Einem Dom glich das Hauptgebäude der Berliner Gewerbeausstellung 1896. Die Kuppelschale hatte einen Durchmesser von 30 Metern. Allein unter diesem Dach präsentierten sich 13 Branchen. Archiv berlinHistory e.V.

Am Ufer der Spree, hinter den ankernden Fahrgastschiffen, befand sich die Landungsbrücke für Ihre Majestäten. Dort lagen auch der Nachbau des Postdampfers „Bremen“ und das „Fischerei-Gebäude“. An der Treptower Chaussee (heute: Puschkinallee) gegenüber thronte die Hauptausstellungshalle, in der sich allerlei Gewerbe präsentierte, zum Beispiel die Elektrotechnik, die Textil- und Bekleidungsindustrie, der Maschinen- und Schiffsbau.

Von diesen wie allen anderen Bauten, die in diesem Park einst standen, ist nichts geblieben. Mit ein wenig Fantasie aber sind sie noch da – und mit der Hilfe eines Tablets oder Smartphones.

Berliner Verlag
Raus in die Geschichte! 

Drängt es Sie auch nach draußen, an die frische Luft, ins frische Grün? Da trifft es sich gut, dass Berlin und Brandenburg so viele Gelegenheiten bieten, das Grau des Alltags abzuschütteln. In der Frühjahrsausgabe des Geschichtsmagazins B History, aus der dieser hier veröffentlichte Artikel stammt, stellen wir auf 124 Seiten mit rund 260 Abbildungen Ausflüge in die Vergangenheit vor – zu Schlössern und Burgen, Parks und Wäldern, Brachen und Ruinen, Gewässern und Adressen, die Geschichte(n) erzählen. Erhältlich ist B History für 9,90 Euro im Einzelhandel, bei uns im Leserservice unter der Telefonnummer +49 30 2327-77 und unter https://aboshop.berliner-zeitung.de

Rainer Klemke ist überpünktlich. Fünf Minuten vor elf Uhr trifft er an einem der beiden parkeinwärts führenden Bahnhofsausgänge ein. Er trägt Sonnenbrille, Schiebermütze und Allwetterjacke. In seinem weißen Vollbart zeigt sich ein vorfreudiges Lächeln. Klemke, 72, war fast zwanzig Jahre lang Referatsleiter in der Berliner Senatsverwaltung für Kultur. Inzwischen ist er Vorsitzender von „berlinHistory“. Der Verein hat eine gleichnamige kostenlose App entwickelt, mit der sich Berliner Geschichte im Spazierengehen erkunden lässt.

Wir wollen zurück in das 19. Jahrhundert, zur Berliner Gewerbeausstellung, die vom 1. Mai bis zum 15. Oktober 1896 im Treptower Park stattfand. Die Frage, wo unser Spaziergang beginnen soll, ist noch nicht gestellt, da legt der Historiker Klemke schon los: „Diese Ausstellung war eine Stadt in der Stadt, mit eigener Strom- und Wasserversorgung. Sie ist noch heute die größte, die je in Berlin stattgefunden hat. Viele Berliner wissen überhaupt nicht, dass es hier so was gab.“

Mit Gründung des Deutsches Reichs 1871 stellte sich die Streitfrage, ob es nicht geboten sei, nach dem Vorbild von London und Paris die ganze Welt zu einer Ausstellung voller Schauwerte nach Berlin einzuladen. Es sei an der Zeit, argumentierten die Befürworter, dass sich auch das Reich als Industrie-, Militär- und Kolonialmacht profiliere. „An Deutschland ist die Reihe, die Völker zu empfangen“, forderte eine Streitschrift 1880. Berlin müsse „die Reste seiner kleinbürgerlichen Vergangenheit abschütteln und sich als Weltstadt fühlen lernen“.

