Die Ergotherapeutin Corinna Dietrich ist verzweifelt: Wegen der reduzierten Öffnungszeiten der Kita muss sie Termine absagen. Volkmar Otto

Die schon lang andauernde Corona-Krise stellt besonders Eltern mit kleinen Kindern vor Herausforderungen. Aufgrund des hohen Infektionsgeschehens ist der Betrieb der Berliner Kindertagesstätten in der vergangenen Woche erneut auf einen eingeschränkten Regelbetrieb heruntergefahren worden.

Die selbstständige Ergotherapeutin und alleinerziehende Mutter Corinna Dietrich (34) aus Zehlendorf erzählt im KURIER, wie allein gelassen sie sich vom Staat mit der Kinderbetreuung fühlt und allmählich um ihre Existenz fürchtet, weil sie wegen der erneut reduzierten Öffnungszeiten der Kita ihrer Tochter im Job nicht mehr flexibel sein kann.

„Ich wünsche mir, dass man auch mal mit den Eltern spricht“

„Ich wünsche mir, dass man nicht einfach etwas entscheidet, sondern auch mal mit den Eltern spricht“, sagt sie. Viele Mütter und Väter auch aus der Kita, die ihre Tochter Yade (4) besucht und in der sie auch Elternvertreterin ist, seien nach fast zwei Jahren Pandemie am Ende ihrer Kräfte und könnten nicht mehr Vollzeit arbeiten gehen, weil ihre Kinder nicht mehr ausreichend betreut würden. Wer kann sich diese finanziellen Einbußen dauerhaft leisten, fragt sich Corinna Dietrich, die zwei Ergotherapie-Praxen in Zehlendorf und Lichterfelde mit zwölf Angestellten betreibt.

Momentan hat der Kindergarten ihrer Tochter nur von 7.30 Uhr bis 15.30 Uhr geöffnet, normalerweise von 6.30 Uhr bis 17.30 Uhr. „Ich versuche Termine meiner Patienten aus dem Nachmittag vorzuziehen, aber muss auch viele Termine absagen, weil es Berufstätige oder Schüler sind, die nur später können. Die weichen dann natürlich auf andere, flexiblere Praxen aus“, erklärt sie.

Eltern können teilweise nicht mehr Vollzeit arbeiten

Doch sie ist nicht die einzige Mutter in Not, weiß Corinna Dietrich. Eine andere Mutter aus ihrer Kita könne als OP-Schwester momentan nur Teilzeit arbeiten, weil sie nicht mitten während der Operationen einfach gehen könne. Ein Elternteil, der in einer Fahrschule arbeitet, musste ebenfalls Stunden reduzieren. Die Eltern haben im eingeschränkten Regelbetrieb nun dreieinhalb Stunden Kinderbetreuung pro Tag weniger. „Das ist besonders für alleinerziehende Mütter oder Väter mit einem 40-Stunden-Arbeitsvertrag eine Katastrophe“, sagt die Elternvertreterin. Sie wolle keinesfalls ihre Kita anprangern. Schuld an dem Dilemma seien die Entscheidungsträger aus der Politik, die die Bedürfnisse der Eltern zu wenig mit einbezögen.

Landeselternausschuss Kindertagesstätten Berlin: Neue Einschränkungen unvermeidbar

Die neuen Einschränkungen sind aus Sicht des Landeselternausschusses Kindertagesstätten Berlin unvermeidbar und aufgrund des hohen Infektionsgeschehens „wäre ein Normalbetrieb nicht zu verantworten gewesen“, findet die stellvertretende Vorsitzende Anja Kettgen-Hahn. Sie betont: „Wir sehen es als Zwischenschritt, der nächste Schritt wäre gewesen, die Kitas ganz zuzumachen. Es ist gut, dass der Senat, anders als im vergangenen Jahr, die Kitas weiterhin geöffnet lässt.“ Dennoch sei die Situation für die Eltern natürlich extrem schwierig und belastend.

Sie rotiere den ganzen Tag, sagt Corinna Dietrich. Eine Mittagspause ist für die alleinerziehende Mutter nicht mehr möglich. „Davon mal abgesehen, kostet mich das rund 650 Euro am Tag, wenn die Betreuung wegbricht und ich Termine absagen muss. Bei Fixkosten von rund 40.000 Euro im Monat ist das eine Hausnummer“, erklärt sie.

Sie könne auch nicht nachvollziehen, wie sich die dreieinhalb Stunden Betreuung weniger am Tag auf das Infektionsgeschehen auswirken. „Die Kinder können sich doch in der Zeit davor trotzdem anstecken.“ Corinna Dietrich ärgert sich auch über den Informationsfluss und die Organisation. „Die Kita wird viel zu spät über die Beschlüsse des Senats informiert. Bis die Elternvertreter bzw. Eltern von neuen Regelungen erfahren, ist kaum noch Zeit, um sich entsprechend neu zu organisieren“, moniert sie. Die vom Berliner Senat seit Monaten versprochenen Lolly-Tests für die Kita seien noch immer nicht in allen Einrichtungen eingetroffen.

Senat: 1,8 Millionen Lollitests verfügbar, zwei Millionen in Beschaffung

Auf KURIER-Anfrage bei der Senatsverwaltung für Bildung gab es bezüglich der Lollytests allerdings ein positives Singnal: „Wie angekündigt sind die Jugendämter mit Lolli-Tests beliefert worden, sodass Stand heute 1,8 Millionen Tests bei den Jugendämtern angekommen sind. Die 1,8 Millionen Tests reichen für ungefähr vier Wochen. Die Kitas holen die Tests bereits seit der letzten Woche ab. Weitere Lieferungen werden erwartet. Insgesamt stellen wir in einem ersten Schritt fünf Millionen Tests zur Verfügung. Weitere zwei Millionen Tests sind in Beschaffung“, teilte Sprecher Ralph Kotsch mit.

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„Eine Rückmeldung von 118 Eltern bei unserer Elternvertreter-Umfrage unter 130 Kita-Familien hat ergeben, dass 58 Eltern einen Sieben-bis-neun-Stunden-Vertrag und 35 Eltern sogar einen Neun-bis-elf-Stunden-Vertrag haben und darauf angewiesen sind“, erklärt Corinna Dietrich. Sie fürchtet um ihre Existenz und die vieler anderer Mütter und Väter auch.