Breitscheidplatz: Anti-LKW-Poller schützen den Breitscheidplatz in Berlin vor Anschlägen seit dem Terroranschlag vom Dezember 2016. Genau gegenüber ereignete sich die schreckliche Amokfahrt, bei der eine Lehrerin starb, viele Menschen schwer verletzt wurden. imago /ecomedia/robert fishman

Der Tod ist zurück am Breitscheidplatz. Erinnerungen an die Amokfahrt des Attentäters Anis Amri im Dezember 2016 werden in Berlin wach. In Hessen dagegen erinnern sie sich an einen Mann, der vor zwei Jahren mit einem Wagen in einen Rosenmontagszug in Volkmarsen fuhr.  Dutzende Menschen wurden dabei verletzt, unter ihnen 26 Kinder.

Hilflose Versuche

Mit diesen Erinnerungen werden auch Rufe nach mehr Schutz, mehr Pollern an exponierten Lagen in Berlin und anderswo wach. Doch sie sind nichts als hilflose Versuche, einer Tatsache etwas entgegenzusetzen, der man sich ‚grundsätzlich‘ im Leben stellen muss. Sicherheit ist etwas, was wir immer nur fühlen. Objektiv da ist sie nie.

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24 Jugendliche und ihre Lehrer mussten schmerzlich erfahren, dass Alltag jederzeit auf brutale Weise zum Albtraum werden kann. Das wissen Menschen, die Gewalt erfahren, die eine schlimme Diagnose erhalten, die einen Unfall haben, die Opfer von Willkür oder Naturkatastrophen werden.

Sicherheit ist ein schmaler Grat

Wir alle bewegen uns jederzeit auf einem schmalen Grat und wir haben es perfektioniert, nicht permanent daran zu denken, dass Leben endlich ist, dass Menschen irrational oder bösartig handeln, dass Natur unberechenbar ist. Nur so können wir unseren Alltag leben, weiter auf Klassenreisen gehen, weiter auf Boulevards einkaufen, weiter lachen und lieben.

AP / Michael Sohn
Blumen an der Stelle gegenüber der Berliner Gedächtniskirche, an der eine Amokfahrt uns alle aus dem Alltag riss.

Für einen Moment hat nun die Amokfahrt von Berlin den gnädigen Vorhang beiseite geschoben. Mit Entsetzen blicken wir auf den Täter, mit Mitgefühl auf die Opfer.

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Aber ist es nicht auch so: Wer das Unheil sieht, wird eindringlich an das erinnert, was wichtig ist. Das Grauen dort auf der Straße wird beantwortet von Müttern, die ihren Kindern heute umso liebevoller übers Haar streichen, von Männern, die ihre Frauen fester umarmen wenn sie nach Hause kommen, von mehr Mitgefühl, mehr Miteinander. Sicherheit kann es nicht geben, nur aufeinander aufpassen und das dankbar schätzen, was man hat. So lang es ist. Wir knüpfen so weiter an dem Netz aus Zuwendung und Sinnhaftigkeit, das uns auffängt und durch dessen Maschen der Täter  fiel.  Wir müssen weiter an diesem Netz bauen, damit die Toten nicht sinnlos gestorben sind.