Alexander Smoljanovic aus Wanzleben mit einem Teil seiner Sammlung.
Markus Wächter

Irgendwo in Berlin muss es ein Exemplar geben. Ein einziges zumindest, da ist sich Alexander Smoljanovic sicher. Er ist Sammler. Und er weiß, wie wichtig es ist, nicht aufzugeben. Allerdings ist es recht unwahrscheinlich, dass das Objekt seiner Begierde noch irgendwo herumsteht.

Es handelt sich um einen Alltagsgegenstand – mehr als 50 Jahre alt und so überaus gewöhnlich, dass kaum jemand darauf achtet, wie er aussieht. Es geht um eine Mülltonne. Smoljanovic ist auf der Jagd nach einem Exemplar, von dem selbst die meisten Fachleute nicht wissen, dass es existiert.

Diese Tonne zu finden, wäre die Erfüllung seines Lebenstraums. Smoljanovic lebt in Wanzleben bei Magdeburg. Er ist 22 Jahre alt und bereits seit 15 Jahren Sammler. „Die Tonne wäre die Krönung meiner Sammlung“, sagt er. Smoljanovic, großgewachsen, grünes Shirt, kurze Hose, sieht aus wie ein Hobbysportler und spricht ernsthaft wie ein Historiker. „Ich sammele ausschließlich Mülltonnen aus Plastik. Die wurden in Deutschland erfunden, und wenn ich die älteste deutsche Tonne besitze, ist es auch die älteste der Welt.“

Jede Tonne hat eine eigene Geschichte

Smoljanovic schließt seine Garage auf. Dort steht ein Teil seiner Sammlung. Fein säuberlich in Reih und Glied und auch ineinander und übereinander gestapelt: ein paar Dutzend Mülltonnen. Die meisten in klassischem Grau, aber auch Exemplare in Blau, Grün und Braun sowie in Lila, Orange und Leuchtgelb.

Zu jeder Tonne kennt Smoljanovic, der Bürokaufmann, eine Geschichte, und er erzählt diese Geschichten so, als präsentierte er höchst seltene Münzen, von denen alle bereits wissen, wie wertvoll sie sind. Er erklärt, warum die eine Tonne außen so groß ist wie eine übliche 80-Liter-Tonne, innen aber nur 40 Liter Fassungsvermögen hat. Oder er erzählt, wie es ihm gelang, sich den riesigen 1700-Liter-Müllcontainer aus den USA zu besorgen. Smoljanovic sammelt aus Leidenschaft. Wenn er über Tonnen spricht, dann lächelt er.

Die einen sammeln Geld, die anderen Briefmarken oder Abenteuer

Irgendwie sammeln doch fast alle Menschen irgendetwas – Geld, Briefmarken, Abenteuer. Fachleute sehen das Sammeln als eine wichtige Form, um mit den drei großen menschlichen Leiden klarzukommen: mit Krankheit, Alter und Tod. Wer sammelt, so heißt es, kämpft gegen die eigene Vergänglichkeit und will etwas weitergeben.

Leidenschaftliche Sammler sind eine besondere Spezies. Die einen werden bewundert und auch beneidet. Das sind jene, die für Millionen ein Gemälde von Picasso ersteigern oder eine Blaue Mauritius oder einen Oldtimer. Andere werden eher belächelt, weil sie Zollstöcke sammeln oder Gartenzwerge. Oder Mülltonnen.

Smoljanovic ist erst 22 Jahre alt, aber bereits seit 15 Jahren ein leidenschaftlicher Sammler.
Markus Wächter

„Diese Sicht ist unfair“, sagt der Psychologe Albrecht Schnabel später am Telefon. Die entscheidende Frage sei immer, welches Motiv die Sammler antreibt. Zwar leben sich auch viele wohlhabende Leute beim Sammeln aus. Oft jedoch schafften sie sich bestimmte Dinge vor allem deshalb an, weil diese teuer sind – Uhren, Schmuck, Autos, Häuser. Es geht um Wertanlagen, um Geld.

„Das sind externe Anreize“, sagt Schnabel. Oft gehe es dabei um Eitelkeit, um den Dominanztrieb des Menschen, um das Zurschaustellen wertvoller Dinge. „Die Gegenstände können als Machtdemonstration dienen.“

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Schnabel arbeitet nach langen Jahren in der Forschung nun im Kolping-Bildungswerk München. Er ist spezialisiert auf praktische Psychologie – dazu gehört auch das Forschungsgebiet Sammeln. Er sagt, dass die Sammler von scheinbar profanen Dingen andere Motive hätten. „Wer Mülltonnen sucht, macht das nicht, um mit ihnen als Statussymbol anzugeben, sondern aus einem inneren Antrieb heraus“, sagt Schnabel. Es gehe um Neugier, um Wissensdurst, um die Suche nach dem fehlenden Mosaikstein. „Eine zentrale Rolle spielt dabei der Spaß“, sagt Schnabel. „Solche Leute können aus sich selbst heraus sehr glücklich sein.“

Kein alltägliches Hobby

Smoljanovic erzählt, dass er als Kind nichts gesammelt habe, keine Überraschungseier, Kuscheltiere oder Comics. Auch seine Eltern sind keine Sammler. Bei einem Umzug schenkte jemand dem Siebenjährigen vier Miniatur-Tonnen, die Firmen als Werbegeschenk verteilten und die als Box für Stifte dienten. „Die Tonnen hatten unterschiedliche Farben“, sagt er. Er habe damals begriffen, dass nicht alle gleich aussehen. Und wollte mehr von ihnen: erst kleine Tonnen, dann große.

