Die 63 gefälschten Hitler-Tagebücher lösten den wohl größten Medienskandal Deutschlands aus. dpa

Ja, warum eigentlich nicht? In Zeiten von Fake News, falschen Fuffzigern und serienmäßig gefälschten Impfpässen passt diese neue Drama-Serie wie der Piks in den Oberarm: Im Delphi-Filmpalast hat am Mittwochabend „Faking Hitler“ Berlin-Premiere gefeiert. Das neue Streaming-Highlight von RTL+ ist ein sehenswertes Remake des Kinoerfolgs „Schtonk!“ (1992, damals mit Uwe Ochsenknecht und Götz George in den Hauptrollen). In dem Sechsteiler geht es noch einmal um die vermeintlichen Hitler-Tagebücher, die das Hamburger Magazin Stern vor beinahe 40 Jahren veröffentlichte. Und es ist nicht der einzige Skandal.

Hamburg, 1983. Die große Zeit des Journalismus ist noch nicht vorbei. Print lebt, das Anzeigengeschäft boomt, und wer als Journalist einen Scoop landet, wird schnell reich und berühmt. Gerd Heidemann ist einer von ihnen. Vielleicht der Durchgeknallteste und Größte von allen großen Journalisten jener Tage.

Lars Eidinger spielt den Stern-Journalisten Gerd Heidemann. Hier präsentiert er die vermeintlichen Hitler-Tagebücher. RTL/UFA Fiction

Seit mehr als 25 Jahren ist der Abenteurer, Fotograf und ehemalige Kriegsberichter beim Stern beschäftigt, seine Beiträge über den berüchtigten KZ-Arzt Professor Dr. Carl Clauberg und die blutige NS-Vergangenheit des Wiesbadener Polizeichefs Oskar Josef Christ waren echte Knüller. Jetzt braucht er endlich einen neuen Erfolg, sonst sind die Tage beim Stern für ihn gezählt, lässt sein Chef brutal durchblicken.

Heidemann ist eine schillernde Figur. Er verdient als Reporter so viel Geld (10.500 DM  im Monat!), dass er sich eine eigene Jacht leisten kann. Es ist die ziemlich runtergekommene Luxusjacht „Carin II“, die früher dem Kriegsverbrecher und Ober-Nazi Hermann Göring gehörte. Mit dessen Tochter Edda hat Heidemann dann auch noch eine mehrjährige Affäre.

Der Stern hatte Heidemann für den Erwerb der Hitler-Tagebücher 9,3 Millionen DM überlassen

Er lebt teilweise auf der Jacht, empfängt dort Politiker, Alt-Nazis und Wirtschaftsbosse und recherchiert so seine großen Stern-Geschichten. Das alles auch in Absprache mit dem damaligen Stern-Herausgeber Henri Nannen. Für den Buchvertrag zum Thema „Bordgespräche“ gab’s von Nannen persönlich einen Vorschuss über 60.000 Mark. Eine vergleichbar maritime Atmosphäre in Interviews gibt es heute nur auf der „Pioneer One“, dem auf der Spree kreuzenden Schiff des Ex-Spiegel-Autors und heutigen Morning-Briefing-Herausgebers Gabor Steingart.

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Heidemanns nächster Scoop kommt dann auch bald – allerdings in der Gestalt des Malers und Militaria-Sammlers Konrad Kujau, der ihm nach erstem Zögern für einen Koffer voll Geld die vermeintlichen Hitler-Tagebücher überlässt. Der Stern hatte Heidemann für den Erwerb der Kladden 9,3 Millionen DM überlassen. Im Frühjahr 1983 beginnt das Magazin schließlich mit dem Abdruck der „Hitler-Bücher“. Es sollte der größte Medienskandal der 1980er-Jahre werden, wenn nicht der größte aller Zeiten. Heidemann wird entlassen, ebenso wie Kujau verurteilt, der Rest ist Medien-Geschichte.