„Berlin ist Großstadt, Weltstadt (vielleicht?), also muß es auch seine Ausstellung haben! (...) Das ist völlig falsch.“

Kaiser Wilhelm II., 1896

Die erste Weltausstellung hatte 1851 in London stattgefunden. Nach der Schau in Paris 1889 verstärkten die Berliner Wirtschaftsvertreter ihre Bemühungen, in ihrer Stadt eine Weltausstellung auszurichten. Es ging auch darum, hinter dem „Erbfeind Frankreich“ nicht zurückstehen zu wollen. Doch dem Kaiser war das nicht genehm. „Berlin ist Großstadt, Weltstadt (vielleicht?), also muß es auch seine Ausstellung haben! (...) Das ist völlig falsch“, schrieb er im Juli 1892 seinem Reichskanzler Graf von Caprivi. „Paris ist nun mal – was Berlin hoffentlich nie wird – das große Hurenhaus der Welt (...).“ Seine Majestät stellten entschieden fest: „Ausstellung is nich, wie meine Herren Berliner sagen.“

Über die eigentlichen Beweggründe darf spekuliert werden. Eine wesentliche Rolle spielte sicherlich der „Gründerkrach“, der mit dem Wiener Börsenkrach 1873 eingesetzt hatte und der das deutsche Finanzwesen noch bis in die 1890er-Jahre hinein belastete. Die Berliner Wirtschaft, organisiert im „Verein Berliner Kaufleute und Industrieller“ (besteht noch heute) und in der Vereinigung „1879“ (gegründet zur Gewerbeausstellung in jenem Jahr), ließ dennoch nicht locker und finanzierte mit Spenden eine Ausstellung, auf dass „das Werk der heimischen Industrie zur Förderung und der Stadt Berlin zu Ehre und zu Nutzen gereiche“.

Als „verhinderte Weltausstellung“ machte die Berliner Gewerbeschau Geschichte. Fünfeinhalb Monate lang präsentierten sich im Treptower Park 4000 Aussteller. bpk-Bildagentur/Kunstbibliothek SMB/Knut Petersen

Wie es sich gehört, beginnen wir unseren Spaziergang am damaligen Kassenhäuschen des Haupteingangs. Rainer Klemke blickt auf das iPad in seinen Händen. Auf dem Bildschirm liegt der Ausstellungsplan von 1896; die farbige Karte zeigt, wo was stand. Zusätzlich sind ballonförmige blaue Symbole zu sehen; bei Berührung öffnet sich ein Fenster mit einem alten Foto, bei einer weiteren folgt eine Bildbeschreibung. Mit Zeigefinger und Daumen zieht Klemke die Karte auf. Die Bezeichnung „Eingang I“ kommt ins Bild. Als wir losgehen, bewegt sich auf dem Screen ein Punkt – er zeigt unseren Standort.

Wir spazieren zur Puschkinallee (damals: Treptower Chaussee) und biegen links ab. Autos rauschen unter den Plantanen heran und an uns vorbei. Auf dem Bildschirm sehen wir, wie langsam wir uns der Kasse nähern. Nun wird deutlich, wie groß die Ausstellung war. Sie stellte mit einer Fläche von 900.000 Quadratmetern alle Weltausstellungen in den Schatten – und blieb doch eine lokale Veranstaltung, eine „verhinderte Weltausstellung“.

Für einen Donnerstagvormittag Mitte Februar ist im Park viel los. Spaziergänger und Dauerläufer genießen nach frostigen Tagen, die mit Regen endeten, eine gleißende Sonne, deren vorfrühlingshafte Wärme Freizeitsportler dazu verleitet, in Shorts und Shirts zu joggen – ein junger Mann läuft sogar oben ohne. Der Treptower Park, bis zur Bildung von Groß-Berlin 1920 Teil der Landgemeinde Treptow, wurde von 1876 bis 1888 nach den Plänen des Städtischen Gartendirektors Gustav Meyer angelegt. Mit den Volksparks Friedrichshain und Humboldthain sowie dem Viktoriapark ist er eine von vier noch bestehenden Berliner Parkanlagen aus dem 19. Jahrhundert.

