Die beiden Mitarbeiter aus den Impfzentren wollen anonym bleiben und haben sich deshalb unkenntlich fotografieren lassen. Ihre Identität ist dem Berliner KURIER bekannt.
Foto: Gerd Engelsmann

Es herrscht Unmut in den Berliner Impfzentren: Grund sind offenbar Probleme bei der Honorierung und bei Vertragsangelegenheiten von Mitarbeitern. Zwei pharmazeutisch-technische-Assistenten (PTA) haben sich wegen ihres Ärgers an den KURIER gewandt. Die Arbeitskräfte, die seit Dezember im Einsatz sind, beklagen, bislang weder einen gültigen Honorarvertrag noch Geld für ihre Dienste bekommen zu haben. Der Apothekerkammer Berlin ist das Problem bereits bekannt. 

„Ich weiß nicht, wie ich meine Miete zahlen soll. Das wird jetzt wirklich kritisch“, sagt die 31-jährige Jennifer Schneider (Name von der Redaktion geändert). Sie möchte anonym bleiben, aus Angst, ihren Job zu verlieren. Seit 28. Dezember ist sie in einem mobilen Impfteam beschäftigt und soll rund 30 Stunden pro Woche eingesetzt werden.

Ihr Kunde ist die Berliner Senatsverwaltung, für die sie freiberuflich tätig ist. Von den 40 Euro, die Jennifer Schneider pro Stunde erhält, muss sie laut ihrem Honorarvertrag Sozialversicherungsbeiträge und Steuern selbst abführen und sich auch selbst bei der Krankenkasse versichern. Doch hinzu kommt, dass bislang nur ein Vertragspartner, nämlich lediglich die Beschäftigte selbst, auf dem Vertrag unterschrieben hat. „Eigentlich wurde mir zugesagt, dass ich die Unterlagen an meinem ersten Arbeitstag bekommen soll“, sagt Jennifer Schneider.

Foto: Gerd Engelsmann
Die beiden pharmazeutisch-technischen Assistenten arbeiten im Impfzentrum im ehemaligen Flughafengebäude in Tegel.

Doch bislang hat die junge Frau weder Honorar für die Monate Dezember und Januar erhalten noch ihren Vertrag unterschrieben zurückerhalten. Was sie besonders daran ärgere, sei die „mangelnde Kommunikation“,  betont sie. „Ich habe schon einige Male bei der Senatsverwaltung und bei der Zeitarbeitsfirma, die uns für die Dienste einteilt, nachgefragt, aber bekomme immer nur das Gleiche zu hören: Ich soll mich in Geduld üben.“

Sie frage sich, wie sie das ihrem Vermieter erklären soll, dem sie die monatliche Miete für ihre Zweizimmerwohnung zahlen müsse, und ihrem Stromanbieter. Besonders tragisch: Jennifer Schneider war zuvor selbständig in einer Branche, die durch die Pandemie existenziell gefährdet ist, und ist wieder in ihren alten Beruf zurückgekehrt, um ihre finanzielle Situation in den Griff zu bekommen.

Impfzentren: PTAs beklagen mangelnde Kommunikation

Ihr Kollege Tobias Wohlers (Name geändert) wartet ebenfalls auf sein Geld. Auch er ist seit Ende Dezember als PTA in einem Berliner Impfzentrum im Einsatz. „Die Verwaltung schuldet mir inzwischen rund 10.000 Euro“, sagt der 39-Jährige. Er beklagt ebenfalls eine „mangelnde Kommunikation“. Niemand könne einem erklären, woran es liegt, wenn man genauer nachfrage. Es gebe keine kompetenten Ansprechpartner.

Wie Jennifer Schneider hat auch Tobias Wohlers seinen Honorarvertrag noch nicht unterschrieben zurückbekommen. Zum Glück arbeite er noch hauptberuflich in einer Apotheke und habe deshalb keine finanziellen Schwierigkeiten, aber die „Machenschaften ärgern ihn“, wie er sagt. 

Bereits vor vor ein paar Monaten wurden auch Apotheker für die Berliner Impfzentren gesucht. Die Apothekerkammer Berlin veröffentlichte auf ihrer Homepage den Aufruf für die Personalsuche des Berliner Senats. Laut der Pharmazeutischen Zeitung hatten sich im Dezember mehr als 1000 pharmazeutische Fachkräfte für den Einsatz in einem der sechs Berliner Impfzentren gemeldet.

Der KURIER fragte bei der Apothekerkammer nach, ob ihnen die geschilderten Schwierigkeiten der Mitarbeiter in den Impfzentren bekannt sind? „Die Problematik ist der Kammer bekannt und wir haben uns in dieser Sache mehrfach an die Senatsverwaltung gewandt, hierzu aber noch keine abschließende Antwort erhalten. Der aktuelle Sachstand ist uns nicht bekannt“, teilte Sprecherin Franziska Sommerfeld mit. 

Die zuständige Senatsverwaltung für Gesundheit in Berlin war für den KURIER mehrfach telefonisch nicht erreichbar, antwortete auf eine schriftliche Anfrage zur Honorar- und Vertragsproblematik wie folgt: „Berlin ist mitten in der Auszahlung.“ Es sei sehr bedauerlich für alle Beteiligten, dass der Bund hier die notwendigen rechtlichen Regelungen mit Blick auf die Sozialversicherungspflicht nicht geschaffen habe – analog zu den ärztlichen Honorarkräften in den Corona-Impfzentren. Zuletzt habe der Bundesrat einen entsprechenden Entschluss gefasst.

Hintergrund: In dem Entschluss des Bundesrates vom 12. Dezember „Gesetz zur Reform der technischen Assistenzberufe in der Medizin und zur Änderung weiterer Gesetze (MTA-Reform-Gesetz)“ ist geregelt, dass Ärzte in einem Impfzentrum oder einem dort angegliederten mobilen Impfteam von der Sozialversicherungspflicht befreit sind. Das greift für pharmazeutisch-technische Assistenten bislang nicht. Deshalb soll die Bundesregierung nun prüfen, ob die Beitragspflicht in der Sozialversicherung auch für sie gilt und sie auch über Unfallversicherungsträger des jeweiligen Impfzentrums versichert sein könnten.

Ab März soll es Klarheit für die Berliner Impfhelfer geben

Die Zeitarbeitsfirma, die von der Berliner Senatsverwaltung für Personalangelegenheiten in den Impfzentren beauftragt wurde, ließ eine schriftliche Anfrage des KURIER unbeantwortet. Ein Mitarbeiter teilte am Telefon mit, dass man sich dazu nicht äußern wolle. Inzwischen haben die Mitarbeiter eine Nachricht des Dienstleistungsunternehmens erhalten, dass es bezüglich der Auszahlung der Honorare und der neuen Honorarverträge ab 1. März 2021 mehr Klarheit gebe und dass sie den neuen Honorarvertrag zeitnah erhielten.

Für Jennifer Schneider ist diese Nachricht nicht zufriedenstellend. Sie würde sich wünschen, dass der Berliner Senat mit der gleichen Leidenschaft und Einsatzbereitschaft agierte, wie er es von seinen Honorarkräften in den Impfzentren verlangt. Sie sagt: „Für uns ist das existenziell. Es sind auch Eltern unter den Mitarbeitern, die ihre Kinder versorgen müssen. Wir können nicht länger warten.“