Wir beschränken uns nicht auf die Geschichte der Hitler-Tagebücher, sondern beschäftigen uns ausgiebig und liebevoll mit den 80er-Jahren.

„Faking Hitler“-Produzent Tommy Wosch

In „Faking Hitler“ spielen Lars Eidinger (Heidemann) und Moritz Bleibtreu (Kujau) die Hauptrollen, und sie machen ihre Arbeit gut und glaubwürdig, auch wenn das Milieu, in dem sich beide bewegen, manchmal überzeichnet wirkt, was vor allem – wie oft bei Serien – die Medienwelt betrifft. Beide Schauspieler sind auf der Höhe ihres Könnens und stehen im Saftstau ihres künstlerischen Lebens. Man merkt ihnen wirklich an, sie haben mit jeder Faser Lust an ihrem Beruf.

„Faking Hitler“: Jetzt soll es endlich mal lustig werden und sexy und unpolitisch und auch sinnlos

Die Serie von Tommy Wosch (Drehbuch und Produktion) wurde von Ufa Fiction produziert und von Wolfgang Groos (Til Schweiger gab Ufa-Produzent Wosch die Empfehlung!) und Tobi Baumann in Szene gesetzt. Tommy Wosch merkte an: „Wir beschränken uns nicht auf die Geschichte der Hitler-Tagebücher, sondern beschäftigen uns ausgiebig und liebevoll mit den 80er-Jahren. Dieses Jahrzehnt ist das Lieblingsjahrzehnt der Deutschen. Anfang der 80er liegen zwei Weltkriege hinter Deutschland, die Teilung, der heiße Herbst. Jetzt soll es endlich mal lustig werden und sexy und unpolitisch und auch sinnlos.“

Moritz Bleibtreu, Lars Eidinger und Sinje Irslinger spielen die Hauptrollen in „Faking Hitler“. RTL/UFA Fiction

Auch zur Frage, was seine Serie von Helmut Dietls Satire „Schtonk!“ unterscheidet, hat Wosch immer eine klare Meinung gehabt: „,Schtonk!‘ gehört mit ,Sommer vorm Balkon‘, ,Kroko‘, ,Gundermann‘ und ,Das Boot‘ zu meinen fünf deutschen Lieblingsfilmen. Ich finde diesen Film geradezu unglaublich unterhaltsam und komisch. Um diese durchschlagende Komik zu erzielen, haben die Macher darauf verzichtet auf die wirklich tragische Seite dieser Geschichte einzugehen. Für eine Satire ist das legitim. ,Schtonk!‘ brauchte Kujau als Heldenfigur. Mit ihm sollen die Zuschauer:innen mitgehen, mit ihm sollen sie lachen. Da haben wir ein anderes Konzept: In der ersten Folge soll unser Kujau das Publikum verführen, sie sollen ihn mögen, ihm gönnen, sie sollen ihm Fehler verzeihen. Und diese Fehler kommen dann auch nach und nach und am Ende die Erkenntnis, dass dieser Kujau kein sympathischer Kleinkrimineller war, nicht nur der kleine Mann von der Straße, der es denen da oben mal richtig gezeigt hat, sondern vor allem der Mann, der beinahe unser komplettes Hitlerbild über den Haufen geschmissen hätte. Adolf Hitler kein Monster, sondern ein gemütlicher Du und Ich, der vom Holocaust nichts wusste. Die Antwort auf die Frage, ob er das ‚nur‘ aus Geldgier gemacht hat oder auch aus Überzeugung, überlassen wir dabei den Zuschauer:innen.“

Premiere von „Faking Hitler“ in Berlin: Tommy Wosch, Wolfgang Groos, Moritz Bleibtreu, Lars Eidinger, Sinje Irslinger, Tobi Baumann, Markus Brunnemann und Hauke Bartel auf dem roten Teppich (v. l.). RTL/UFA Fiction/ Sascha Radke

Erzählt wird „Faking Hitler“ nicht wie eine Netflix-Serie, sondern eher wie ein einziger langer Film, der in sechs Teile zerlegt wurde. Das macht ihn aber nicht weniger sehenswert.