Die Verkehrsanbindung war beispielhaft. Die Görlitzer Bahn bekam einen eigenen Bahnhof, der Bahnhof Treptow erfuhr eine Erweiterung.

Rainer Klemke, Historiker

Zwei Jahre vor Beginn der Gewerbeausstellung fiel die Wahl auf diesen Park als Austragungsort. Das war nicht unumstritten. „So anziehend der Ort durch seine freie Lage, seine Nachbarschaft zur Spree und seine schöne Parkanlage ist“, schrieb das Centralblatt der Bauverwaltung, „bei der Besetzung desselben mit den für die Ausstellung erforderlichen Bauten ergaben sich nicht unbeträchtliche Schwierigkeiten“.

Eine Schwierigkeit bestand darin, Besucher nach Treptow zu lotsen. Nach Rainer Klemkes Ansicht wurde sie bravourös gemeistert: „Die Verkehrsanbindung war beispielhaft. Mehrere Pferde- und Straßenbahn- sowie Omnibusgesellschaften nahmen den Betrieb auf, die Görlitzer Bahn bekam einen eigenen Bahnhof, der Bahnhof Treptow erfuhr eine Erweiterung.“

Die nahe gelegene hölzerne Oberbaumbrücke wich einem steinernen Bauwerk im Stil der Neogotik. Auf der Spree nahmen fünf Schiffsgesellschaften einen Linienbetrieb auf. Die MS „Heinrich Zille“ lief extra zur Ausstellung vom Stapel. Das Motorschiff ist das älteste noch fahrbereite Berliner Fahrgastschiff, es ankert im Historischen Hafen an der Mühlendammschleuse.

Nicht weniger herausfordernd war die Bedingung dafür, dass die Stadt den Veranstaltern den Park kostenlos zur Verfügung stellte: Nicht ein einziger Baum, nicht einmal ein Strauch durfte entfernt, der Urzustand des Parks musste nach der Ausstellung wiederhergestellt werden. Und tatsächlich, bis 1898 wurden alle Bauten abgerissen.

Längst ist Gras gewachsen über die Gewerbeausstellung im Treptower Park. Kein Gebäude der Gewerbeausstellung steht noch. Heute ist die Grünanlage ein beliebter Naherholungsort. imago/Travel-Stock-Image

Das Kassenhäuschen von einst ist noch nicht erreicht, da weist Rainer Klemke nach rechts. Hinter den Bäumen blitzt eine Wiese. „Das ganze Gebiet“, er macht mit dem Arm eine ausholende Bewegung, „war Standort des Haupt-Industrie-Gebäudes, 400 Meter lang, 240 Meter breit, eine Stahlkonstruktion mit vielen Fenstern, wie ein Gewächshaus.“ Allein 13 der 23 Ausstellungsgruppen präsentierten sich dort. „Man konnte da Tage verbringen.“ Klemke tippt mit dem Zeigefinger auf den Bildschirm – ein altes Foto zeigt ein Bauwerk mit Kuppeln und Türmen und Bogengang.

Bögen wir links in den Park, kämen wir zum Figurentheater Grashüpfer (Puppen- und Schattenspiele für Kinder und Erwachsene). Geradeaus geht es zur Liegewiese (es gibt mehr als eine) und zum Spielplatz (es gibt mehr als einen), zum Rosengarten (auch die Gewerbeausstellung hatte einen) und zur Insel der Jugend (sie hieß damals Neu-Spreeland), zum Sowjetischen Ehrenmal (das hat, so viel sei vorab verraten, einen besonderen Platz) und zum Gustav-Meyer-Denkmal (der Mann ist uns ja schon bekannt).