Er weiß, dass es kein alltägliches Hobby ist, das er da pflegt. Er kennt in Deutschland noch fünf Sammler sowie zehn in England, Australien und den USA. „Es gibt Schlimmeres, was junge Menschen tun können“, sagt er. „Saufen, rauchen, Drogen nehmen. Ich sammele halt Mülltonnen.“

Stolz rollt er das nächste Exemplar aus der Garage. Auf dem Deckel steht: Wanzleben und 1991. Es ist eine Tonne der ersten Serie aus Kunststoff, die nach dem Ende der DDR in seinem Heimatort aufgestellt wurde. „Mit dem Sammeln wuchs mein historisches Interesse“, sagt Smoljanovic.

Die Geschichte der Menschheit

Die Geschichte der Menschheit ist nicht nur eine Geschichte von Kriegen, königlichen Hochzeiten, Revolutionen, Naturkatastrophen oder großen Erfindungen. Die Geschichte der Menschheit lässt sich auch über ihre Alltagsgegenstände erzählen: Werkzeuge, Autos, Telefone, Mülltonnen.

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Oder wie Smoljanovic es sagt: „Es gibt 81 Millionen Deutsche, alle sind anders, haben eine andere Familiengeschichte, viele haben eine andere Herkunft oder Hautfarbe. Es eint sie aber, dass sie Mülltonnen haben.“ Wer in einem Einfamilienhaus lebe, habe sogar meist vier davon. „Es gibt sicher mehr Mülltonnen in Deutschland als Autos.“

Für die Garage zahlt er pro Monat 30 Euro und sagt: In Hongkong kostet ein Autostellplatz eine halbe Million Euro.
Markus Wächter

Dann will er noch kurz einen historischen Aspekt erklären und lockt wieder hinein in seine Garage. „Schauen Sie mal auf die Markennamen auf diesen Tonnen aus aller Welt.“ Die lauten: Otto, Sulo, Weber, Schaefer. „Alles deutsche Hersteller. In der Abfallentsorgung ist es so, wie es lange auch in der Autobranche war: Der Weltmarkt wird von Firmen mit deutschem Ursprung dominiert.“ Dann erzählt er die Geschichte der Familie Otto – sieben Brüder, die aus dem Ursprungsunternehmen sieben Firmen machten und so die Welt des Abfalls unter sich aufteilten.

Sammeln ist ein Urmotiv des Menschen

Der Psychologe Schnabel finden dieses detektivische Sammeln interessant. „Der Mann ist erst 22 Jahre alt und sammelt seit 15 Jahren und auch mit fast wissenschaftlichem Anspruch. Das ist bemerkenswert erwachsen.“ Sammeln sei nicht nur ein verrückter Spleen der Überflussgesellschaft. „Sammeln ist ein Urmotiv des Menschen – Stichwort Jäger und Sammler.“ In der Frühzeit diente es dem Überleben. „Auch heute ist es ein zentrales Motiv unseres Handelns.“ Denn alle Menschen sammeln zumindest Erfahrungen. Sie sind die Basis des Lernens fürs Leben, um zum Beispiel Gut und Böse zu unterscheiden. Und Wissenschaft ist schließlich vor allem das Sammeln von Fakten. Nur unkontrolliertes Sammeln kann zum Problem werden, dann nämlich, wenn Messies irgendwann in vermüllten Wohnungen sitzen.

„Mein Lieblingsstück“

Diese Gefahr besteht bei Smoljanovic nicht. Er sammelt nicht wahllos. Er sucht nur nach Tonnen aus Plastik, die eckig sind und nicht mehr hergestellt werden. Und er will immer nur ein Exemplar. Er hat etwa 300 Miniatur-Tonnen und 90 große. Er sucht im Internet nach historischen Fotos, durchforstet Fachzeitschriften, hat weltweiten Kontakt zu Firmen. Und er schreibt an Zeitungen in den Regionen, in denen er noch eine fehlende Tonne vermutet. So wie in Berlin.

