Viele Berliner erobern im Winterwetter die Schlittenhügel der Stadt. Foto: dpa/Christoph Soeder

Der Winter lässt nicht nach – schon am letzten Wochenende zog der plötzliche Schnee-Segen viele Berliner auf die Rodel-Hügel der Stadt. Die wilden Schlittenfahrten sorgten allerdings auch für einer eher unschöne Bilanz: Allein am vergangenen Sonntag verletzten sich elf Berliner beim Rodeln im Stadtgebiet, hieß es von der Feuerwehr. Alle seien in Krankenhäuser gekommen, ernsthafte Folgen gab es glücklicherweise nicht. Dennoch fragen sich viele Berliner, die seit Jahren nicht den Schlitten aus dem Keller holen konnten: Wie geht Rodeln richtig und unfallfrei? Wir haben einen gefragt, der es wissen muss: Alexander Resch (41) war bis 2010 Rennrodler, holte bei den Olympischen Spielen 2002 Gold im Doppelsitzer. Heute lebt er in Berchtesgaden, arbeitet für den deutschen Bob- und Schlittenverband – und kennt den Schnee besser als wir Berliner.

Herr Resch, gehen Sie als Olympiasieger eigentlich noch privat rodeln – oder ist Ihnen das zu banal?

Ich komme aus den Bergen und bin dort groß geworden. Natürlich gehe ich noch rodeln, aber heute steht nicht mehr der Sport, sondern eher der familiäre Aspekt im Vordergrund. Ich habe einen fünf Jahre alten Sohn, gemeinsam haben wir viel Spaß im Schnee. Allerdings ist bei ihm nicht der Schlitten, sondern der klassische Arschrutscher das Lieblingsutensil. Das ist eine Plastikscheibe mit einem Griff, auf die man sich setzt. Ich unterstelle ihm mal, dass er das Teil besonders mag, weil es am leichtesten zu tragen ist.

Die Berliner haben ihre Schlitten nun zum ersten Mal seit Jahren aus dem Keller geholt. Ist es ratsam, damit direkt auf die Piste zu gehen?

Man sollte vorher auf jeden Fall die Funktionsfähigkeit prüfen. Wenn Holz trocken gelagert wird, zieht es sich zusammen und wenn es nass wird, dehnt es sich aus. Man muss sich also anschauen, ob alles noch fest ist. Wackeln die Schienen? Stehen Schrauben hervor oder sind Nägel und Ösen locker? Wenn der Schlitten nach der letzten Benutzung noch nass weggestellt wurde, kann es außerdem sein, dass die Schienen verrostet sind. Dann sollte man sie mit Sandpapier abschleifen.

Alexander Resch arbeitet heute für den Bob- und Schlittenverband. Foto: privat

Sollte man die Schienen nicht auch mit Wachs bearbeiten?

Das muss nicht zwingend sein. Es ist auch nicht nötig, eine erfolgreiche Rodelfahrt steht und fällt eher mit dem richtigen Untergrund. Außerdem muss man natürlich auch aufpassen, dass man nicht zu schnell wird. Wer eine abschüssige Strecke herunterfährt, läuft außerdem auch Gefahr, die Kontrolle zu verlieren. Und es tut ziemlich weh, wenn man mit 30 Kilometern pro Stunde gegen einen Baum, einen Strommasten oder ein Trafohaus fährt.

Was empfehlen Sie Neulingen?

Generell rate ich dazu, sich eher keinen normalen Holzschlitten anzuschaffen. In Regionen, wo eine Schneedecke wie jetzt und Bodenfrost selten sind, ist es besser, einen Schlitten mit einer geschlossenen Grundfläche zu haben. Bei diesen Geräten wird die Schneedecke gleichmäßig belastet und nicht von den Schienen durchbrochen. Auch ein Zipfelbob ist sehr empfehlenswert, damit kann man gut fahren, steuern und lenken. Unter uns gesagt: Das ist ein Mordsteil, das richtig fetzt.