Das Kassenhäuschen – hier stand es, mitten auf der heutigen Puschkinallee. Besucher zahlten vier Mark für ein Billet-Heft, sie erhielten damit Eintritt zu allen Ausstellungen und einigen Sonderausstellungen. Je eine Mark musste zahlen, wer die Hauptausstellung, die Marineschauspiele, die Kulissenstadt Alt-Berlin und die Colonial-Ausstellung besuchen wollte. Getränke und Speisen an den Ständen, in den Pavillons, Cafés und Restaurants kosteten extra, Mitbringsel ebenso – das beliebteste war ein Fischkochbuch für 50 Pfennig.

Viele Berliner konnten sich den Eintritt nicht leisten. Für vier Mark gab es auch gut zwei Kilogramm Butter oder eineinhalb Zentner Kartoffeln; für eine Mark vier Kilogramm Roggenbrot oder fünf Liter Milch. Die Veranstalter rechneten mit insgesamt neun Millionen Besuchern; es kamen annähernd 7,4 Millionen. Das mag am Eintrittspreis gelegen haben, auch am Wetter – es regnete an 120 der 168 Ausstellungstage.

Man muß doch auf der Ausstellung gewesen sein, denn wer sie nicht besucht hat, gilt gleichsam als nicht existenzberechtigt.

Vossische Zeitung, 1896

Aus Rainer Klemkes Sicht war die Gewerbeausstellung „auf jeden Fall ein Erfolg“. Vielen Wirtschaftsbranchen habe sie einen Schub gegeben. Und der Umstand, sich gegen den Kaiser durchgesetzt zu haben, habe das gesellschaftliche Bewusstsein gestärkt.

Als die Schau am 1. Mai eröffnete, da ging Wilhelm II. mit seiner Jacht „Alexandria“ an der Landungsbrücke für Majestäten vor Anker und begab sich mit seiner Entourage auf einen Rundgang. Ein kaiserlicher Kommentar ist nicht überliefert.

Auch wenn die Besucherzahlen hinter den Erwartungen der Veranstalter zurückblieben, so haben Zeitgenossen die Veranstaltung als das Ereignis des Jahres bewertet. „Man muß doch auf der Ausstellung gewesen sein“, empfahl die Vossische Zeitung, „denn wer sie nicht besucht hat, gilt gleichsam als nicht existenzberechtigt.“ Der legendäre Theaterkritiker Alfred Kerr bekannte in der Breslauer Zeitung, ein Besuch sei „eine einzige Wallfahrt“.

Eine elektrisch betriebene Bahn fuhr Besucher von Attraktion zu Attraktion. Dazu gehörte die Sonderausstellung „Kairo“. Sie befand sich auf einem an der Köpenicker Landstraße (heute: Am Treptower Park) jenseits des Parks gelegenen Areal. Dort war die Kairoer Altstadt nachgebildet, mit Moschee und Basaren, Wohnhäusern und Gassen; dort zeigten 400 Angestellte aus Nordafrika und Palästina den Berlinern „das Alltagsleben der Araber“. Die Krönung war eine 38 Meter hohe Pyramide. Wer wollte, konnte hinauffahren und die Ausstellung aus der Vogelperspektive bestaunen.

„Himmelskanone“ wird der Große Refraktor der Archenhold-Sternwarte im Treptower Park auch genannt. Das Teleskop ging im September 1896 in Betrieb, es ist noch immer das längste Linsenfernrohr der Welt. imago/POP-EYE

Wir bleiben stehen, um uns zu orientieren. Gezwitscher tönt aus den Bäumen; Krähen stolzieren über eine Wiese, auf der sich teichgroße Pfützen spiegeln; Maulwurfshügel, frisch aufgeworfen, säumen den Weg. Ein Blick auf den Bildschirm: Wir sind jetzt auf Höhe des Spreetunnels, der Stralau mit Alt-Treptow verband. Zur Gewerbeausstellung sollte die Straßenbahnlinie in Betrieb gehen, doch erst drei Jahre später konnte die erste Fahrt stattfinden. Die Rampe ist beseitigt, der Tunnel geflutet.