Bemerkenswert ist der Hinweis, dass die Macher es mit den Fakten bewusst nicht so genau nehmen wollten. So wird zum Beispiel die mutmaßliche Doppel-Informanten-Rolle Heidemanns, der sowohl der Stasi als auch dem bundesdeutschen Verfassungsschutz Informationen geliefert haben soll, souverän verwischt: In „Faking Hitler“ scheint Heidemann  (Eidinger) bei einer Recherchereise 1983 in die DDR erstmals mit Stasileuten in Kontakt zu treten. Der echte Heidemann gab allerdings zu, schon 1953 von einem Stasi-Offizier angesprochen worden zu sein.

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Natürlich sind das Kleinigkeiten, die die Qualität der Serie – und besonders ihren detailverliebten Blick auf die 80er-Jahre, was Mode, Design, Frisuren und Habitus angeht – nicht schmälern. Ebenso wenig die Einführung fiktiver Figuren, wie die der Nachwuchsjournalistin Elisabeth Stöckel (Sinje Irslinger). Sie deckt die SS-Vergangenheit von Horst Tappert auf, fungiert als moralischer Kompass in einer durch und durch verkommenen Männerwelt – und rettet damit die Ehre ihres gescholtenen Berufsstands.

Jeanette Hain in „Faking Hitler“ als genusssüchtige, schwer parfümierte, liebestolle Edda Göring

Auf die wichtigste Frage kann auch „Faking Hitler“ leider keine schlüssige Antwort geben: Wusste Heidemann eigentlich, dass es sich bei den Büchern um Fälschungen handelte? Ohne hier zu viel zu verraten: Angedeutet wird das kurz im 4. Teil der Serie, in der Heidemann (Eidinger) Kujau den Text für das D-Day-Tagebuch Hitlers ins Telefon zu diktieren scheint. Am Ende jedoch wird diese Frage nicht restlos geklärt.

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Hervorheben sollte man noch die schauspielerische Leistung von Jeanette Hain als genusssüchtige, schwer parfümierte, liebestolle Edda Göring. In einer Szene bringt sie ihre verrückte Beziehung zu Gerd Heidemann überspitzt so auf den Punkt: „Wenn wir beide im Bett sind, vögelst du dann eigentlich mich oder meinen Vater?“ Die Antwort bleibt er ihr natürlich schuldig.

Berlin: Das Schauspieler-Paar Saskia de Tschaschell und Moritz Bleibtreu kommt zur Premiere der Serie „Faking Hitler“ in den Delphi-Filmpalast.  dpa/Carstensen

In weiteren Rollen sind zu sehen Ulrich Tukur, Hans-Jochen Wagner, Daniel Donskoy, Ronald Kukulies, Reiner Schöne und Katharina Heyer. Zur starken Besetzung noch mal Tommy Wosch: „Die wenigen Szenen zwischen Lars und Moritz sind natürlich das absolute Sahnehäubchen. Mein heimlicher Superstar bei diesem Projekt ist aber Britta Hammelstein, die die Ehefrau von Konrad Kujau spielt. Britta kam, sah und siegte mit einer unglaublichen Natürlichkeit und Präzision.“ Dem können wir uns hier nur anschließen.

Zur Berlin-Premiere brachte Moritz Bleibtreu (50) übrigens seine 20 Jahre jüngere Freundin Saskia de Tschaschell mit. Das Paar spazierte Hand in Hand über den Teppich und saß später gut gelaunt im Kino. Bleibtreu sagte: „Es kommt nicht so häufig vor, dass man Figuren spielt, die man mag. So fragwürdig das war, was er damals getan hat, war es ein großer Spaß, Konrad Kujau zu spielen. Die Serie jetzt zum ersten Mal zu sehen und das Publikum so begeistert zu erleben, ist eine große Freude.“

„Faking Hitler“ ist ab 30. November 2021 auf RTL+ im Stream zu sehen.