Nicolas van de Sandt von Easip und Tom Inden-Lohmar von Mampe im Gespräch.
Volkmar Otto

Das Glas ist wieder halbvoll. Mindestens. Nach Monaten des Verzichts treffen sich die Berliner wieder in Restaurants, Bars oder Parks, genießen ihren Feierabenddrink. Die Frage ist lediglich: Was kommt in diesem Sommer ins Glas? Alkohol? Oder doch eher alkoholfrei? Zwei Berliner Manufakturen, die in ihrer Produktausrichtung unterschiedlicher nicht sein könnten, diskutierten gemeinsam und klären über das aktuelle Trinkbewusstsein ihrer Kunden auf.

Die Manufaktur Mampe wurde 1831 gegründet, ist damit Berlins ältester Spirituosenhersteller. Tom Inden-Lohmar, 58, ist Geschäftsführer und konzentriert sich mit seinem Produktionsleiter Danny Krüger, 31, während der Pandemie weiterhin auf die eigenen Wurzeln: Bitterliköre, Gin und Schnaps.

Die gesellschaftliche Bewegung des „Mindful Drinking“ dagegen hat Alexander Meister, 32, Nicolas van de Sandt, 36, und Milan Esser, 31, inspiriert. Seit der Corona-Krise setzen die beiden ehemaligen BWL-Studenten und der Lebensmitteltechnologe mit ihrer Marke Easip auf alkoholfreie Destillate. Diese sollen nicht nur schmecken, sondern auch für ein bewussteres Trinkverhalten stehen, mit geringem oder gar keinem Alkoholanteil.

Herr Inden-Lohmar, viele jüngere Menschen entscheiden sich mittlerweile für einen bewussteren Lebensstil. Wie passt Alkohol da rein?

Inden-Lohmar: Grundsätzlich muss man sagen, dass der Alkoholmarkt seit Jahrzehnten stagniert. Der Pro-Kopf-Verbrauch sinkt, seitdem ich mich beruflich mit Alkohol beschäftige. Es finden in der Regel nur noch Verschiebungen innerhalb des Marktes statt, beispielweise wenn die eine Spirituose der anderen Spirituose Marktanteile abnimmt. Der Trend zu den alkoholfreien Destillaten ist, glaube ich, eine Generationenfrage. Ein Beispiel: Wenn wir vor 10 Jahren Promotion-Personal gesucht haben, kamen wir nicht auf die Idee, beim Vorstellungsgespräch zu fragen, ob es überhaupt Alkohol trinkt. Es war eher die Ausnahme, dass jemand keinen Alkohol getrunken hat. Heute sehen wir: Ein großer Prozentsatz der jüngeren Leute, die sich für Promotion bei uns bewerben, trinkt keinen oder ganz wenig Alkohol. Ich glaube, dass das alkoholfreie Bewusstsein eher in dieser Zielgruppe stattfindet als dass wir den 56-jährigen Weinliebhaber bekehren.

Herr Meister, an welchem Punkt steht die Gesellschaft in Sachen Alkohol aus Ihrer Sicht?

Meister: Wir beobachten ohne Frage die Entwicklung einer neuen Trinkkultur. In Berlin gibt es bereits die erste alkoholfreie Bar, immer mehr andere Bars setzen alkoholfreie Drinks auf ihre Karte. Das alkoholische Trinken wird aber nicht komplett ersetzt werden durch alkoholfreie Drinks. Es wird zwar immer Leute geben, die sagen, wir wollen den Alkohol im Getränk haben, aber auch zunehmend solche, die auf Alkohol, aber nicht auf einen guten Drink verzichten wollen. Unsere Trinkkultur wird vielfältiger und alkoholfreie Destillate sind dabei, einen festen Platz zu finden.

Die besten Abende hat man in der Wahrnehmung doch meist, wenn man leicht alkoholisiert ist. Funktionieren solche Abende ohne Alkohol?

Meister: Nach unserer Auffassung: ja. Wir verteufeln Alkohol nicht. Das ist immer eine persönliche Entscheidung. Es sollte sich einbürgern, dass man sagen kann: Ich habe meinen Spaß, egal ob ich Alkohol trinke oder nicht. Viel wichtiger ist doch, dass man sich einen guten Drink mixen kann, der dem alkoholhaltigen in nichts nachsteht.