Vor uns liegt das traditionsreiche Gasthaus Zenner. Wir biegen aber nach rechts in den Park ab und bewegen uns auf ein Rohr zu, das gen Himmel ragt. Es ist Teil der Sternwarte, die zur Gewerbeausstellung errichtet wurde und nach dem Astronomen Friedrich Simon Archenhold benannt ist. Der hat dieses Linsenfernrohr entwickelt, es ist noch immer das längste der Welt.

„Ursprünglich war das Fernrohr in einem Holzgebäude untergebracht“, beginnt Rainer Klemke zu erzählen. „Wegen des großen Interesses und des fehlenden Geldes zum Abbau blieb es stehen und wurde später durch einen Neubau aus Stein ersetzt.“

Kleine Notiz am Rande: In der Sternwarte hielt Albert Einstein am 2. Juni 1915 seinen ersten öffentlichen Vortrag über seine allgemeine Relativitätstheorie.

Südlich der Sternwarte, am Karpfenteich, lag die Kulissenstadt „Alt-Berlin“, eine scheinbar spätmittelalterliche Stadt mit Rathaus, Zwinger und Bürgerhäusern. Wir gucken erneut auf den Bildschirm. Ein altes Foto zeigt im Vordergrund Wasser, dahinter eine Brücke und ein Stadttor sowie einem Rundturm. Belebt wurde das künstliche „Alt-Berlin“ von 500 Angestellten, die in historischen Kostümen Musik machten, Umzüge veranstalteten, ja sogar Ritterturniere abhielten.

Eine Treppe über die Parkstraße (heute: Bulgarische Straße) führte von „Alt-Berlin“ in den Vergnügungspark mit einem 60 Meter hohen Turmrestaurant, „Hagenbeck‘s Zoologischem Cirkus“ und „Eismeer-Panorama“, Wasser-Rutschbahn und Luft-Karussell sowie einem Automatenrestaurant, das gezapftes Bier und warme Speisen anbot. Auf dem Areal befinden sich heute eine Tankstelle, eine Gemeinschaftsschule und die Polizeidirektion 3, Referat für Kriminalitätsbekämpfung.

Mehr als 100 Männer, Frauen und Kinder aus den „deutschen Schutzgebieten“ in Afrika und Ozeanien wurden bei der „1. Deutschen Colonial-Ausstellung“ im Treptower Park zur Schau gestellt. Archiv berlinHistory e.V.

Blicken wir ein weiteres Mal auf den Bildschirm des iPads. Südlich von „Alt-Berlin“, an der Köpenicker Landstraße, hatte die „1. Deutsche Colonial-Ausstellung“ ihre Bühnen, „zum Studium unserer deutschen Schutzgebiete“, wie es hieß. „Etwas mehr als 100 Männer, Frauen und Kinder waren aus Afrika und Ozeanien nach Berlin verfrachtet und hier wie Tiere im Zoo zur Schau gestellt worden“, berichtet Rainer Klemke mit ernster Miene. Die meisten wurden mit Arbeitsverträgen und der Aussicht auf einen Kulturaustausch gelockt; andere, aus einflussreichen Familien stammend, reisten auf eigene Kosten an, um diplomatische Beziehungen zu knüpfen. Ihre Erwartungen und Hoffnungen erfüllten sich nicht.

Von den Schicksalen dieser Menschen, die tagein, tagaus vor gaffenden Menschen kochten, trommelten und tanzten, erzählt eine Dauerausstellung im Museum Treptow.

Um den südlichen Bereich des Karpfenteichs herum, wo sich Guineer, Togoer und Kameruner zur Schau stellen mussten, schlendern wir in Richtung Neuer See. Mit dem Haupt-Industrie-Gebäude bildete der See die Hauptachse der Gewerbeausstellung. Unser Ziel ist der ehemalige Gondel-Hafen.

