Heute ist die Firma Kathi wieder im Besitz der Gründerfamilie. Imago

Über Nacht war fast alles anders. „Eines Tages bekam mein Vater einen Brief: „Ab übermorgen sind Sie nicht mehr Geschäftsführer“, erinnert sich Christian Blüthner. „Unterschreiben Sie unten rechts, wenn Sie einverstanden sind.“ War man nicht einverstanden, änderte das wenig. Am 8. Februar 1972 hatte das Politbüro des Zentralkomitees der SED beschlossen, private Industriebetriebe in der DDR zu verstaatlichen. Aus der Julius Blüthner Pianoforte Fabrik wurde ein Volkseigener Betrieb.

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Insgesamt ging es um 11.800 Firmen, die noch ganz oder teilweise in privater Hand waren – daran erinnerte jetzt zum 50. Jahrestag die Stiftung Familienunternehmen. „Diese Erfahrungen sollten uns auch heute zu denken geben“, sagt Stiftungsvorstand Rainer Kirchdörfer. Papier, Spielzeug, Stoffe, Verpackungen, Pillen, Werkzeuge: Es ging um teils uralte Unternehmen, die selbst nach Gründung der DDR 1949 im Sozialismus jahrzehntelang in eigener Regie produziert hatten. Nun war es vorbei. Der Staat übernahm das Kommando.

Christian Blüthner, Geschäftsführer der Blüthner Pianofortefabrik, steht zwischen den Instrumenten im Klaviersalon des Unternehmens. dpa/Woitas

Der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe spricht vom „Schlussstein der Enteignungen“ privater Betriebe in der DDR. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren schon große Anlagen verstaatlicht und teils demontiert worden. Nun waren kleine und mittelgroße Betriebe an der Reihe. Übrig blieben nur private Firmen mit weniger als zehn Mitarbeitern, etwa Bäckereien oder Handwerksbetriebe.

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„Mitte der 1970er Jahre konnte von einem nennenswerten privatwirtschaftlichen Sektor in der DDR, aber auch in den anderen realsozialistischen Staaten, nicht mehr die Rede sein“, schreibt Plumpe in einer „Kurzen Geschichte der Enteignungen“. „Damit war das angestrebte Ideal einer eigentumslosen und geplanten Volkswirtschaft erreicht.“

Besitzer Ingbert Blüthner war plötzlich nur noch „staatlich eingesetzter kommissarisch Leiter“

Für den 1853 in Leipzig gegründeten Klavierbauer Blüthner bedeutete dies das Ende der Eigenständigkeit nach knapp 120 Jahren. Christian Blüthners Vater Ingbert war nun plötzlich nicht mehr sein eigener Boss, sondern „staatlich eingesetzter kommissarischer Leiter“ – nicht mit Gewinn und Eigentum, sondern als Angestellter mit Gehalt.

Die Produktion der hochwertigen Flügel und Klaviere lief jedoch fast wie zuvor, wie sich Sohn Christian erinnert. Es wurden sogar weiter Speziallacke von BASF aus dem Westen importiert. Denn die Instrumente wurden fast alle exportiert und brachten der DDR heiß ersehnte Devisen. Die Blüthners setzten auch durch, dass ihr Name als Markenzeichen des neuen VEB erhalten blieb.

Ähnlich lief es für die Firma Kathi in Halle an der Saale. 1951 gegründet von Kaethe und Kurt Thiele, machte sich die Firma in der DDR einen Namen mit Backmischungen, Klößen oder Tütensuppen. 1957 wurde die Familie gedrängt, einen Teil des Unternehmens an den Staat abzugeben – ähnlich wie viele andere Privatfirmen in der DDR, wobei die Inhaber zunächst nicht die ganze Kontrolle verloren. Das kam dann 1972: aus Kathi wurde VEB Backmehlwerk Halle. „Für Kaethe und Kurt bricht eine Welt zusammen“, heißt es in der Firmengeschichte. „Meine Großeltern waren jedoch immer davon überzeugt: Die Zeiten können sich ändern“, erinnert sich der heutige Chef Marco Thiele.

Ganz klein steht oben Kathi: So sah die Packung Tortenmehl in der DDR aus. Preis: 1,23 Mark. Imago/Scheffelhorn

Auch die Thieles schafften es, den Markennamen zu sichern, wie der Historiker Rainer Karlsch in der Studie „Industrielle Familienunternehmen in Ostdeutschland“ berichtet. „Er bezahlte auch nach der Verstaatlichung eine jährliche Gebühr für das Warenzeichen. Alle Verpackungen mussten daher noch Kathi-Namen tragen, allerdings wurde der Schriftzug stark verkleinert.“

Nach der Wende gelang der Familie Thiele mit Kathi der Neustart

Damit gelang nach der Wende in der DDR der Neustart – sowohl für die Familie Thiele bei Kathi als auch für die Blüthners im Klavierbau. Noch zu DDR-Zeiten, im Wendeherbst 1989, kauften die Blüthners ihre Firma zurück – mit Geld, das der Urgroßvater einst auf einem Schweizer Konto geparkt hatte. „Man musste einfach schnell sein“, sagt Christian Blüthner.

Letztlich wurde der Besitz über die Treuhandanstalt wieder an die Familie übertragen und der Kaufpreis zurückerstattet. Die in der langen Firmengeschichte vergleichsweise kurze Episode der Verstaatlichung war vorbei. Heute hat der Klavierbauer wie eh und je etwa 200 Mitarbeiter und exportiert wie gehabt in alle Welt.

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Warum die DDR-Führung um den Anfang der 70er Jahre neuen SED-Generalsekretär Erich Honecker die Verstaatlichung durchsetzte, ist auch für Experten nicht völlig schlüssig. Karlsch zitiert den Volkswirt Ulrich Blum mit der Einschätzung, die Aktion sei „geisteskrank“ gewesen. In der Folge habe es zusätzliche Versorgungsengpässe bei Konsumgütern gegeben. Überzeugte Sozialisten konnten immerhin argumentieren, dass der Arbeiter- und Bauernstaat konsequent seine wirtschaftspolitische Linie durchzog.

Christian Blüthner ist überzeugt: „Das war reine Ideologie.“ Entschieden hätten auch nicht die DDR-Oberen in Berlin, glaubt er. „Die Direktive kam letztlich aus Moskau.“