Inden-Lohmar: Wir haben mit der Humboldt-Universität eine Untersuchung zu alkoholfreien Destillaten gemacht, um herauszufinden, ob und wie sich diese überhaupt qualitativ hochwertig produzieren lassen. Denn uns stellte sich die Frage, wie man den Geschmack in ein solches Produkt bekommt. Alkohol ist ja nicht nur der Faktor, der den Abend lustig macht, sondern auch ein wichtiger Geschmacksträger.

Wie bekommt man das gut hin?

Esser: Es ist ähnlich wie bei alkoholfreiem Bier. Die Schwierigkeit ist, ohne Alkohol ein intensives und komplexes Getränk herzustellen. Bei alkoholfreien Destillaten hat man verschiedene Verfahren, die man je nach Kraut, Gewürz oder Pflanzenbestandsteil an den Prozess anpassen muss. Thymian hat andere Eigenschaften als Zitrone oder Gurke. Wir arbeiten mit verschiedenen Prozessparametern und stimmen sie auf das jeweilige Destillat ab.

Inden-Lohmar: Wir Spirituosenhersteller haben den Vorteil, dass wir mit Alkohol als Geschmacksträger alle Botanicals und Ingredienzien verwenden können, die Geschmack abgeben. Bei Easip ist die Problematik, dass man schauen muss, dass der Geschmack nicht verloren geht. Wir müssen eher gucken, dass wir nicht überdrehen.

Milan Esser, Alexander Meister, Nicolas van de Sandt von Easip und Tom Inden-Lohmar und Danny Krüger von Mampe.
Volkmar Otto

Warum muss ein alkoholfreies Destillat über 20 Euro kosten, wenn doch gar kein Alkohol enthalten ist?

Meister: Der Produktionsprozess ist aufwendig. Wir gehen nicht den einfachen Weg und nehmen günstiges Wacholderaroma, packen ein bisschen Zucker dazu und schon schmeckt es wie ein Gin. Wir wollen dieses Destillationshandwerk leben und die Produkte ähnlich zu denen mit Alkohol herstellen, damit man ein Premiumprodukt hat, das einem bestimmten Anspruch entspricht. Unsere Kunden legen Wert darauf, dass es nicht gesüßt ist und keine künstlichen Aromastoffe enthalten sind. Das bedeutet eben Arbeit.

Inden-Lohmar: Vor sieben, acht Jahren hätte es dafür überhaupt keine Marktberechtigung gegeben, weil die Spirituosen nicht mehr als 13, 14 Euro kosten durften – abgesehen von einem Rum oder Whiskey auf Premiumbasis vielleicht. Damals war die Benchmark: Es soll möglichst wenig nach Alkohol schmecken und es darf nicht viel kosten. Daher hat man versucht, den Alkoholgeschmack zu minimieren, aber die Wirkung möglichst zu erhalten. Heute muss es am besten richtig nach Alkohol schmecken oder gar nicht.

Welche Drinks lassen sich am besten aus alkoholfreien Destillaten machen?

Meister: Als einfachen Signature-Drink kann man ganz klassisch unseren Fields mit Tonic als Fields & Tonic mixen. Mit Ingwer und Limette funktioniert er auch super als Moscow Mule. Man kann den Fields auch mit alkoholfreiem Rotwein und San Bitter mixen, dann hat man einen eigenen Drink, der sich zwischen einem Negroni und dem reinen Geschmack von einem Wermut einpendelt. Unser Woods schmeckt malzig und eichenholzig und eignet sich gut für eine alkoholfreie Alternative eines Whiskey Sour.

Herr Inden-Lohmar, kann ein Drink mit einem alkoholfreien Destillat so gut schmecken wie ein alkoholischer Drink?

Inden-Lohmar: Ich glaube, dass auch ohne Alkohol geschmacklich ein guter und wertiger Drink hinzukriegen ist. Aber wenn ich mich an meine legendären Abende erinnere, gibt es nicht so viele, wo gar kein Alkohol im Spiel war. Deshalb würde es mir keinen Spaß machen.