Chris S. vor der Wohnung, die er vor vier Jahren mit seiner Ex-Freundin zusammen anmietete. Heute hat er noch nicht mal mehr einen Wohnungsschlüssel, aber kommt nicht aus dem Mietvertrag.
Gerd Engelsmann

Chris S. hat sich verschuldet. Ungewollt um knapp 7000 Euro. Weil der 45-Jährige vor vier Jahren gemeinsam mit einer Freundin einen Mietvertrag für eine Wohnung in Charlottenburg unterschrieben hat. Deshalb hat er nun ein gewaltiges Problem, denn seine Vertragspartnerin zahlt seit Monaten die Miete nicht mehr und der Lagerist kann das Vertragsverhältnis nicht ohne ihre Einwilligung beenden. Seitdem wächst sein Schuldenberg von Monat zu Monat und er weiß sich nicht mehr anders zu helfen, als sein Schicksal öffentlich zu machen.

Wegen der Miete muss ein Vater Privatinsolvenz anmelden

„Ich kann demnächst Privatinsolvenz anmelden“, sagt Chris S., alleinerziehender Vater eines 13-jährigen Sohnes, wütend. Dabei habe er nur helfen wollen, als seine damals beste Freundin in großer Not war. „Sie war wohnungslos und stand mit ihren Kindern auf der Straße. Da habe ich mit ihr gemeinsam einen Mietvertrag unterschrieben, sonst hätte sie die Wohnung als Hartz IV-Empfängerin nicht bekommen“, sagt er. Ein Fehler, wie sich wenig später herausstellte. 

Im ersten Jahr verlief alles reibungslos, erzählt Chris S. Doch dann habe die Freundin die Miete nur noch unregelmäßig gezahlt. „Ich habe sie immer ermahnt. Dann hat sie auch sofort  nachgezahlt“, berichtet er. Doch im dritten Jahr habe sich die Lage dramatisch verändert, da seine Ex-Freundin nach seinem derzeitigen Kenntnisstand beim Jobcenter gesperrt worden sei. „Sie hat keine monatlichen Einnahmen und zahlt seitdem die Miete nicht mehr“, so Chris S. Da er für sich und sein Kind noch eine andere Wohnung angemietet hat, kann er von seinem Gehalt als Lagerist nicht beide Objekte zahlen.

Um aus dem Vertrag herauszukommen, habe er versucht, mit der Deutsche Wohnen ins Gespräch zu kommen „Ich wollte raus aus dem Vertrag. Doch das wäre nur gegangen, wenn meine Freundin auch gekündigt hätte und sie weigert sich bis heute“, erzählt Chris S. Er bat auch eine Mitarbeiterin des Wohnungsunternehmens darum, ihr zu kündigen, aber auch damit kam er nicht weiter. 

Deutsche Wohnen will Klärung der Situation

In einem Schreiben der Deutschen Wohnen vom 30. August, das dem KURIER vorliegt, steht: „Unser Anliegen ist es aufgrund der aktuell noch anhaltenden Corona-Pandemielage,  dass kein Mieter wegen Zahlungsrückständen die Wohnung verliert.“ Man sei bereits mit der Frau im Gespräch, um eine Klärung der Mietrückstände herbeizuführen. 

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Gerd Engelsmann
Das Wohnhaus in Charlottenburg der Deutsche Wohnen. Hier befindet sich die angemietete Wohnung von Chris S., die ihm so großen Kummer bereitet.


Chris S. hat sich jetzt anwaltliche Hilfe gesucht, denn er sorgt sich wegen der Schulden sehr um seine Zukunft und vor allem, um die seines Sohnes. In seinem Mietvertrag ist geregelt, dass das Mietverhältnis vom Vermieter beendet werden kann, wenn er mit der Zahlung der Miete in Verzug gerät. „Ich verstehe das nicht, dass man jemandem nicht kündigen kann, wenn er seinen Pflichten nicht nachkommt. Die Corona-Krise wird ja noch länger andauern und der Schuldenberg wächst“, sagt er.

Vermieter ist nicht verpflichtet, einen Mieter aus dem Vertrag zu entlassen

Der KURIER hat beim Berliner Mieterverein angefragt: Welche Chancen hat Chris S., seinen Mietvertrag zu beenden? „Haben zwei Mieter den Mietvertrag unterschrieben, haften beide gegenüber dem Vermieter für die Miete. Der Vermieter ist keinesfalls verpflichtet, einen Mieter aus dem Vertrag zu entlassen, da er dadurch ja einen Zahlungsschuldner verliert“, erklärt Wibke Werner, stellvertretende Geschäftsführerin des Berliner Mietervereins. Eine Kündigung könne wiederum nur durch beide Mieter gemeinsam erfolgen.

Verweigert einer der beiden Mieter die Mitwirkung an der Kündigung, bleibe dann für den anderen Vertragspartner nur, den anderen Mieter gerichtlich auf die Mitwirkung an einer Kündigung in Anspruch zu nehmen. „Konkret würde ich hier empfehlen, erst einmal auf einvernehmlichen Weg zu versuchen, sich mit dem Vermieter und der Freundin auf eine Entlassung aus dem Mietvertrag zu einigen“, so Werner weiter. 

Ob das Wohnungsunternehmen eine Möglichkeit sieht, seinem Vertragspartner zu helfen? „Wir bitten um Verständnis, dass wir keinerlei Auskünfte erteilen dürfen“, sagt Marko Rosteck, Sprecher der Deutschen Wohnen SE. Jede Information zu dem Fall würde zwangsläufig die Persönlichkeitsrechte der anderen Vertragspartnerin verletzen. Ein Anruf vom KURIER bei der Ex-Freundin von Chris S., wurde von ihr selbst beendet. Sie wolle sich dazu nicht öffentlich äußern. 

Chris S. ist mittlerweile mit den Nerven am Ende. „Ich hoffe, dass ich jemals aus diesem Mietvertrag wieder herauskomme. Ich kann doch nicht dabei zusehen, wie ich mich immer weiter unfreiwillig verschulde, weil meine Vertragspartnerin ihren Pflichten nicht nachkommt“, sagt der alleinerziehende Vater verzweifelt.