Die Polin Aleksandra Sabo schneidet jetzt in Deutschland die Haare. dpa/Pleul

Die Inflation, steigende Preise: All das sorgt auch für einen erhöhten Grenzverkehr. Viele Berliner und Brandenburger fahren zum Einkaufen nach Polen, weil dort nicht nur der Sprit billiger ist. Aber immer mehr Polen fahren zum Arbeiten in die andere Richtung,  über die Oder nach Deutschland, weil in der Heimat nicht mehr genug zu verdienen ist.  Auch die Friseurin Aleksandra Sabo hat rübergemacht. Die Polin ist längst nicht mehr die einzige, die auf deutscher Seite neu anfängt. Doch da gibt es auch viele Hürden.

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Flink greift Aleksandra Sabo ins nasse Haar ihres Kunden, setzt die Schere an und kürzt den Schopf des Mannes. Dabei hat die zierliche junge Frau mit den langen braunen Haaren ihre Augen scheinbar überall in ihrem neuen Friseursalon im Stadtzentrum von Frankfurt (Oder). Schnell raunt sie einer ihrer zwei Mitarbeiterinnen an der Rezeption auf Polnisch etwas zu, die daraufhin den Neuankömmling in dem 70-Quadratmeter-Reich aus glänzendem Marmordekor und goldenen Verzierungen auf Deutsch willkommen heißt.

Friseurin Aleksandra Sabo: „Ich habe bereits 20 neue Kunden gewonnen.“

„Ich bin zufrieden, habe, seit wir hier Ende vergangenen Jahres eröffneten, bereits 20 neue Kunden gewonnen“, meint Sabo lächelnd auf Deutsch. Das klingt zwar noch etwas holperig, manche Sätze muss der Besucher im Gespräch mit ihr langsam wiederholen, bevor sie versteht. Doch die 31-Jährige ist ehrgeizig. Sie hat einen zusätzlichen Deutschkurs an einem Bildungsinstitut in Frankfurt (Oder) belegt. Denn sie weiß – die Kommunikation ist neben der Qualifikation das wichtigste im Umgang mit den Kunden.

Das sieht auch die Frankfurter Friseurmeisterin Mandy Seidler so, die rund 100 Stammkunden hat. „Die fachliche Beratung zu Farbe, Länge, Strähnen ist das A und O. Für viele Kunden sind die Haare heilig“, sagt sie und bezweifelt, dass die polnische Konkurrenz da punkten kann - angesichts unzureichender Sprachkenntnisse.

Das AS an der Wand steht für Aleksandra Sabo. dpa/Pleul

Sabo bleibt optimistisch. Schließlich hat sie nicht nur deutsche, sondern auch polnische Stammkunden, die zu ihr in den neuen Laden kommen. Wenn die Mutter zweier kleiner Kinder zu Schere, Kamm oder Fön greift, ist sie in ihrem Element. „Ich stand schon mit 15 Jahren im Friseurgeschäft meiner Tante in Słubice und wusste – das will ich beruflich machen“, erinnert sie sich lächelnd.

Auf Wunsch ihrer Eltern hatte sie trotzdem studiert. Insgesamt drei Friseurläden baute sich Sabo in der polnischen Grenzstadt Słubice auf, einen davon direkt am kleinen Grenzmarkt, der von vielen deutschen Schnäppchenjägern besucht wird. Doch dann kam die Corona-Pandemie, die Grenzen zwischen Polen und Deutschland waren wochenlang geschlossen, die deutschen Kunden konnten nicht zu ihr kommen. Mit mehr als 100 Friseurläden ist die Konkurrenz in Słubice zudem recht hoch.

Hohe polnische Inflation ließ Strom- und Gaspreise explodieren

Ein weiteres Problem ist die hohe polnische Inflation, die seit Anfang dieses Jahres die Preise für Strom- und Gaspreise exorbitant erhöht. „Zahlreiche kleine Läden – egal welcher Branche - müssen schließen, weil sie die Kosten nicht mehr erwirtschaften“, erzählt Aneta Sienkiewicz, Nachbarin und Freundin von Sabo. „Ich habe sie gedrängt, nach Frankfurt zu wechseln und ich bin stolz auf sie, denn Aleksandra hat den Mut und das Talent, sich durchzusetzen“, meint die junge Polin, die in Frankfurt (Oder) bei einer Logistikfirma arbeitet. „Als Unternehmer hast Du es in Polen jetzt schwer. Deswegen suchen sich viele eine Arbeit in Deutschland“, beschreibt Sienkiewicz die Lage.

Vor zwei Jahren, bestätigt die 31-Jährige Friseurin Sabo, sei bei ihr die Idee entstanden, nach Deutschland zu wechseln, in die weitaus größere Kommune am westlichen Oderufer. „Wir leben hier ja in einer deutsch-polnischen Doppelstadt. Also dürfte das ja nicht so schwierig sein“, dachte sie damals. Doch der deutsche Behördendschungel war nicht so einfach zu bewältigen. Allein die Gewerbeanmeldung dauerte Monate, die Zulassungsvoraussetzungen waren nicht leicht zu erfüllen.

Sabo belegte einen Kurs zur Firmengründung, bekam zudem Hilfe bei der Frankfurter Handwerkskammer. „Knackpunkt ist die berufliche Qualifikation. Um in Deutschland einen Salon zu eröffnen, braucht derjenige einen Meisterbrief. So etwas aber gibt es in Polen nicht“, erläutert Handwerkskammer-Sprecher Michael Thieme.

Die 31-jährige Friseurin wollte weg vom Billiggeschäft mit deutschen Schnäppchenjägern

Ausnahmebewilligungen könnten bei EU-Ausländern erteilt werden, die mindestens sechs Jahre Berufserfahrung innerhalb der letzten zehn Jahre als Geschäftsinhaber oder in einer Leitungsfunktion nachweisen können. Das sei bei Szabo der Fall gewesen, ergänzt Jakub Plonski, Berater bei der Handwerkskammer. „Sie arbeitet jetzt in Deutschland nach deutschen Vorschriften, auch was Arbeitsschutz und Mindestlohnzahlungen betrifft“, macht Plonski deutlich.

Die 31-Jährige Friseurin will weg wollte vom „Billig-Geschäft“ mit deutschen Schnäppchenjägern. Ihre Preise unterscheiden sich kaum im Vergleich zu deutschen Friseuren in der Oderstadt. „Ich habe eine ziemlich hochwertige Bio-Kosmetik, mit der ich arbeite und die ich auch an meine Kunden verkaufe. Zudem will ich mich jetzt auf Haarverlängerungen spezialisieren.“

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Missgunst deutscher Konkurrenz habe sie bisher nicht zu spüren bekommen, erzählt Sabo, die die dritte polnische Friseurin mit eigenem Salon in Frankfurt (Oder) ist. Von einem Trend will Kerstin Rehfeldt, Geschäftsführerin der Friseurinnung Barnim-Oderland, bisher aber nicht sprechen. Sie habe bisher nicht beobachtet, dass mehr polnische Haarmacher sich westlich der Oder niederließen. Sorgen bereiteten den Friseuren viel mehr die wie Pilze aus dem Boden schießenden „Barber-Shops“, die immer mehr zur Billigkonkurrenz würden. „Die Mitarbeiter dort dürfen eigentlich nur Bärte stutzen – aber wer kontrolliert das tatsächlich?“, fragt Rehfeldt.