Die internationale Presse berichtete über die Berliner Gewerbeausstellung mitunter mitleidig. Die Revue de Paris schrieb, die Ausstellung sei „nicht international, noch nicht mal national: Sie ist rein lokal. Berlin hatte sich anderes erträumt.“ Und doch erwies sich im Nachhinein manche Vorführung als weltbedeutend. Wilhelm Conrad Röntgen zum Beispiel führte im Treptower Park erstmals in aller Öffentlichkeit die medizinische Anwendung seiner X-Strahlen vor.

„Wegen seiner Vielseitigkeit“ rühmt das offizielle Hauptstadtportal den heutigen Treptower Park. Das erschließt sich dem Besucher nicht sofort. Und doch hat der Ort einiges zu bieten. Er ist ideal zum Spazierengehen, Walken oder Joggen. Oder einfach nur zum Abhängen: zum Picknicken, Quatschen, Spielen, Dösen, Sonnen. Boote kann mieten, wer die Spree rauf- und runterpaddeln oder -treten will. Und im Kulturhaus auf der Insel der Jugend oder auf einem der Restaurantschiffe lässt es sich gut essen und trinken.

Wo sich 1896 das Hauptrestaurant der Gewerbeausstellung befand, mit Wasser- und Aussichtsturm am Neuen See, da steht seit 1949 das Hauptmonument des Sowjetischen Ehrenmals. Archiv berlinHistory e.V.

„Jetzt stehen wir schon im Wasser“, stellt Rainer Klemke mit trockener Stimme fest, „und keine Gondel in Sicht.“ Er schaut auf den Bildschirm: Der Punkt, der unsere Position anzeigt, befindet sich im Neuen See, den es ja nicht mehr gibt. Tatsächlich stehen wir auf der Hauptachse des Sowjetischen Ehrenmals, das Oval des Sees ist fast identisch mit dem der Gedenkstätte. Wo sich 1896 das Hauptrestaurant der Ausstellung befand, mit Aussichtsturm und Wasserturm, da steht seit 1949 das Monument eines Rotarmisten, in seiner rechten Hand ein Schwert und an seiner linken ein Kind.

Von der Gewerbeausstellung zeugen nur noch das Riesenfernrohr der Sternwarte, die Oberbaumbrücke und die MS „Heinrich Zille“. Das ist im europäischen Vergleich nicht der Rede wert: Paris 1889 vermachte der Welt den Eiffelturm, Brüssel 1958 das Atomium. Doch gerade weil die Ausstellung wenig hinterlassen hat, hielt der Zeitgenosse Werner Sombart, Soziologe und Volkswirt, sie für „so hervorragend interessant“. Das gilt noch heute.

Auf dem Rückweg zum Bahnhof statten wir Gustav Meyer einen Besuch ab, dem Mann, aus dessen Plänen der Treptower Park gewachsen ist. Seit 1890 befindet sich seine Büste im Park, seit 1946 dort, wo das Haupt-Industrie-Gebäude der Gewerbeausstellung stand. Ob ihm die Ausstellung gefallen hätte? Als sie stattfand, war er schon lange tot. Ein wenig lächeln dürfte er schon. Schließlich ist sein Park das geworden, was er immer sein sollte: ein Ort, wo sich alle Bürger erholen können.


Info:

  • Adresse: Treptower Park, Alt-Treptow, 12435 Berlin
  • Anfahrt: S-Bahn S41, 42, 8, 85 und 9 bis Treptower Park, Bus 104, 165, 166, 194 und 265 bis Treptower Park
  • Buchtipp: Bezirksamt Treptow von Berlin (Hrsg.): Die Berliner Gewerbeausstellung 1896 in Bildern, Berliner Debatte Wissenschaftsverlag, Berlin 2010 (2. Auflage)