Oliver Pritzkow ist Planespotter. Seit seiner Kindheit fotografiert er Flugzeuge. Er ist auf das oberste Deck des Parkhauses 54 gefahren, für letzte Bilder von den Terminalgebäuden. Berliner Kurier Sabine Gudath

Tschüss, Schönefeld! Die Glasfront des Hauptgebäudes, das einst 100 Millionen DDR-Mark gekostet hat, glänzt in der Sonne - wie damals die gläserne Fassade des Palastes der Republik. Doch nun, nach 75 Jahren Flugbetrieb, ist Schluss am früheren DDR-Zentralflughafen. Der Airport südöstlich von Berlin, der inzwischen BER Terminal 5 heißt, wird an diesem Montag stillgelegt.

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Ganz schön lang, das Objektiv! Oliver Pritzkow fällt auf am Flughafen Schönefeld. Er hat eine Kamera mit einem langen Tele mitgebracht. „400 Millimeter. Falls ich noch etwas Interessantes sehe“, sagt der Mann aus Weißensee. Viele Chancen, Flugzeuge zu fotografieren, wird es für Pritzkow und andere Planespotter nicht mehr geben. Denn dieser frühlingshafte Sonntag ist der vorletzte Betriebstag. Schönefeld schließt am 22. Februar, erst einmal vorübergehend für ein Jahr, wie Airport-Chef Engelbert Lütke Daldrup, immer wieder betont. „Doch ich glaube nicht, dass Schönefeld jemals wieder öffnet“, sagt Pritzkow.

Drei Flüge am Montag - und das war's dann

Der 48-Jährige steht vor dem Hauptgebäude von 1976, das einst 100 Millionen DDR-Mark gekostet hat. An diesem Sonntag sind tatsächlich einige Fluggäste nach Schönefeld gekommen. Rollkoffer werden über Splitreste gezogen. Sieben Starts stehen auf dem Plan, nach Varna, Alicante, Mailand, Moskau, Tirana, Chisinau und Sofia. Kurz vor Schluss gibt es noch einmal so etwas wie Normalität.

Doch die Coronakrise hat auch diesen Teil des BER geleert. „Im Februar hatten wir Tage ohne einen  einzigen Start, eine einzige Landung. Da kam kein einziger Fluggast zu uns“, erzählt das Personal in dem Bäckerei-Container, vor dem Pritzkow Kaffee trinkt. Abgesehen von Laggners Alpenhütte gibt es keine andere Möglichkeit mehr, sich zu versorgen, ansonsten ist alles schon geschlossen. In der Bäckerei ist die Stimmung traurig: „Heute ist der letzte Tag. Ab morgen ist zu, und ich bin arbeitslos.“

Eine Tupolev TU-134A der Interflug auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld 1970.  Foto: imago/Gerhard Leber

Für diesen Montag stehen noch drei Flüge auf dem Programm. Um 7.15 Uhr startet Ryanair nach Rom. Zehn Minuten später landet laut Plan eine Wizzair-Maschine aus Kiew, um 8.05 Uhr in die Ukraine zurückzufliegen. Aber dann endet der Flugbetrieb. Das Gebäude M wird weiterhin genutzt, für ein Impfzentrum und von der Bundespolizei. In die anderen Bauten wird nach dem Auszug der letzten Mieter Ende März Stille einziehen.

Schönefeld nicht mehr benötigt

Weil am BER das Aufkommen auf weniger als zehn Prozent des Vor-Corona-Stands gesunken ist, wird Schönefeld nicht mehr benötigt. „Durch die Schließung sparen wir rund 70.000 Euro pro Tag“, sagt Lütke Daldrup. In einem Jahr soll erstmals geprüft werden, ob Terminal 5 erneut aufgeht. Chancen dafür gibt es aber nur dann, wenn die jährliche Fluggastzahl in Berlin wieder die 20-Millionen-Marke übersteigt. Das wären mehr als doppelt so viele Reisende wie 2020. „Ich glaube nicht, dass es in den nächsten Jahren dazu kommen wird“, sagt Oliver Pritzkow.

Der Flughafen Berlin-Schönefeld 1995. 



Foto: imago/Manngold

Das Luftfahrt-Virus sprang an zwei Orten auf ihn über. „Wir wohnten in Prenzlauer Berg unter der Einflugschneise von Tegel. Grünheide, wo meine Eltern Dauercamper waren, liegt unter der Einflugschneise von Schönefeld.“ Für Pritzkow, der inzwischen in Weißensee lebt, war Schönefeld „mein Heimatflughafen“. Als Jugendlicher stand er mit einer „russischen Knipse“ auf der Besucherterrasse. „Viele Exoten waren zu sehen, zum Beispiel Airlines aus Mosambik und Angola.

Aber auch Flugzeuge von West-Airlines.“ Inzwischen ist Pritzkow 48 Jahre alt und Familienvater, doch seinem Hobby ist er treu geblieben. Seine Internetseite www.berlinspotter.de wird stark frequentiert. Die Foto-Ausbeute in Schönefeld ist aber schon seit langem nicht mehr groß. Vor dem Parkhaus 54, von dem aus viele Planespotter fotografiert haben, versperren längst Bauten den Blick.

Um Tempelhof und Tegel wurde getrauert – um Schönefeld nicht

Anders als Tempelhof und Tegel scheint Schönefeld kaum betrauert zu werden. Das könnte mit der DDR-Vergangenheit zu tun haben, als das Reisen stark beschränkt war, sagt Oliver Pritzkow. „Natürlich hatte ich hier Fernweh. Aber damals dachte ich auch: Erst als Rentner wirst Du nach Amsterdam oder Kopenhagen reisen.“ Später war SXF dann Berlins Airport der Billigflieger.

Auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ziehen sich zurück. „Ab Montag halten wir nur noch am Bahnhof, nicht mehr hier, am Terminal“, sagt ein Busfahrer – und outet sich als Fan. Er sei immer gern von Schönefeld geflogen. „Hier kann man sich nicht verlaufen. Der Flughafen ist sehr übersichtlich.“ Nicht so groß wie andere, geradezu gemütlich. Schade, dass nun Schluss ist.