Die Hörner sind ausgepackt, die Probe beginnt: Die Mitglieder des Alphorn-Vereins vor dem Reichstag. Foto: Berliner KURIER/Volkmar Otto

Wenn diese Musiker ihre Instrumente auspacken und spielen, bleibt einfach jeder stehen – denn Alphorn-Spieler sieht man gerade in Berlin nicht an jeder Ecke. Doch es gibt sie! Seit dem vergangenen Jahr hat die Hauptstadt nun sogar den ersten Alphorn-Verein. Einmal pro Woche treffen sich die Hobby-Musiker zu einer Probe irgendwo in Berlin – KURIER war dabei.

Die Hörner sind zusammengebaut, die Musiker haben sich auf der Wiese vor dem Reichstag in einer Reihe aufgestellt, die ersten Töne erklingen – und etwas Seltsames passiert: Plötzlich bleiben auf dem nahe gelegenen Fußweg Spaziergänger und Touristen stehen, zücken ihre Handys. Sie filmen, sie fotografieren, sie freuen sich und staunen. Alphorn-Spieler vor dem Reichstag sind eben ein etwas ungewohntes Bild, die meisten verorten die mehr als drei Meter langen Hörner eher in den Bergen.

Ein Ständchen vor dem Reichstag: Berlins Alphorn-Bläser spielen für den KURIER.

Video: Berliner KURIER/Volkmar Otto, Florian Thalmann

Doch auch in Berlin gibt es etwa 30 Alphorn-Spieler, erklärt Thomas Mosebach (56) vom Verein Alphorn Berlin e.V. dem KURIER. Das Problem: „Die meisten sind eher Einzelgänger, sie organisierten sich bisher kaum“, sagt er. Das hat sich nun geändert: Im vergangenen Jahr gründeten Mosebach und seine Mitstreiter den ersten Alphorn-Verein. „Wir kennen uns schon länger, spielen seit ein paar Jahren zusammen. Die Gruppe entstand über die Schöneberger Musikschule – es ist eine der einzigen Musikschulen Deutschlands, in der es für den Unterricht Alphörner gibt.“

Elisabeth Meier-Brügger schraubt ihr Alphorn zusammen. Foto: Berliner KURIER/Volkmar Otto

Mosebach kam schon vor längerer Zeit zu dem besonderen Instrument. „Ich spielte früher Jagdhorn, unter anderem in der Bundeswehr. Als ich in München lebte, hörte ich damit auf, denn Blasmusik in Mietwohnungen ist ja ein eher schwieriges Thema“, sagt er und lächelt. Doch irgendwann kam er mit einem Freund ins Gespräch, der als Kirchenmusikdirektor arbeitete. „Er schenkte mir eine CD mit Konzerten für Alphorn und Orgel. Da sagte ich: Ich lerne jetzt Alphorn und dann spielen wir bei dir in der Kirche ein Konzert zusammen.“ Später zog er nach Berlin – und suchte nach Möglichkeiten, das Instrument zu erlernen. So kam er zur Schöneberger Musikschule.

Reizvoll für ihn: Das Alphorn sei, sagt er, kein schwieriges Instrument. „Es sind alles Naturtöne, man muss sich also keine Griffe merken. Die Klänge werden nur über die Lippenspannung erzeugt. Die Erfolgsquote ist steil, was vor allem für Anfänger gut ist.“ Mit dem Üben ist es trotzdem schwierig. „Ich bin jetzt in eine neue Wohnung gezogen und habe Glück: Unter mir hat ein Steuerberater sein Büro, dort ist abends niemand da. Und mit den Nachbarn über mir kann man reden.“ Ihm selbst macht das Instrument Freude, weil es extravagant ist, weil das Spielen eine positive Grundstimmung erzeugt. „Man muss gar nicht unbedingt Melodien spielen – schon die Grundtöne klingen schön.“

Thomas Mosebach spielte früher Jagdhorn, unter anderem in der Bundeswehr. Foto: Berliner KURIER/Volkmar Otto

Der warme Klang des Alphorn ist auch das, was seine Mitstreiter fasziniert. „Das Horn klingt einfach majestätisch – man kann doch sofort die Berge im Hintergrund sehen“, sagt etwa Christa Kleine-Knefelkamp (67) aus Beelitz. Sie kam dazu „wie die Jungfrau zum Kinde“, sagt sie. „Ich spiele seit 55 Jahren Posaune. Vor fünf Jahren war ich in Luzern im Urlaub, da standen zwei Alphornspieler auf einem Platz. Ich wollte mal reintröten.“ Sie durfte – und verliebte sich in das Instrument. Horst Jaitner (62), der Vorsitzende des Vereins, seit 50 Jahren Trompeter, wollte „einfach mal etwas Neues lernen“, sagt er. „Das Alphorn hat nur einen beschränkten Vorrat an Tönen. Das macht es nicht immer einfach, ist für mich aber eine schöne Herausforderung.“

Michael Meier und Frau Elisabeth Meier-Brügger spielen. Foto: Berliner KURIER/Volkmar Otto

Sogar echte Schweizer gibt es in der Gruppe. Elisabeth Meier-Brügger (74) und ihr Mann Michael (72) kommen aus Aarau. „Als mein Mann mit 65 Jahren in Pension ging, wollte er das Alphorn lernen“, sagt Meier-Brügger. „Da habe ich gesagt: Schau‘ bitte erstmal in deiner Familie. Ich wusste nämlich, dass sein Vater zum 60. Geburtstag ein Horn zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte – aber er hatte nie darauf gespielt.“ Also kam das Instrument nach Berlin. Ein zweites Exemplar für die 74-Jährige ließen sie in der gleichen Werkstatt anfertigen. „Ich spiele Klavier, mein Mann hatte nie etwas mit Musik am Hut. Wir suchten uns eine Lehrerin, begannen mit dem Spielen. Durch Zufall lernten wir auf dem Oktoberfest in München jemanden kennen, der den Verein kannte – nun sind wir dabei.“ Am Anfang seien nur einzelne Töne gekommen, aber inzwischen erkennen auch Freunde und Bekannte schon Melodien. „Das Spielen macht uns einfach Freude – und ist sogar gut für die Atmung.  Ich hatte früher regelmäßig Lungenentzündungen – seit ich Alphorn spiele, habe ich keinen Husten mehr gehabt.“

Die Alphorn-Bläser bei der Probe, vorn: Gesa Schumann. Foto: Berliner KURIER/Volkmar Otto

In der Gruppe treffen sich Musiker draußen zum Proben, spielen spontan in Parks oder Gärten. „Wir können bei diesen Proben nur leider schwer neue Stücke einstudieren, denn wenn wir etwas lernen, hört sich das für die Zuschauer blöd an. Schiefe Töne gibt es beim Alphorn eigentlich nicht, aber wenn es noch nicht aufeinander abgestimmt ist, klingt es manchmal etwas schräg.“ Eigentlich sollte in diesem Jahr sogar eine Konzertreihe auf Berliner Bergen stattfinden, doch Corona funkte dazwischen. Dafür werden öffentlichen Proben nun auf Instagram angekündigt.