Ansichten der Loveparade. Foto: Daniel Biskup

Einen Bildband voller Wucht und Schönheit schenkt uns der Berliner Fotograf Daniel Biskup (58). Er hat die euphorischen Jahre der Loveparade zwischen 1995 und 2003 dokumentiert und dem Soundtrack der Wendegeneration eine ikonische Liebeserklärung an die Seite gestellt. Das Buch „Loveparade“ (Verlag Salz und Silber, 39 Euro) ist ein schmuckes Weihnachtsgeschenk für alle, die damals dabei waren und immer noch danach schmachten möchten. Aber auch für Interessierte, die wissen wollen, wie es war, als die Welt noch grenzenlos feiern konnte, lohnt sich die Anschaffung.

Der halbnackte Frohsinn. Loveparade 1994–2003. Foto: Daniel Biskup

Es gibt mit hoher Wahrscheinlichkeit Milliarden Fotos von der Loveparade, bei diesen hier ist das Timing interessant: erschienen in der Covid-Krise, zu einer Zeit, in der weltweit Clubs und Discotheken dichtgemacht haben und das Feiern ins Gerede gekommen ist. Mitten in der Pandemie also flackern Biskups Bilder wie Strobos einer entrückten Vergangenheit auf und versöhnen uns – in hellster Vorfreude auf eine Zukunft ohne Corona – mit der Gegenwart.

Aufstieg zu den Sternen der Straßenevents. Loveparade 1994–2003. Foto: Daniel Biskup

Stilistisch sind die Loveparade-Aufnahmen als Heimkehr der Index-Fotografie zu betrachten. Biskup hat Massen fotografiert wie alle anderen Fotografen auch. Insbesondere am Brandenburger Tor und rund um die Goldelse. Aber sein Hauptaugenmerk liegt doch auf einzelnen Akteuren und Paaren. Die Aufnahmen von überwiegend unbekannten, modisch drapierten Ravern, manche knallig in Farbe geschossen, andere in Schwarz-Weiß, inszenieren das Individuum in seiner höchsten und  glücklichsten Selbstverzückung. Und sie weisen so über die gezeigten Figuren hinaus.

Die Drei von der Torstelle. Loveparade 1994–2003. Foto:  Daniel Biskup

Die Loveparade, 1989 erstmals vom DJ Matthias Roeingh (Dr. Motte) und der Multimediakünstlerin Danielle de Picciotto an den Start gebracht, feierte ja nicht nur die elektronische Musikrevolution, den Techno. Vor allem feierte die Parade die Lebensfreude, die Kreativität und die vitale Mitmachwelt ihrer ekstatisch berauschten Teilnehmer.

Als die Liebe tanzen lernte. Loveparade 1994–2003. Foto: Daniel Biskup

Aber auch das machen Biskups Bilder deutlich:  Wie groß die Euphorie und der gezeigte Glücksmoment auch ist – in fast allen Motiven steckt bereits der Keim des Ausverkaufs, des Big Business, des nahenden Endes. Schon in Berlin, lange vor der Tragödie von Duisburg im Jahr 2010 mit 21 Toten und mehr als 650 Verletzten, kam die Parade unter die Räder.

Mit den Brummis kam der Kommerz. Loveparade 1994–2003. Foto: Daniel Biskup

Karl Borromäus Murr, Direktor des Staatlichen Textil- und Industriemuseums in Augsburg, schreibt in seinem Vorwort zum Bildband: „Das immer gigantischer ausfallende Unternehmen zog mehr und mehr potente Sponsoren und Werbepartner an, die ihrerseits von einer zunehmenden Medialisierung der Parade vor allem durch das Fernsehen profitierten. Die Musiklaster (,Floats‘) fielen immer aufwendiger aus, die darauf Tanzenden wurden eigens gecastet. Das Müll- und Fäkalienproblem ließ sich nicht mehr übersehen. Die Kritik kam bald schon aus den eigenen Reihen der ursprünglichen Techno-Gemeinde, die sich bereits seit Mitte der 1990er Jahre von der Loveparade zu distanzieren begann. 2001 verlor die Loveparade dann auch ihren Demonstrationsstatus. 2006 schließlich wanderte sie als rein kommerzielle Großveranstaltung für mehrere Jahre ins Ruhrgebiet.“

Der Bildband „Loveparade“ von Daniel Biskup
Foto: Verlag Salz und Silber

Von heute aus betrachtet wirken Biskups  Aufnahmen doppelt unwirklich. Einmal, weil wegen Corona fast nirgends mehr so entfesselt und unbeschwert gefeiert wird. Und unwirklich auch, weil die für unsere heutigen Augen nicht selten an Übergriffigkeit gemahnende ungezügelte Lust nach MeToo doch arg in Verruf geraten ist.

„Von jedem verkauften Buch geht ein Euro an die Corona-Künstlerhilfe“, sagte Biskup dem KURIER.