Im Berliner Ensemble: Alexander Osang im Gespräch mit Angela Merkel. dpa/Sommer

Heute, am Mittwoch ist es genau ein halbes Jahr her, dass Angela Merkel das Bundeskanzleramt verlassen hat. Am Dienstagabend stellte sich die Ex-Kanzlerin erstmals seit dem Ende ihrer Kanzlerschaft den Fragen eines Journalisten. Bei der vom Aufbau Verlag und dem Berliner Ensemble organisierten Veranstaltung bezieht Merkel im Gespräch mit dem „Spiegel“-Reporter Alexander Osang Stellung. Osang hat Merkel mehrfach porträtiert. Der KURIER dokumentiert die wichtigsten Aussagen.

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+++ 20.44 Uhr: „Das ist ein brutaler, das Völkerrecht missachtender Überfall, für den es keine Entschuldigung gibt“

Die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine scharf verurteilt. „Das ist ein brutaler, das Völkerrecht missachtender Überfall, für den es keine Entschuldigung gibt“, sagte Merkel am Dienstagabend in Berlin. Der Angriff sei von Russlands Seite ein großer Fehler. Es sei nicht gelungen, eine Sicherheitsarchitektur zu schaffen, die den Krieg verhindert hätte, sagte Merkel.

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+++ 20.47 Uhr: Merkel hat „volles Vertrauen“ in die neue Bundesregierung

Ex-Kanzlerin Angela Merkel hat nach eigenen Worten „volles Vertrauen“ in die neue Bundesregierung und ihren Amtsnachfolger Olaf Scholz (SPD). Der Regierungsübergang sei sehr gut gelaufen, sagt Merkel im Berliner Ensemble – ein halbes Jahr nach der Amtsübergabe an Scholz. Es seien Menschen am Werk, die keine „Newcomer“ seien und die Gegebenheiten kennen würden. Merkel war 16 Jahre lang Kanzlerin. Es sei für sie ganz klar, dass es der richtige Zeitpunkt gewesen sei, aufzuhören.

Begrüßung mit der Getto-Faust: Alexander Osang und Angela Merkel dpa/Sommer

Auf die Frage, wie es ihr gehe, sagte Merkel, ihr persönlich gehe es sehr gut. Die „Zäsur“ des russischen Kriegs gegen die Ukraine beschäftige aber auch sie sehr. Sie sei manchmal bedrückt. Merkel erzählte von langen Wanderungen im Winter an der Ostsee, sie habe viele Podcasts gehört. Ihr sei nicht langweilig geworden, sie habe die Tage richtig gut rumbekommen. Früher habe sie nur „Termine, Termine, Termine“ gehabt. Sie komme mit ihrem neuen Lebensabschnitt sehr gut zurecht.

+++ 20.52 Uhr: Angriff auf die Ukraine ist„große Tragik“

Angela Merkel hat den russischen Angriff auf die Ukraine als „große Tragik“ bezeichnet. „Was ich mich natürlich gefragt habe, ist: Was hat man vielleicht versäumt?“, sagte sie. „Hätte man noch mehr tun können, um eine solche Tragik – ich halte diese Situation jetzt schon für eine große Tragik – hätte man das verhindern können? Und deshalb stellt man sich, stelle ich mir natürlich immer wieder diese Fragen.“

+++ 20.56 Uhr: Es sei letztlich nie gelungen, „den Kalten Krieg wirklich zu beenden“.

Angela Merkel hat den Ukraine-Krieg als „großen Fehler“ Russlands verurteilt. Der russische Einmarsch sei ein „objektiver Bruch aller völkerrechtlichen Regelungen“, sagte Merkel. Sie habe aber nie Putins Einschätzung geteilt, dass Russland durch den Westen „permanent gedemütigt wurde“, sagte Merkel. Sie habe aber natürlich gewusst, wie er dachte.

Merkel verwies darauf, dass Putin ihr schon 2007 bei ihrem Besuch in Sotschi gesagt habe, der Zerfall der Sowjetunion sei für ihn „die schlimmste Sache des 20. Jahrhunderts“. Damit sei schon damals ganz klar gewesen, „dass da ein großer Dissens ist“. Und es sei letztlich nie gelungen, „den Kalten Krieg wirklich zu beenden“.

+++ 21.01 Uhr: „Ich bin Bundeskanzlerin a. D.“, sagte Merkel.. Sie sei keine „ganz normale Bürgerin“.

Angela Merkel hat Einblicke gegeben, warum sie sich nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt nicht zu tagesaktuellen Themen äußern will. „Ich bin Bundeskanzlerin a. D.“, sagte Merkel.. Sie sei keine „ganz normale Bürgerin“. Sie müsse noch vorsichtiger sein, zu aktuellen Dingen etwas zu sagen – ob nun das 9-Euro-Ticket gut sei oder nicht. Es sei nicht ihre Aufgabe, Ratschläge von der Seitenlinie zu geben. Merkel erzählte, sie bekomme viele Einladungen, wolle aber nicht nur Termine abarbeiten. Wenn sie lese, sie mache nur noch „Wohlfühltermine“, dann sage sie: „ja.“ 16 Jahre lang sei alles, was irgendwie von Relevanz gewesen sei, an ihrem Tisch vorbeigekommen. Sie habe sich nie um Verantwortung gedrückt. Sie habe gesagt, dass sie sich erst einmal erholen und Abstand gewinnen wolle.

