Der Nationalpark Unteres Odertal liegt im Nordosten Brandenburgs in den Landkreisen Barnim und Uckermark.

Foto: Thomas Uhlemann

Jedes Jahr von November bis Anfang März geben weitgereiste Sänger in den Poldern und auf den Grünflächen des Unteren Odertals eine besondere Vorstellung. Hunderte Singschwäne überwintern hier oder machen auf dem Weg in ihre Brutgebiete im Baltikum und Skandinavien Halt in Brandenburg. Ihr melancholischer Gesang ist unverkennbar, die Kulisse der Oder im Winter einzigartig schön.

Unter den 16 Nationalparks Deutschlands ist das Untere Odertal so etwas wie ein Geheimtipp. In den Weiten der Auen geben die Wasservögel eindeutig den Ton an. Sie sind in der Mehrzahl, nur wenige Menschen sind wochentags hier unterwegs und verlieren sich auf den Deichen.

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Nähert man sich dem Besucherzentrum des Nationalparks im Örtchen Criewen, werden auf dem Weg die Straßen immer schmaler. Auf den Ackerfurchen mit den letzten Fetzen Schnee sitzen nordische Gänse verschiedener Arten. Wie die Noten auf einer Partitur bilden sie ihre eigenen Muster, um bei Einsetzen der Dämmerung in einem Grande Finale aufzufliegen.

Das hier ist Findlingsland, auf den Äckern türmen sich die steinernen Kolosse, hebt sich der Blick, findet er Weite. Himmel, Erde und Wasser bieten ein sich ständig veränderndes Schauspiel.

Ein Singschwan ist an seinem gelben Schnabel, seinem geraden Hals und natürlich an seinem Gesang zu erkennen. Höckerschwäne sind im Gegensatz dazu stumm. Foto: Imago

Mittendrin in dieser Weite: über 700 Singschwäne. Die Tiere, die einen so charakteristischen, sirrenden Laut ausstoßen, wenn sie einander suchen und sich begrüßen, überwintern hier an der Oder, in Frankreich oder am Bodensee. Derzeit kommen auch diejenigen im Odertal an, die weiter südlich den Winter verbracht haben. In wenigen Wochen werden sie den Weg in ihre Brutgebiete im Baltikum, in Finnland und Skandinavien antreten.

Schwäne wollen ihren Partnerinnen imponieren

Auf einer Anhöhe watschelt eine Singschwanfamilie in einer kleinen, ordentlichen Reihe – zwei weiße Tiere und ein Junges mit dunklem Gefieder. „Singschwäne sind monogam und leben in einer Dauerehe“, erklärt Milena Kreiling. Sie ist Rangerin bei der Naturwacht Brandenburg im Nationalpark, wir sind mit einem Geländewagen auf den Deich bei Criewen gefahren. Im zeitigen Frühjahr seien die Jungtiere oft noch mit ihren Eltern unterwegs. Doch nebenan plustern sich schon Schwäne auf, um ihren Partnerinnen zu imponieren. Auch in der längsten Beziehung schadet es nichts, wenn man sich ab und an seiner Zuneigung vergewissert und sich Mühe gibt. Die Tiere beginnen mit der Balz.

„Das Singen der Schwäne entsteht in ihrem Brustkorb“, erklärt Milena Kreiling. Die Luftröhre der Singschwäne ist gewunden. Diese anatomische Besonderheit präsentieren die Ranger den Besuchern und erklären ihnen, wie der Gesang der Schwäne entsteht. Im Unteren Odertal schwankt die Zahl der tierischen Wintergäste von Jahr zu Jahr. In trockenen Jahren kommen weniger Schwäne. 300 bis 2000 können es sein. Wenn Corona es nicht torpediert, gibt es im Nationalparkzentrum im Februar regelmäßig die Singschwantage mit Vorträgen und Shuttle-Exkursionen zu den scheuen Gästen.

Rangerin Milena Kreiling führt Besucher durch den Nationalpark.

Foto: Thomas Uhlemann

„Bleibt sitzen“, sagt Milena Kreiling denn auch, während sie langsam an den Tieren vorbeirollt. Autos nehmen die Entenvögel weniger als Gefahr wahr als Menschen, die sich nähern. Fliegen die Tiere mit ihren zwei Metern Flügelspannweite auf, verbrauchen sie wichtige Energiereserven.

Der Frost der vergangenen Wochen hat der Fauna in den Oderauen zu schaffen gemacht, ein Frischling ist ins Eis eingebrochen und erfroren, erzählt Milena Kreiling. Die Baue der Biber stehen unter Wasser, sodass die Tiere häufiger an Land zu beobachten sind. Sie sitzen und warten, dass ihre Behausung wieder auftaut.

Deutsche und polnische Eisbrecher auf der Oder

Und auch für die Menschen ist dieser Winter ein besonderer. Es kommen mehr Gäste, um die Weite unter dem milchigen Winterhimmel zu genießen. Die Weiden, die mit ihren Füßen im Wasser stehen. Die Äste der Erlen und Pappeln, die sich filigran abzeichnen, den ganzen Pastelltuschkasten, den der Himmel und das Wasser ausreizen. In diesen Tagen beobachten sie darüber hinaus ein weiteres seltenes Spektakel: Eisbrecher sind auf der Oder unterwegs. Die deutschen und polnischen Schiffe kämpfen sich durch meterhohe Treibeisschollen.

„Was ich da zu sehen bekomme, ist dick gepacktes Eis, Eisversetzungen in Meterstärke. Die Kollegen schätzen bis zu vier Meter“, berichtet die Einsatzleiterin beim Wasser- und Schifffahrtsamt Eberswalde Regina Jeske. Am Mittwoch waren die Schiffe auf Höhe des polnischen Örtchens Widuchowa unterwegs. Noch hätten sie 65 Kilometer Eis zu brechen, schätzt Jeske. Aus Richtung Stettin gehe es gemeinsam auf der Oder entlang Richtung Ratzdorf und Frankfurt (Oder), um den Fluss frei zu halten. Zuletzt waren 2018 Eisbrecher auf der Oder unterwegs.

Ein Land aus Wasser und Licht: der Nationalpark an der Oder.
Foto: Thomas Uhlemann

Im Nationalpark mit seinen 10.400 Hektar Fläche sollen 50,1 Prozent des Areals sich selbst überlassen werden. Doch auch nach 25 Jahren seines Bestehens sind es derzeit circa 20 Prozent der Flächen im Unteren Odertal dem Einfluss des Menschen vollkommen entzogen. Landbesitzern müssen Ausgleichsflächen außerhalb des Parks angeboten werden, ein schwieriges Unterfangen. Im einzigen Auen-Nationalpark Deutschlands gibt es also noch viel zu tun – und zu beobachten. Im Frühjahr, wenn sich die Singschwäne verabschiedet haben, kommen schon die nächsten Bewohner dieses einsamen Landstrichs. Kiebitze und Wachtelkönige mit bis zu 200 nachts rufenden Männchen.