Im Fernsehen war ein Berliner zu sehen, der in der Kuchenform seiner Oma rodelte.

Wenn die Oma einen guten Kuchen macht, würde ich davon abraten. (lacht) Aber auch aus Verletzungsgründen ist das natürlich nicht zu empfehlen. Generell rate ich allen, die die Zeit zum Rodeln nutzen wollen, sich bei einem Sport-Fachhändler zu informieren. Die Fachleute können beraten, welche Schlitten für welche Bodenverhältnisse und welchen Zweck am besten sind.

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Ich habe also einen Schlitten. Nun geht es auf die Piste?

Nein, noch nicht. Mit das wichtigste am Rodeln ist die korrekte Kleidung, viele Gelegenheits-Fahrer vergessen das. Man muss sich warm anziehen, sollte nicht in Turnschuhen und Jeans auf die Bahn. Denn mit nassen Schuhen, einem nassen Hintern und nassen Klamotten macht es keinen Spaß. Auch die Handschuhe sollten passen, denn kalte Finger verderben einem auch schnell die Lust. Bei der Auswahl der Jacke sollte man sich fragen, wie steil und lang der Weg zum Startpunkt sein wird. Denn wenn man dort schwitzt und der Fahrtwind später kühlt, entstehen leicht Erkältungen.

Alexander Resch im Jahr 2008. Damals war er noch aktiver Rennrodler. Foto: Imago/Schiffner

Die Fahrt geht los – was nun?

In jedem Fall darf die Strecke keine Hindernisse haben. Kein Rodler sollte zu nah an Bäumen vorbeifahren müssen. Bei Schlittenbergen, wie es sie sicherlich in Berlin gibt, muss jeder prüfen, dass er anderen nicht zu nah kommt. Denn so überschaubar eine Piste auch zu sein scheint: Man verliert leicht die Kontrolle. Und auch Zusammenstöße können zu schweren Verletzungen führen.

In Berlin gab es allein am letzten Wochenende elf Rodel-Verletzte. Wie erklären Sie sich das?

Zu Unfällen beim Rodeln kann es aus meiner Sicht etwa dadurch kommen, dass sich die Leute überschätzen. Vor allem dann, wenn sie so lange Rodel-Pause hatten, vergessen sie, wie schnell man werden kann. Wenn man plötzlich an Tempo zulegt, ist man so mit sich beschäftigt, dass man keine Rücksicht mehr auf andere nehmen kann. Und dann kommt es natürlich schnell mal zu einem Zusammenstoß, gerade auf vollen Schlittenbergen.

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Wie kann ich Verletzungen vorbeugen?

Wenn man plant, schneller zu fahren, sollte man in jedem Fall über einen Helm nachdenken. Wenn ich mit meinem Sohn schnellere Strecken fahren will, haben wir auch Helm und eine Skibrille auf. Aber am wichtigsten ist es, Rücksicht auf andere zu nehmen. Immer schauen, was die anderen machen, immer abwägen: Komme ich vorbei? Kann mir einer in die Quere kommen? Im Straßenverkehr machen schließlich auch andere Leute Fehler.

Haben Sie sich im Laufe ihrer Sportkarriere mal verletzt?

Das gehört dazu, zum Glück war es nie etwas Ernstes. Aber natürlich kommt es mal zu Stürzen, dann gibt es mal Prellungen oder Schürf- und Brandwunden. Nur einmal hatte ich nach einem Sturz eine Gehirnerschütterung mit kurzer Bewusstlosigkeit. Aber sonst bin ich heil durchgekommen.

Ich habe mir beim Schlittenfahren als Kind mal mehrere Zähne ausgeschlagen.

Auch beim privaten Rodeln muss man eben aufpassen. Wenn man eine Piste runterfährt oder über eine vereiste Fläche brettert. Dann fällt man auch mal runter und fängt sich einen blauen Fleck – aber blaue Flecken gehören ja auch irgendwie zum Wintersport.