Zersplittert und gespalten: Die USA befinden sich an einem historischen Scheidepunkt.  Foto: imago images/UPI Photo

Eine meiner entfernten Bekannten ist eine amerikanische Sängerin. Sie tritt in Deutschen Opernhäusern auf, seit einigen Jahren lebt sie in Deutschland. Erst im Süden, dann in Berlin.

Den Wahlkrimi in ihrer Heimat verfolgt sie mit gemischten Gefühlen. Als ich sie zu ihrer Meinung zum Wahlausgang frage, schreibt sie offen und ehrlich. Und bittet mich dann doch, ihren Namen nicht zu veröffentlichen. Sie sorgt sich um Aufträge, um ihre berufliche Zukunft. Auch mitten in Berlin sind Amerikaner tief verunsichert und blicken mit Ängsten auf die Entwicklungen in ihrer Heimat.

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Jackies Wahlunterlagen sind längst per Post nach Florida, woher sie stammt, gegangen. „Early voting“ nennt sich das Verfahren. Viele Wähler haben davon Gebrauch gemacht. Doch obwohl sie sich ein anderes Ergebnis wünscht, sieht es in ihrer Heimat gut aus für Donald Trump. Er gewinnt wohl den sonnigen Schlüsselstaat. Nach Auszählung von 96 Prozent der Stimmen liegt er mit 51,2 zu 47,8 Prozent vorn.

US-Briefwahlunterlagen - die Stimmen der Briefwähler machen den Unterschied. Noch sind nicht alle Bundestaaten ausgezählt.  Foto: imago images/teutopress

Im Internet verfolgt Jackie gebannt, wie die Wahl in den restlichen Bundesstaaten ausgeht. Mit ihren Freunden und Verwandten in Amerika ist sie über Textnachrichten im Kontakt: „Alle sind gestresst und nervös.“ Viele hofften hier auf eine „blaue Welle“, sagt Jackie, doch dieser Erdrutschsieg Bidens blieb aus. Die USA sind sehr gespalten. Es brauchen dringender denn je einen Präsidenten, „der sich um Land und Leute kümmert, jemanden, der das Boot umdreht und der Welt in einer äußerst turbulenten Zeit Hoffnung gibt.“ Für die kommenden vier Jahre wünscht sich die Sängerin Stabilität, echte Fortschritte bei den Bürgerrechten, ein Heilmittel und einen Impfstoff gegen Covid-19 und keine täglichen Skandale mehr.  Wäre es nicht großartig, wieder langweilige US-Nachrichten zu haben?“, fragt sie.

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Trumps Wahl vor vier Jahren habe bestätigt, warum sie nach Deutschland gezogen sei. „Amerika war immer das goldene Land der Möglichkeiten, aber die letzten vier Jahre waren schmerzhaft und peinlich.“

Was befürchtest Du für Amerika, wenn Trump wieder Präsident wird, frage ich sie. „Ich befürchte, dass die gute Gesetzgebung, die unter Obama verabschiedet wurde, vollständig rückgängig gemacht wird und andere etablierte Gesetze aufgrund seiner Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs möglicherweise aufgehoben werden.  Ich habe auch das Gefühl, dass die Rassentrennung noch größer wird und dass die Milizen und die Polizei möglicherweise völlig außer Kontrolle geraten.  Covid-19 wird auch viel, viel schlimmer werden und er wird sich überhaupt nicht darum kümmern, wie viel Tod und Krankheit er in seinen Händen haben wird.“

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Ein zukünftiger Präsident steht vor der Aufgabe das Land zu einen, die Spaltung schrittweise zu heilen. Geht das überhaupt? Eine sehr schwierige Frage, die Aufgabe erfordert in jedem Fall Zeit, Sorgfalt, Zuhören und Engagement.

Warum aber gibt es so viele Menschen, die Trump wählen? Auf diese Frage hat auch Jackie keine eindeutige Antwort: „Ich bin mir nicht sicher, warum so viele für ihn stimmen, aber in den USA wird nicht mehr viel kritisch gedacht.  Ich denke, er appelliert an die niedrigsten Wünsche und schürt Ängste bei leichtgläubigen Menschen.“

Auch wegen Trump hat Jackie vor vier Jahren Amerika verlassen. Eine Rückkehr kommt für die Sängerin erst einmal nicht in Frage.