Ein bisschen Heimeligkeit suchen die Menschen auf der Stargarder Straße in Berlin.  Foto:  Stefanie Hildebrandt

Biegt man bei Dunkelheit von der Schönhauser Allee in die Stargarder Straße ein, wird einem ganz warm ums Herz. Blinkende Lichter, Menschen, Glühweinduft, der durch die Kälte zieht. Längst ist die Glühwein-Meile in Prenzlauer Berg kein Geheimtipp mehr.

Der Bürgersteig ist voll von bechertragenden Flaneuren. Darunter sind viele Paare, aber auch kleinere Grüppchen. Manche bewegen sich von Ausschank zu Ausschank die Straße entlang, andere stranden wie Treibgut unter hell erleuchteten Markisen, verfangen sich an den einladenden Lichtinseln.

Die aktuellen Corona-Regeln, welche derzeit Treffen aus nur zwei Haushalten mit maximal fünf Personen erlauben, werden ziemlich offensichtlich regelmäßig gebrochen. Und das ruft jetzt das Pankower Ordnungsamt auf den Plan. Man wolle Glühwein-Pulks mit Augenmaß zerstreuen, sagt Ordnungsstadtrat Daniel Krüger (AfD). Auch in der Hufelandstraße, am Senefelder Platz und im Kreuzberger Graefekiez sind vermehrt Advents-Jünger und Glühwein-Junkies unterwegs.

Glühwein to go statt Weihnachtfeier

Die Firmen-Weihnachtsfeier dürfe nicht stattfinden, man sei vom Büro aus hierher gekommen, sagt ein Vierergrüppchen, das auf dem Bürgersteig vor der Bar Höschen am Helmholtzplatz steht. Auf einen Absacker und um ein bisschen in Weihnachtsstimmung zu kommen. Im Badfish sei es es günstig und der Schuss Alkohol falle besonders großzügig aus, sagen sie. Jetzt probieren sie den hiesigen Glühwein. Im Höschen schmeckt es ein wenig nach Lakritz. Eine schöne junge Dame reicht den Becher aus dem schummerigen Gastraum durchs Fenster. In den Grüppchen vor den erleuchteten Luken wird Englisch gesprochen und Spanisch, es ist ein bisschen wie Klassenfahrt ins Amsterdamer Rotlichtviertel. Prenzlauer Berg hat einen Glühwein-Strich.

Der Außerhausverkauf von Lebensmitteln ist erlaubt, er sei jedoch eher zum Abholen von Speisen gedacht, so Stadtrat Krüger. Alkoholausschank oder Glühwein zum Mitnehmen verstoße zwar nicht gegen die Regeln, sei aber potenziell problematisch. Denn das Einhalten der Masken- und Abstandsregeln sei beim gemeinschaftlichem Trinken von Glühwein kaum möglich, so Krüger. Gegen diese „Glühwein-Pulks“ müsse das Ordnungsamt nun vorgehen, sagte der Politiker.

An diesem Abend ist von den Mitarbeitern des Amtes aber noch nichts zu sehen. Einer, der schon öfter nach der Arbeit hier auf einen Absacker ging, berichtet aber, dass die Mitarbeiter Pulks mit scheuchenden Handbewegungen zum Weitergehen animierten. Eine Strafe habe er bisher nicht erhalten. „Wir machen das mit Augenmaß, wir ziehen nicht gleich den Quittungsblock. Unsere Kollegen im Außendienst werden die Gastronomen und Besucher dafür sensibilisieren, dass es zu keiner Pulkbildung vor den Türen kommt“, so Daniel Krüger.

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In Bewegung bleiben ist also das Gebot der Stunde, und so geht es wie in einem Wandelgang im Sanatorium zu. Einer der sich auskennt, gibt den Glühwein-Durstigen einen Tipp: Ein voller Becher mit Punsch reiche gerade für einen Spaziergang um die Gethsemanekirche, sagt er, dann kann man beim Giro di Glühwein einen Boxenstopp einlegen und nachtanken.

Für die Bars ist das Geschäft ein kleines Zubrot, von Glühwein für drei Euro für den Becher wird hier keiner reich. „Grüppchenbildung bitte vermeiden“, oder „bitte weiter gehen“, haben sie auf Schilder vor ihren Lokalen geschrieben. Doch die Masse auf der Suche nach Weihnacht und nach Gemeinsamkeit ist träge. Nach zwei Glühweinen liest es sich in der Dunkelheit ja auch so schlecht. Beim nächsten Mal wollen sich die Arbeitskollegen noch ein bisschen dicker anziehen. Eine Erkältung ist das Letzte, was man jetzt gebrauchen kann.