Nun rollt er die nächste Tonne aus der Garage, ein unscheinbares graues Ding, das jeder Laie übersehen würde. „Ein ganz besonderes Teil. Mein Lieblingsstück, weil es das älteste ist.“ Er erklärt, dass jede Tonne eine Prägung mit dem Produktionsjahr hat. Hier: Januar 1972. Er hat recherchiert und weiß, dass seine Sammlung 100 Tonnen umfassen wird. 90 besitzt er bereits. Und was wird daraus? „Wenn ich mal alt bin, würde ich die Raritäten dem Deutschen Kunststoff-Museum in Oberhausen anbieten.“

Smoljanovic sucht nach genau der Tonne, die die Frau im Vordergrund zieht. Alba Group

Was zeigt, dass Smoljanovic kein egoistischer Sammler ist, sondern auch an die Gemeinschaft denkt. „Dieses Denken spricht eher für ein ausgeglichenes Leben“, sagt Schnabel. Er erklärt, dass die Psychologie zwei Grundmotive des Menschen kennt. Zum einen das eher kindlich geprägte Handeln. Das ist stark auf die Gegenwart gerichtet, auf das Hier und Jetzt. Es ist spielerisch und sucht die Begegnung mit anderen. Dann gibt es das eher erwachsene Handeln. Das richtet sich auf die Zukunft. Es ist nicht spielerisch. Es geht um Kontrolle, Ernsthaftigkeit, Sicherheit und den Kauf von Dingen. „Es gibt nicht viele menschliche Tätigkeiten, die beide Grundmotive der Menschen verbinden“, sagt Schnabel. „Aber das Sammeln ist die Schnittmenge beider Motive.“

Beim Mülltonnen-Mann zeige sich, dass beides möglich ist: spielerisch und abgedreht zu sein sowie ernsthaft und kontrolliert. „Der Witz ist: Um glücklich zu sein, sollte die erwachsene und ernsthafte Seite nicht zu ausgeprägt sein“, sagt Schnabel. Dies führe oft dazu, dass Erwachsene verbissen rackern und damit nicht glücklich sind, sondern einsam.

Die Jagd nach der „Urform“ aller Tonnen

Smoljanovic fehlt zu seinem Glück vor allem diese eine Tonne. Die älteste. Lange dachte man selbst in der Fachwelt, eckige Plastiktonnen wären erst ab 1972 in Serie gegangen. Davon besitzt Smoljanovic bereits eine: sein Lieblingsstück. „Doch dann fand ich Fotos mit einem älteren Modell vom Hersteller Edelhoff.“ Er nennt diese Tonne: die Urform. „Die Geschichte der Mülltonne muss umgeschrieben werden“, sagt er.

Zunächst hat er nach dieser Ur-Tonne im Westen Deutschlands gesucht, vergeblich. „Dann sah ich in einem Fachmagazin ein historisches Foto. Nun führt eine Spur nach Berlin.“ Er zeigt das Foto auf dem Handy: im Hintergrund das Olympiastadion, davor ein Lastwagen, der einen riesigen Alba-Müllcontainer ablädt, davor eine Frau, die eine Mülltonne zieht. „Die Urform“, sagt er.

Sind akribische Sammler nicht doch ein wenig verrückt?

Wenn Smoljanovic über all die Details spricht, die er herausgefunden hat, dann tut er das mit heiterem Stolz. Sind akribische Sammler wie er vielleicht doch ein wenig verrückt? Der Psychologe Schnabel sagt: „Ich würde es anders nennen. Solche Menschen haben den Mut, sie selbst zu sein. Es geht ihnen nicht um den erwachsenen Blick nach außen, sie suchen nicht die Benotung der anderen. Ihnen geht es nicht um die Frage: Ist das, was ich mache, cool?“ Sie haben einfach etwas für sich gefunden, was sie glücklich macht.

Die gesuchte Urform der Firma Edelhoff ist oben zu sehen. Foto: Smoljanovic

Smoljanovic spricht jetzt über eckige Tonnen, über das Modell, das ab 1972 in Serie ging, und über die Urform. Beide Varianten bestehen aus dem großen Hohlkörper und dem Deckel. Bei beiden Tonnen sind die Deckel identisch, aber nicht die Oberkanten der Hohlkörper. Bei der gesuchten Urform ist die Kante an den Ecken so abgerundet wie der Deckel. Bei der neueren Tonne sind die Ecken des oberen Tonnenrands rechtwinklig. „Die Urform wurde 1968 bis 1971 hergestellt“, sagt Smoljanovic. „Wahnsinn, es dürfte sie gar nicht geben. Nun hoffe ich, dass ein Berliner eine solche Tonne hat und sich bei mir meldet.“

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Das mag abgedreht klingen. Schnabel, der Psychologe, sagt: „Es gibt eine schöne grundsätzliche Frage: Was würden Sie machen, wenn Sie eine Million im Lotto gewinnen? Würden Sie weiter erwachsen und ernsthaft arbeiten gehen oder kindlich befreit und spielerisch Ihrer wahren Leidenschaft nachgehen? Und zum Beispiel nach dieser einen Mülltonne suchen?“

Wer helfen kann, erreicht Alexander Smoljanovic per Mail unter: wbs.deutschland@gmail.com