF-Mitarbeiter mit Metallstangen und Fäusten eingeschlagen, diese zu Boden gebracht und mehrfach mit großer Wucht gegen deren Köpfe getreten haben, so die Staatsanwaltschaft.

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Die TV-Journalisten sollen teilweise erhebliche Verletzungen erlitten haben, unter anderem Hämatome, Prellungen, Schwellungen und Hautabschürfungen. Einige Wunden mussten chirurgisch behandelt werden. Zwei der Angegriffenen sollen in Folge der Attacke zeitweilig das Bewusstsein verloren haben, einer davon für rund zwanzig Minuten. Einige der Angegriffenen sollen auch Monate nach der Tat noch an den physischen Tatfolgen gelitten haben.

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Der Kabarettist Abdelkarim Zemhoute, der als Reporter mit dem Team unterwegs war, blieb unverletzt, rief die Polizei. „Viel feiger kann ein Angriff gar nicht sein“, resümierte er nach dem Angriff in einem Video der „heute-show“. In dem Video beschrieb er die Szene als ein „Einschlagen auf eine völlig wehrlose Gruppe, von der null Gefahr ausging“.

Verdächtige aus der linken Szene 

Die Täter waren zunächst mit Fahrrädern und einem Auto geflüchtet, wechselten die Kleidung und konnten später gefasst werden. Die Staatsanwaltschaft erstritt vor Gericht, dass sie DNA-Proben der Verdächtigen nehmen durfte. Vier der Verdächtigen lebten in Berlin, zwei waren in Baden-Württemberg gemeldet. Teilweise werden sie der linken Szene zugeordnet.

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Über das Motiv des Angriffs gibt es zwei Thesen: Die Angreifer könnten die Journalisten mit Teilnehmern der „Hygiene-Demo“ verwechselt haben. Oder die Verdächtigen sollen mit dem TV-Team in Streit geraten sein, weil sie nicht gefilmt werden wollten. Dies bestätigt der Moderator allerdings nicht. Kurz nach dem Angriff schilderte er der dpa, wie er die Situation erlebte:

Der Dreh war abgeschlossen und wir warteten auf der Straße, schon einige Ecken von der Demonstration entfernt. Dann hörte ich, wie einer unserer Wachmänner sagte: „Vorsicht“. Ich habe es erst gar nicht ernst genommen, aber als ich mich umdrehte, sah ich, wie eine Gruppe von 15 bis 20 vermummten und schwarz gekleideten Menschen mit voller Geschwindigkeit auf uns zu rannte und immer schneller wurde.

Comedian und ZDF-Reporter Abdelkarim Zemhoute. 
Comedian und ZDF-Reporter Abdelkarim Zemhoute.  Odd ANDERSEN / AFP

Der Moderator glaubte, der Mob renne vor der Polizei weg. „Aber als sie ganz nah waren, habe ich gecheckt: Es geht ja echt um uns. Mit einem Mann hatte ich kurz Blickkontakt, der hatte schon die Faust geballt. Dann bin ich instinktiv losgerannt.“ Nach ein paar Metern hielt ich an und drehte mich um. Ich habe überlegt, was ich jetzt tun soll: Zurück laufen, um zu helfen oder weiter rennen und Polizisten rufen, die ich kurz davor gesehen hatte. Für mich war dann sofort klar: Die einzige Chance, effektiv zu helfen, ist die Polizei zu rufen. Beim Blick zurück habe sich sich ihm ein hässliches Kriegsfilm-Bild geboten: ein Haufen aggressiver Menschen, die auf andere wehrlose Menschen einschlugen.

Über Annahmen, Demonstranten hätten Streit mit dem TV-Team gehabt, sagte Abdelkarim Zemhoute: „Wenn es so einen Streit gegeben haben sollte, dann auf jeden Fall nicht in meiner Gegenwart. Ich habe während der gesamten Dreharbeiten keinen Streit mitbekommen.“