+++ 21.28 Uhr: Putin will EU zerstören

Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat Vorwürfe von Naivität im Umgang mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zurückgewiesen. „Putins Hass, Putins – ja, man muss sagen – Feindschaft geht gegen das westliche demokratische Modell“, sagte Merkel. Sie sei „nicht blauäugig oder so“ gewesen, sondern habe gewarnt: „Ihr wisst, dass er Europa zerstören will. Er will die Europäische Union zerstören, weil er sie als Vorstufe zur Nato sieht.“

+++ 21.34 Uhr: „... und deshalb werde ich mich nicht entschuldigen“

Die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat ihre Russland-Politik während ihrer 16-jährigen Amtszeit verteidigt. Eine Entschuldigung für die von vielen als zu nachsichtig gegenüber Russland kritisierte Politik lehnte sie ab. „Also ich sehe nicht, dass ich da jetzt sagen müsste: Das war falsch, und werde deshalb auch mich nicht entschuldigen.“

Merkel räumte zwar ein, dass man der Annexion der Krim durch Russland 2014 härter hätte begegnen können. Man könne aber auch nicht sagen, dass damals nichts gemacht worden sei. Sie verwies auf den Ausschluss Russlands aus der Gruppe führender Industrienationen (G8) und den Beschluss der Nato, dass jedes Land zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung ausgeben soll. Sie sei nicht „blauäugig“ im Umgang mit Russland gewesen.

Auch dass sie sich 2008 gegen eine Nato-Osterweiterung um die Ukraine und Georgien gewandt habe, verteidigte Merkel. Hätte die Nato den beiden Ländern damals eine Beitrittsperspektive gegeben, hätte der russische Präsident Wladimir Putin schon damals einen „Riesenschaden in der Ukraine anrichten können“.

Es sei so, „dass ich mir nicht vorwerfen muss, ich hab es zu wenig versucht“, sagte Merkel zu der Frage, inwieweit sie dazu beitragen konnte, eine Eskalation mit Russland zu verhindern. „Ich habe es glücklicherweise ausreichend versucht. Es ist eine große Trauer, dass es nicht gelungen ist.“

21.42 Uhr: Abschreckung ist die einzige Sprache, die Putin versteht

Angela Merkel plädiert für eine Verstärkung der militärischen Abschreckung gegenüber Russland. „Das ist die einzige Sprache, die Putin versteht“, sagte Merkel in dem vom TV-Sender Phoenix übertragenen Interview. Verantwortung für ausgebliebene Investitionen in die Bundeswehr wies sie zurück – und indirekt dem früheren Koalitionspartner SPD zu. „Ich bin jetzt heilfroh, dass wir nun uns endlich auch entscheiden, nachdem die ganze Welt bewaffnete Drohnen hat, dass wir auch welche kaufen. Und es ist auch nicht an mir gescheitert, dass bestimmte andere Dinge nicht stattfinden konnten“, sagte Merkel. Und: „Es war ein sehr zähes Ringen, überhaupt in die militärische Abschreckung zu investieren.“

+++ 21.52 Uhr: Habe mich über US-Sanktionen gegen Nord Stream 2 geärgert

Angela Merkel hat offen über einen früheren Zwist mit den USA in Sachen Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 berichtet. Sie habe sich sehr darüber geärgert, dass die USA unter Präsident Joe Biden Sanktionen gegen Unternehmen verhängt hätten, die bei Nord Stream 2 aktiv waren, sagte Merkel am Dienstagabend. Das mache man mit dem Iran, aber nicht mit einem Verbündeten, machte sie deutlich. Eine im vergangenen Sommer erzielte Vereinbarung mit den USA sei dann ein „Quantensprung“ gewesen.

Im vergangenen Juli hatten die USA und Deutschland einen langen Streit über die deutsch-russische Pipeline Nord Stream 2 beigelegt. Die USA hatten erklärt, auf weitere Sanktionen zu verzichten. In der Erklärung wurde Russland zudem davor gewarnt, Energie als politische „Waffe“ einzusetzen. In diesem Falle stelle man die Pipeline zur Disposition.

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Merkel machte mit Blick auf den russischen Angriff auf die Ukraine deutlich, dies sei nun passiert. Die neue Bundesregierung hatte die Zertifizierung von Nord Stream 2 wegen der Invasion auf Eis gelegt.

+++ 22.13 Uhr: Merz und sie müssten schon „ein guter Jahrgang gewesen sein“

Die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht die Führung ihrer Partei durch ihren einstigen Rivalen Friedrich Merz gelassen. „Das ist dann so“, sagte sie. Sie sei weiter „sehr gerne CDU-Mitglied“. Niemand müsse sich „Sorge um mein Seelenheil machen“. Die damalige CDU-Vorsitzende Merkel hatte Merz nach der Bundestagswahl im Jahr 2002 vom Vorsitz der Unionsfraktion verdrängt. Merz musste sich mit einem Vize-Posten begnügen und zog sich schließlich aus der Politik zurück, um in die Wirtschaft zu gehen. Ab 2018 bewarb sich Merz gegen Ende der Ära Merkel um den CDU-Vorsitz und schaffte es im Januar schließlich im dritten Anlauf auf den Posten.

Merz und sie müssten schon „ein guter Jahrgang gewesen sein“, da beide gerne die Nummer eins in der CDU sein wollten, sagte die 67-jährige Merkel zu dem jahrelangen Machtkampf mit dem heutigen Parteivorsitzenden. Dies habe mit der Wahl des ein Jahr jüngeren Merz nun „eine interessante Fortführung gefunden“. Sie wünsche ihm für die Aufgabe „alles Gute“.